Carola Maitra ist seit vergangenem Herbst die neue Vorsitzende der Ärzteschaft im Landkreis Ludwigsburg. Die 57-Jährige ist nicht nur die erste Frau in dieser Position, sondern auch die erste im Krankenhaus angestellte Vorsitzende. Die Anästhesistin leitet die Abteilung für Schmerztherapie in der Orthopädischen Klinik Markgröningen. Sie ist mit einem niedergelassenen Hausarzt aus Hemmingen verheiratet. Im Gespräch mit der BZ erzählt sie, wie sie zum neuen Amt kam, wie man den Ärztenachwuchs für die Selbstständigkeit begeistern kann und warum es gar nicht schlecht sein muss, dass sich die Kliniklandschaft in der Region verändert.

Frau Dr. Maitra, wie kam es dazu, dass Sie Vorsitzende der Ärzteschaft geworden sind?

Carola Maitra: Ich war zuvor schon vier Jahre Mitglied im Vorstand. Das fand ich sehr interessant, weil alle aktuellen Themen aus der Medizin dort eine Rolle spielen. Ich bin als Schmerztherapeutin sehr spezialisiert und durch das Ehrenamt komme ich eben auch mit anderen Fachgebieten in Berührung. Wichtig für meine Entscheidung war, dass wir im Vorstand gut zusammenarbeiten. Nachdem mein Vorgänger Herr Friederich erklärte, er werde aufhören, habe ich gedacht, wir Frauen beschweren uns oft über einen zu geringen Frauenanteil in Führungspositionen, dann muss ich nun auch die Hand heben, wenn es gilt, eine verantwortliche Stelle neu zu besetzen.

Was ist der größte Unterschied zur vorherigen Tätigkeit als Vorstandsmitglied?

Herr Friederich war lange dabei und hat vieles mit seiner Routine gelöst, das ist nun bei mir noch nicht so. Als bloßes Vorstandsmitglied hat man einzelne Fachbereiche und nun bin ich eben für alles Ansprechpartnerin. Im Moment macht es mir riesig Freude und die Familie hat sich auch noch nicht über die Mehrbelastung beschwert.

Laut Auswertung der Kassenärztlichen Vereinigung liegt in der Region Bietigheim-Bissingen/Besigheim der Versorgungsgrad was Hausärzte betrifft nur bei 89,5 Prozent. Ist das ein schlechter Wert?

Die 89,5 Prozent sind aktuell kein dramatischer Wert, aber viele Allgemeinmediziner sind zwischen 50 und 60 Jahren alt. Das kann schon ein Problem werden, aber eher nicht in Bietigheim selbst sondern in den kleinen Ortschaften im Kreis. Da ist Fantasie gefragt, was getan werden kann, damit die Versorgung auch in Zukunft gewährleistet werden kann. Es wird sicherlich größere Praxen geben. Die Einzelpraxis ist ein Auslaufmodell. Die Zukunft sind eher Zentren mit mehreren Ärzten.

Wie kann es gelingen, junge Ärzte für die Selbstständigkeit zu begeistern?

Das geht durch Praktika, bei denen man ihnen zeigt, wie viel Freude es macht, selbstbestimmt zu arbeiten. Sicherlich hilft dabei auch finanzielle Unterstützung, etwa durch Kommunen oder das Landratsamt. Wichtig für den Ärztenachwuchs sind auch andere Faktoren, wie ausreichende Kinderbetreuung wenn man mit dem Gedanken spielt, sich als Hausarzt niederzulassen.

Eine andere Geschichte sind die Fachärzte. Wer einen Termin bei einem Spezialisten braucht, muss sich in der Regel auf teils monatelange Wartezeiten einstellen.

Bei den Fachärzten ist das in der Tat so. Und das selbst wenn alle für eine Region von der Ärztekammer vorgesehenen Stellen besetzt sind. Als Kreisärzteschaft können wir aber nur versuchen Einfluss nehmen bei den Kassenärztlichen Vereinigungen und nicht selbst entscheiden, in einem Gebiet mehr Ärzte anzusiedeln.

Laut Kassenärztlicher Vereinigung gibt es zum Beispiel nur einen Versorgungsgrad von 58,7 Prozent bei Kinder- und Jugendpsychiatern im Kreis. Das liest sich wie eine dramatische Unterversorgung.

Nach meiner Kenntnis sind derzeit keine Kassensitze für  Psychiater unbesetzt. Es kann natürlich aber sein, dass es zu wenige spezialisierte Kinder- und Jugendpsychiater gibt, aber bei der Wahl des Spezialgebiets ist jeder Mediziner frei. Es gibt bei freiwerdenden Stellen allerdings für die Kammern nur wenige Möglichkeiten, in der Richtung etwas zu unternehmen beziehungsweise gezielt auszuschreiben.

Auch im Krankenhaus-Bereich gibt es ja Versorgungsängste. Die RKH Kliniken im Kreis stehen vor Umstrukturierungen und mancher hat Angst, dass ihm etwas weggenommen wird.

Da unterliegt man wirtschaftlichen Zwängen. Es ist heute nicht mehr möglich, Krankenhäuser unter 500 Betten wirtschaftlich zu betreiben. Da wird die Medizin schlechter, die Versorgung schlechter. Jeder fährt doch lieber ein bisschen weiter zu Experten auf dem Gebiet als im kleinen Krankenhaus eine OP vornehmen zu lassen, die dort nur selten durchgeführt wird. Es gibt auch keine Generalisten mehr bei den Chirurgen. Ende der 1980er-Jahre hat man in kleineren Krankenhäusern von der Sprunggelenksfraktur bis zum Darmkrebs alles operiert, das gibt es heute gar nicht mehr. Das ist aber auch eine gute Entwicklung. Wer etwas öfter macht, ist einfach besser darin.

Aus aktuellem Anlass müssen wir ein Thema ansprechen: Das Coronavirus. Müssen wir uns im Kreis Sorgen machen?

Zum jetzigen Zeitpunkt: Nein. Ich denke, es werden auch hier im Landkreis Ludwigsburg Fälle auftreten, dafür sind wir aber gerüstet. Für den Einzelnen ist wichtig, dass der wichtigste Schutz Hygiene ist: Jeder kann sich schützen, indem man sich die Hände gründlich wäscht und gegebenenfalls desinfiziert. Panikmache hilft überhaupt nicht, auch wenn wir wachsam bleiben müssen. Derzeit gilt weiterhin: An einer Grippe sterben mehr Menschen als beim Coronavirus. Sehr viel mehr Menschen sind von der Grippe betroffen. Dagegen kann man sich im Übrigen noch impfen lassen.

So sind die Ärzte im Land und Kreis organisiert


Fast 68 600 Ärzte gehören der Landesärztekammer Baden-Württemberg an. Rund 20 100 Kammermitglieder sind im ambulanten und etwa 25 000 im stationären Bereich tätig. Außerhalb dieser Bereiche arbeiten 4800 Ärzte. Rund 17 800 Kammermitglieder sind im Ruhestand oder ohne ärztliche Tätigkeit.

Die Aufgaben der Landesärztekammer sind den Gesundheitsschutz der Bevölkerung zu fördern und mit anderen Gesundheitsberufen zu kooperieren. Außerdem nimmt sie die Berufsinteressen der Ärzte wahr und berät Politik und Verwaltung. Auch die ärztliche Weiterbildung zu überwachen und zu fördern gehört zu den Aufgaben der Kammer.

Die Landesärztekammer ist unterteilt in vier Bezirksärztekammer, jeweils in den Regierungsbezirken Nord- und Südwürttemberg sowie Nord- und Südbaden. Die Bezirke sind dann weiter aufgeteilt in lokale Ärzteschaften.

Die Ärzteschaft Ludwigsburg gehört zum Bezirk Nordwürttemberg und vertritt nach eigenen Angaben rund 2100 Ärzte im Kreis. Carola Maitras Vorgänger im Amt, der Markgröninger Hausarzt Dr. Michael Friederich, trat nach zwölf Jahren nicht mehr an. bz