Schwerpunkt Literatur Ein ganzer Ausstellungsraum für ein Buch

Die Leiterin der Museen auf der Schillerhöhe, Ellen Strittmatter, kuratierte die Ausstellung „Die Erfindung von Paris“ im Literaturmuseum der Moderne. Auf dem Foto zeigt sie die Erstausgabe von Siegfried Kracauers „Jacques Offenbach und das Paris seiner Zeit“.
Die Leiterin der Museen auf der Schillerhöhe, Ellen Strittmatter, kuratierte die Ausstellung „Die Erfindung von Paris“ im Literaturmuseum der Moderne. Auf dem Foto zeigt sie die Erstausgabe von Siegfried Kracauers „Jacques Offenbach und das Paris seiner Zeit“. © Foto: Martin Kalb
Gabriele Szczegulski 13.10.2018

Siegfried Kracauers Buch „Jacques Offenbach und das Paris seiner Zeit“ sei eines der „unterschätzten Bücher der Weltliteratur“, sagt Ellen Strittmatter, Leiterin der Museen auf der Marbacher Schillerhöhe. Sie kuratierte die Ausstellung „Die Erfindung von Paris“ im Literaturmuseum der Moderne. Kracauers Buch ist, so sagt sie, das Kernstück in der Ausstellung, und belegt einen ganzen Raum. Schon alleine diese Tatsache macht das Buch zu einem besonderen. Aber es zeigt auch, wie ein Literaturarchiv arbeitet und wie die Geschichte eines Buches in einer Ausstellung visualisiert wird. Es zeigt aber zuvorderst, wie ein Schriftsteller sich seinem Sujet annähert, wie der Exilant sich Paris zu eigen macht, um die Pariser Geschichte und Gesellschaft zu verstehen. Kracauer beschrieb 3500 winzige Zettel mit Informationen vor allem zu Paris. 

Der Titel des Buches von Kracauer suggeriert eine Offenbach-Biografie, doch der Autor schreibt gleich in seinem Vorwort: „Dieses Buch gehört nicht in die Reihen jener Biografien, die sich in der Hauptsache darauf beschränken, das Leben ihres Helden zu schildern.“ Nein, Kracauer nennt sein Buch eine „Gesellschaftsbiografie“. Offenbach wirkt als eine Art Filter für eine soziologische Gesellschaftsstudie des Paris des ausgehenden 19. Jahrhunderts aus dem Blickwinkel des 20. Jahrhunderts. „Eine Gesellschaftsbiografie in dem Sinne, dass es mit der Figur Offenbachs die der Gesellschaft erstehen lässt, die er bewegte und von der er bewegt wurde und dabei einen besonderen Nachdruck auf die Beziehungen zwischen der Gesellschaft und Offenbach legt“, sagte Kracauer.

Der wichtigste Grund aber, dass sich der Journalist und soziologische Schriftsteller, der 1933 nach Paris emigrierte und dieses Exildasein mit seinem Protagonisten gemeinsam hat, ist, dass Kracauer Geld benötigte. Er dachte, wenn er sich eines populären Mannes, nämlich des überaus beliebten Operettenkomponisten, annehme, würde sich das Buch gut verkaufen. „Falsch gedacht“, sagt Ellen Strittmatter. Die Kritiker zerrissen das Buch, die Leser kauften es nicht. Es lag wohl genau daran, so die Literaturwissenschaftlerin, dass es Kracauer eben nicht um Offenbachs Musik und sein Leben ging.

Popkultur des 19. Jahrhunderts

Kracauer zeigt in dem Buch im Prinzip, dass die Popkultur, die Hysterie und der Rausch um Personen im 19. Jahrhundert begonnen hat, zu seiner Zeit eine Vollendung auch im Nazi-Wahn hatte und bis in heutige Zeiten reicht. Um Offenbach, ebenfalls ein deutscher Exilant in Paris, den verkannten Musiker, der zeitlebens darunter litt, als Operettenkomponist verschrien zu sein, geht es dabei kaum.

In dem Raum im Literaturmuseum der Moderne, der sich dem Buch und seiner Entstehung widmet, hatten die Mitarbeiter laut Ellen Strittmatter die „einmalige Chance, Dinge aus Kracauers Nachlass zusammenzuführen und seine Methode, sich dem Stoff, aber auch seiner Exilstadt Paris zu nähern, darzustellen“.

Literaturmuseum der Moderne: Die Erfindung von Paris

Ellen Strittmatter und Susanna Brogi kuratierten die aktuelle Ausstellung „Die Erfindung von Paris“ im Literaturmuseum der Moderne in Marbach. Sie zeigt aus den Beständen des Deutschen Literaturarchivs, wie sich deutsche Schriftsteller Paris erdachten, erlasen und erschrieben. Die Ausstellung ist bis zum 31. März 2019, von 10 bis 18 Uhr, geöffnet. Führungen gibt es immer am ersten und dritten Sonntag im Monat, jeweils um 11 Uhr.

Die Ausstellung folgt den Erfindern von Paris auf ihren Wegen durch die Stadt, erkundet den spezifischen Blick und die jeweiligen Gangarten ihrer literarischen Produktionen: Am Beginn dieser Reihe steht Heinrich Heine, der Paris für alle diejenigen entdeckt hat, die im 20. Jahrhundert in Paris Exil oder Inspiration gesucht haben.

Siegfried Kracauer, geboren am 8. Februar 1889 in Frankfurt am Main, gestorben am  26. November 1966 in New York war ein deutscher Journalist, Soziologe, Filmtheoretiker und Geschichtsphilosoph. Kracauer ist Autor der ersten empirisch-soziologischen Studie in Deutschland (“Die Angestellten“) und gilt als einer der Begründer der Filmsoziologie.

„Jacques Offenbach und das Paris seiner Zeit“ von Siegfried Kracauer ist als Suhrkamp Taschenbuch erschienen und kostet im Buchhandel 10 Euro.

Am Dienstag, 23. Oktober, 19.30 Uhr, diskutieren im Literaturmuseum der Moderne in Marbach die Romanistin und Übersetzerin Elisabeth Edl, der Autor und Lektor Wolfgang Matz und der Schweizer Romanist Robert Kopp über Charles Baudelaire, den großen Dichter der Stadt Paris und seine berühmten Übersetzer. sz

www.dla-marbach.de

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