Zum Abschluss der Ausstellung der Gedenkstätte Grafeneck und der Gemeinde Ingersheim im Rathaus über Krankenmorde im Nationalsozialismus wird am 30. Januar, 19 Uhr, im Sitzungsaal der Propagandafilm „Ich klage an“, im Verleih der Murnau-Stiftung Wiesbaden, aus dem Jahre 1941 gezeigt.  Dazu gibt es eine Einführung  von Thomas Stöckle,  Leiter der Gedenkstätte Grafeneck, mit anschließender Diskussion.

Der Tod als Endlösung

Neben Antisemitismus war auch das Thema Euthanasie, also die Tötung Behinderter und die so genannte „Vernichtung lebensunwerten Lebens“, bei den Nazis ein Filmthema und  ist  ein  düsteres Kapitel der  Filmgeschichte. So wurden bei der  Realisierung des Films  Regisseur Wolfgang Liebeneiner  von Reichspropagandaleiter Joseph Goebbels „Richtlinien“ an die Hand gegeben.

In dem Film  bittet  eine junge Frau, Hanna Heydt, die an Multipler Sklerose erkrankt ist, um Sterbehilfe. Ihr Mann Thomas, ein  Arzt, forscht im Labor  nach einer Medizin gegen die unheilbare Krankheit. Als Hannas Leben immer stärker beeinträchtigt wird, bittet sie zunächst ihren mit der Familie befreundeten Hausarzt Bernard Lang um den Gnadentod. Als dieser ablehnt, bedrängt sie ihren Ehemann, sie zu erlösen.

Da dessen Forschungen keine Heilung in Aussicht stellen, entscheidet er sich dazu, seiner Frau ihren Wunsch zu erfüllen und tötet sie mit Gift. Hausarzt Bernard Lang wendet sich von ihm ab und Thomas wird wegen Mordes bei der Staatsanwaltschaft angezeigt.  Ihm  wird der Prozess gemacht, in dem die verschiedensten Meinungen über den Fall zur Sprache kommen, von der Mordanklage bis zur Bewertung der Tötung als humanitäre Erlösung. Im Schlusswort bekennt sich Thomas zu seiner Tat und spricht sich für die Legalisierung der Euthanasie aus.

Im Schlusswort des Ehemanns wird die Intention des Films auf den Punkt gebracht: „Es geht hier nicht um mich, sondern um die Hunderttausende jener hoffnungslos Leidenden, deren Leben wir gegen die Natur verlängern müssen und deren Qualen wir damit ins Widernatürliche steigern. Und es geht um jene Millionen von Gesunden, denen kein Schutz vor Krankheit zuteil werden kann, weil alles, was dazu notwendig wäre, verbraucht werden muss, um Wesen am Leben zu erhalten, deren Tod für sie eine Erlösung und für die Menschheit die Befreiung von einer Last wäre.“

Durch das bedauernswerte Schicksal der Hanna Heydt emotionalisiert, soll der Zuschauer die Überblendung und Gleichsetzung von Sterbehilfe und Tötung „lebensunwerten Lebens“ vollziehen: Das Inhumane tritt getarnt als Humanität auf.

15,3 Millionen Besucher

Der Propagandafilm „Ich klage an“ ist die einzige Filmproduktion des Dritten Reichs, die sich direkt mit dem Thema der gesetzlichen Sterbehilfe auseinandersetzt. Die zeitgenössische Wirkung des Films war beachtlich, genannt werden von 1942 bis Januar 1945 Besucherzahlen von 15,3 Millionen.

Ehemalige Verbotsfilme, darunter auch  „Ich klage an“, sind im Bestand der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung und werden  in öffentlichen Aufführungen zugänglich gemacht.