Ihre Amtszeit begann 2004 aus Trotz, wie Anita Gnann-Hass, noch bis zu diesem Samstag die Präsidentin des Chorverbands Friedrich Schiller, sagt. „Da saßen mehr als 100 Männer aus den fast 60 Chören in der Hauptversammlung und keiner wollte Präsident werden – ein Armutszeugnis dachte ich und meldete mich aus Trotz“, erinnert sich die heute 71-Jährige. Aus dieser Männerrunde musste sie sich anfangs einiges anhören: „Frauen sollen den Kartoffelsalat fürs Vereinsfest machen, nicht den Chef spielen“, sei noch einer der netteren Sätze gewesen, die sie zu hören bekam.

Die Seele geht

Als sie nach 15 Jahren Amtszeit bekannt gab, dass sie sich nicht mehr zur Wahl stellt, war der Tenor ein anderer: „Ein Verlust“, „Die Seele geht“, „Keiner wird mehr so mit Herzblut dabei sein“. An diesem Samstag wird Anita Gnann-Hass in der Erligheimer August-Holder-Halle verabschiedet, mit vielen Überraschungen, von denen sie nichts weiß, sagt ihr Mann Hans. Der Liederkranz Erligheim ist ein Verein, der ihr am Herzen liegt, genauso wie die anderen 58.

Vor 40 Jahren begann Anita Gnann-Hass bei der Liedertafel Ludwigsburg zu singen. „Seither kann ich keinen Tag sein, ohne zu singen. Wenn ich nicht mehr singe, bin ich krank oder tot.“ Schon ihr Vater, ein Ludwigsburger Schreinermeister, sang dort im Chor, war auch dessen Vorsitzender, sie selbst zweite Vorsitzende. Mittlerweile wohnt sie mit ihrem Mann in Steinheim und singt im Winzerchor Großbottwar. Sie gründete für den Verband in Backnang den „Ich kann nicht singen“-Chor für Menschen aus dem Verbandsgebiet, die sich nicht in einem Verein verpflichten wollen. Zudem gründete sie einen Kinderchor an einer Schule in Hochberg.

Das Gebiet des Chorverbands Friedrich Schiller erstreckt sich von Murrhardt über Backnang nach Ludwigsburg in den nördlichen Landkreis. Alle „ihre“ Vereine besuchte sie regelmäßig, das war ihr wichtig, um den 4000 Mitgliedern Respekt entgegenzubringen, wie sie sagt. Sie führte den Ehrungssonntag ein, bei dem langjährige Vereinsmitglieder geehrt werden. Sie besuchte jedes Konzert, zu dem sie eingeladen war. Die Geschäftsstelle des Verbandes in Marbach schloss sie, nahm das Büro mit in ihr Haus, „dann konnten mein Mann und ich schneller reagieren, wenn wir was tun konnten“, sagt sie.

Auch die Verbandsveranstaltungen waren ihr sehr wichtig, da steckte sie viel Zeit und auch privates Geld hinein. Sie erzählt von einem großen Konzert des Chorverbandes, das im K in Kornwestheim stattfinden sollte. Da gab es einen Tag vor dem Konzert Asbestalarm. „Wie sollte das gehen, 500 Besucher unterzubringen, kein Catering zu haben wie im K?“ Gnann-Hass improvisierte, die Waldorfschule Ludwigsburg stellte ihre Aula zur Verfügung. Sie und ihr Mann belegten am Wohnzimmertisch in Steinheim 500 Canapees. „Schlussendlich wurde die Aufführung der Carmina Burana ein großer Erfolg und kostete uns weniger als vorgesehen“. Überhaupt: Ihre Amtszeit startete mit 20 000 Euro Schulden. Jetzt übergibt sie an ihre Nachfolger, die auch in Erligheim gewählt werden, einen gesunden Haushalt.

In ihrem Fazit über ihre Amtszeit kommt aber auch die Kritik nicht zu kurz: „Ich habe versucht, für die Vereine viele Schulungen, Infoveranstaltungen oder Lehrgänge zu organisieren, mit mäßigem Erfolg“, sagt sie und lässt durchklingen, dass es oft auch daran scheitere, ob ein Gesangsverein oder Chor weiter existieren könne, wenn man „beratungsresistent“ sei, so Gnann-Hass.  „Ich hatte manchmal den Eindruck, dass diese Einladungen auf unterster Vereinsebene gar nicht ankommen, vielleicht wären einige Vereine besser für die Zukunft aufgestellt, wenn sie zuließen, dass ihre Mitglieder mehr Verantwortung übernehmen“, sagt Gnann-Hass.

Ihr größtes Augenmerk während ihrer Zeit als Verbandspräsidentin lag auf den Kindern. „Kinderchöre sind die Zukunft der Gesangsvereine, und für Kinder ist es sehr wichtig, dass sie singen“, sagt sie. Ja, Kinderchöre kosteten Geld, „aber diese Investition lohnt sich, nur ein Verein mit Kinderchor hat eine Zukunft“. Sie lobt Vereine wie den Sängerkranz Bietigheim, der sich die „Singing Kids“ leistet, oder die Chorvereinigung Besigheim. Wie es ihre Art ist, wird sie deutlich: „Die Vereine haben Geld, wollen sie das ins Grab mitnehmen oder lieber in einen Kinderchor investieren?“ Auch dass viele Vereine Kooperationen scheuten, mit Schulen, Musikschulen oder anderen Institutionen, könne sie nicht verstehen. „Hauptsache, es gibt wieder mehr Kinder, die singen“, sagt sie.

Info An diesem Samstag, 16. März, 14 Uhr, findet in der August-Holder-Halle in Erligheim die Jahreshauptversammlung mit Wahlen des Präsidiums des Chorverbands Friedrich Schiller statt. In diesem Rahmen wird Anita Gnann-Hass verabschiedet.