Kreis Ludwigsburg / Gabriele Szczegulski  Uhr

Seit Mai 2018 gibt es bei der Schiller-Volkshochschule (VHS) in Bietigheim-Bissingen den Fachbereich für Grundbildung und Alphabetisierung, der von Julia Ebenhofer geleitet wird. Die VHS des Kreises ist damit in Baden-Württemberg eine der wenigen, die die Zeichen angesichts der hohen Zahlen an Menschen, die nicht gut lesen und schreiben können und die der Alltag oft überfordert, richtig gedeutet, und diesen Fachbereich eingerichtet hat.

Und trotzdem hinkt das Ländle den anderen Bundesländern weit hinterher, deren Bemühungen um die Alphabetisierung teilweise schon in den 1970er-Jahren begonnen haben, in denen es unzählige Angebote zum Thema Grundbildung gibt.

Erst vor Kurzem hat das Kultusministerium seine Offensive im Bereich Grundbildung intensiviert. Hartmut Engler, Bietigheimer Sänger von Pur, ist der Alphabetisierungs-Botschafter. Er soll dem Thema das Stigma nehmen. „Es ist dringend notwendig, aktiver zu werden, die funktionale Analphabetisierung aus der Schamecke herauszuholen“, sagt Julia Ebenhofer. Mit funktionalem Anaphabeismus ist die Schwäche gemeint, bestimmte Funktionen des Alltags, nicht nur lesen und schreiben, nicht erfüllen zu können. Ebenhofer macht die Rechnung auf: 7,5 Millionen Deutsche haben Schwierigkeiten, zu lesen und zu schreiben, haben einen geringen Wortschatz, können Inhalte nicht deuten, den Sinn von Sätzen nicht wiedergeben. Das bedeute, so Ebenhofer, eine Million Baden-Württemberger sind funktionale Analphabeten, heruntergebrochen auf den Landkreis seien dies 50 000, in Bietigheim-Bissingen 3900 Menschen. Das Problem ist: Es ist schwer, diese Menschen zu finden und zu bewegen, sich weiterzubilden.

Nur zwei sitzen in dem neuen VHS-Kurs von Susanne Schneiderhan, „Gscheid lesen und schreiben können“. „Die Hemmschwelle ist noch zu hoch für diese Menschen, die Tabuisierung dieses Problems in der Gesellschaft ist groß“, sagt Julia Ebenhofer. Susanne Schneiderhan erzählt, dass eine der Teilnehmer nie die Schule beendet hat, früh Kinder bekam und sich „irgendwie durchs Leben schlängelte“. „Ihr größter Wunsch ist, den Führerschein machen zu können, deshalb sitzt sie in dem Kurs“, erzählt Schneiderhan.

Genau wegen solchen Einzelschicksalen wollen die beiden den Kampf gegen den Analphabetismus aufnehmen. Für Bietigheim-Bissingen hat Ebenhofer eine ganze Reihe von Kursen entwickelt, die die sogenannte Grundbildung ermöglichen. Sie weiß aber auch, dass gerade für die Kurs-Adressaten der Weg ins VHS-Büro im Schloss in Bietigheim oder zum Kursraum eine Weltreise bedeutet.

„Wir benötigen in der Stadt ein Netzwerk, nur durch unsere Werbung und unser Programm kommen wir nicht an diese Menschen heran, wir müssen ihnen durch vertraute Menschen zeigen, du musst dich nicht schämen“, sagt Ebenhofer, die bereits mit den Kirchen, der Caritas oder der Stadt im Gespräch ist. Sie spricht auch das Problem der „Mitwisser“ an: „Im Laufe der Jahre haben diese Menschen jede Menge Strategien erlernt, sich, die Lehrer, die Arbeitgeber und ihr Umfeld zu täuschen. Oft werden sie aber auch von ihrem engsten Umfeld geschützt. Dort müssen wir ansetzen“, sagt sie.

Eine Idee, den Menschen, die  aus dem Bildungsraster gefallen sind, eine Heimat zu geben, sei ein VHS-Café, sagt  Ebenhofer. Dort könnten sich die Menschen unverbindlich treffen, mit anderen sprechen, sich Informationen einholen, „alles bei einer Tasse Kaffee“. Doch bisher konnte dieses Projekt in Bietigheim nicht realisiert werden, obwohl, so Julia Ebenhofer, Bietigheim die größte Außenstelle der Schiller-VHS ist. „Das Problem, so sagt sie, „ist nicht nur eines, das die Betroffenen wegdrücken, es wird auch in der Gesellschaft gerne verleugnet“.

Kurse in Grundbildung und Alphabetisierung bei der Schiller-VHS

Grundbildung und Alphabetisierung  ist weit mehr als Lesen und Schreiben lernen. Es geht dabei um Bildung als tragende Basis, die den Menschen gesellschaftliche Teilhabe ermöglicht. Menschen mit Lese- und Rechtschreibschwächen ziehen sich oft zurück, nehmen nicht am sozialen Leben teil. Grundbildung umfasst alle Lebensbereiche und befähigt den Menschen zu einem selbstverantwortlichen und selbstbestimmten Leben.

Die Schiller-VHS im Schloss in Bietigheim bietet in der „Gscheid“-Reihe Kurse an: „Gscheid lesen und schreiben können“ für Erwachsene mit Deutsch als Muttersprache oder vergleichbaren Deutschkenntnissen. In „Gscheid schreiben können“ werden Briefe und Mitteilungen schreiben geübt. „Gscheid lesen können“ ist eine Lesewerkstatt. In „Gscheid hören und sprechen“ geht es um die Magie der Sprache. Englische Wörter im Deutschen verstehen ist der Sinn von „Gscheid verstehen“. „Gscheid begleiten“ hilft Eltern, deren Kind in die Schule kommt. „Gscheid essen“ setzt sich mit gesunder und preiswerter Ernährung auseinander. Zudem gibt es für beratend Tätige, Erzieher und Familienmitglieder den Kurs „Funktionale Analphabeten erkennen, ansprechen, informieren“.

Die Kosten für die Kurse werden nicht vom Jobcenter oder anderen Institutionen übernommen. Auf Wunsch sucht Julia Ebenhofer aber nach finanziellen Förderungen für einkommensschwache Teilnehmer. sz

www.schiller-vhs.de