Brille auf, Kopfhörer herunterklappen und die beiden Controller in die Hand nehmen und schon kann es losgehen. Die Treppe emporsteigen, einen Gang durchqueren, die Tür öffnen und man steht in einem kargen Raum mit einem Bett, einem Tisch sowie einem Nachtstuhl und einem Kanonenofen – und zwar im Jahre 1850. Besucher des Museums Hohenasperg können seit Neuestem nämlich als paranormale Forscher in die Vergangenheit reisen und zwei historischen Insassen des Gefängnisses beziehungsweise ihren Geistern dabei helfen, ihre letzte Ruhe zu finde – und das in einer Auflösung, die den Besucher vollkommen in den Bann zieht.

Der Schlüssel ist eine VR-Brille (Virtual Reality), die ermöglicht, den Raum authentisch wahrzunehmen und die Außenwelt auszublenden. „Die Illusion ist frappierend. Ich war baff“, sagt die Museumskuratorin Dr. Franziska Dunkel.

Letztes Jahr entwickelt

Dies alles ermöglicht ein Spiel, das Eva Mattausch im vergangenen Jahr entwickelte. Als Studentin der Hochschule der Medien in Stuttgart befasste sich Mattausch bereits viel mit virtueller Realität (VR). Nebenher arbeitete sie lange Zeit als studentische Hilfskraft im Haus der Geschichte und da kam ihr die Idee, beides in ihrer Abschlussarbeit zu vereinen. „Wir überlegten dann gemeinsam, welche Außenstelle des Hauses der Geschichte und welche Thematik sich dafür am besten eigne“, sagt Mattausch. Die Wahl fiel auf das Museum Hohenasperg, wo sich viele Besucher einen Blick in die historischen Zellen wünschten, die jedoch durch viele Umbauten über die Jahre nicht mehr erhalten waren. Nur die räumliche Struktur der Zellen sei noch erhalten sowie die Maße, etwa sechs mal fünf Meter und die karge Innenausstattung, ergänzt Kuratorin Dunkel.

Jedes Jahr werden im Museum Hohenasperg einzelne historische Gefangene in den Mittelpunkt gerückt, sagt Professor Dr. Paula Lutum-Lenger, Direktorin des Hauses der Geschichte. In diesem Jahr seien das nicht nur zwei andere Biografien, „es wurde eine neue Ebene eingezogen“, so die Direktorin. Natürlich wolle man sich der Zeit anpassen, jedoch nicht nur durch die neue Technik, der Mehrwert sei entscheidend. „Wir wollten etwas, was man hier sonst nicht hätte, nämlich den Blick in die Zellen, wie sie damals aussahen.“ Es sei eine „Erweiterung der Ausstellung, nicht nur ein Wiederkäuen“, so die Entwicklerin des Spiels.

Einer der ersten Außenstehenden, der das Spiel ausprobieren durfte, war Aspergs Bürgermeister Christian Eiberger. „Es ist etwas Geniales und wird zur Aufwertung des Museums beitragen“, sagt Eiberger gegenüber der BZ. Die VR-Brille, an der zwei Kopfhörer befestigt sind, funktioniert mit zwei Linsen, einer pro Auge, die jeweils ein Stereobild zeigen, wodurch der Eindruck des Räumlichen entsteht. Auch kann sich der Benutzer um 360 Grad umsehen.

Türen öffnen per Knopfdruck

Die beiden Controller, die in den Händen gehalten werden, reagieren auf Knopfdruck, wodurch sich der Spieler durch die virtuelle Welt teleportieren oder Türen öffnen kann. Preislich lag die Brille beim Erwerb bei 450 Euro, mit Monitor und dem Rechner, der eine erhebliche Leistung braucht, beträgt der Gesamtpreis rund 4000 Euro, die Stadt Asperg beteiligte sich mit 50 Prozent an der Hardware.

„Die akute Entwicklungszeit lag bei drei Monaten“, so Mattausch. Hilfe habe sie von Kommilitonen bekommen. Das Spiel ist simpel gehalten, intuitiv zu bedienen und für Kinder ab zwölf Jahren gedacht. Insgesamt dauert es zehn Minuten. Wer nicht selbst spielen will, kann dem Spielenden auf dem Bildschirm bei seiner Reise durch die Erinnerungen von Marianne Pirker und Theobald Kerner (siehe Infokasten) begleiten.

Info Das Spiel ist ein Exponat der aktuellen Ausstellung und im Eintrittspreis von 4, ermäßigt 2 Euro enthalten. Das Museum Hohenasperg ist bis Saisonende am 3. November von Donnerstag bis Sonntag sowie an Feiertagen von 10 bis 18 Uhr geöffnet.

www.hohenasperg-museum.de

Zwei historische Insassen kommen im Spiel vor


Theobald Kerner (1817 bis 1907) war Arzt und Dichter, und der Sohn von Justinus Kerner. In der Märzrevolution 1848/49 engagierte er sich öffentlich politisch, was zu seiner Inhaftierung auf dem Hohenasperg führte, wo er 1850/51 fünf seiner zehn Monate Haft verbrachte, bis sein Vater eine vorzeitige Entlassung erreichte. In Gefangenschaft schrieb er für seine Tochter Justina das Blumenmärchen der Prinzessin Klatschrose, das er selbst illustrierte und später auch als Kinderbuch veröffentlichte.

Marianne Pirker (1717 bis 1782) war eine Opernsängerin, die unter Herzog Carl Eugen ein festes Engagement hatte. Als es 1756 zu einer herzoglichen Ehekrise kam, wurde ihr vorgeworfen, der Herzogin von den Eskapaden ihres Gemahls berichtet zu haben, woraufhin sie ohne Verhör oder Prozess inhaftiert wurde – und das für acht Jahre. Die Sängerin verlor in Haft ihre Stimme und beinahe auch den Verstand. hevo