Mundart Die langlebige Sprachgrenze

Kreis Ludwigsburg / Uwe Mollenkopf 09.11.2016

Wen das Zeitliche gesegnet hat, ist in Markgröningen daut, in Bissingen und Hohenhaslach dagegen dot. Mehrere Hühner bezeichnet ein alteingesessener Markgröninger als Heer, in Bissingen sind es Hear und in Hohenhaslach Hier. Während man in Großingersheim noch mit der Gabel isst, greift der Erligheimer zur Gawel. Ein babylonisches Sprachgewirr im Landkreis Ludwigsburg? Nicht ganz, es gibt ein Ordnungsprinzip.

Wie ein Blick in den Historischen Sprachatlas von Baden-Württemberg zeigt, der auf Erhebungen aus der Mitte des 20. Jahrhunderts basiert, geht mitten durch den Landkreis eine Sprachgrenze, die vom Böblinger Raum kommend in nordöstliche Richtung verläuft, um dann jenseits des Neckars eine überwiegend östliche Richtung zu nehmen. Ein Projekt von Dialektforschern der Uni Tübingen, die aktuell dabei sind, einen neuen, digitalen Sprachatlas zu erstellen, bestätigt diese Grenze, auch wenn es im Detail Unterschiede gibt.

Demnach wird im Süden des Kreises reines Schwäbisch gesprochen, im Norden und Westen beginnt der schwäbisch-fränkische Übergangsbereich. Der geht bis Heilbronn, das zum rein südfränkischen Gebiet zählt. Markgröningen liegt im schwäbischen Bereich, Bissingen, Hohenhaslach und Erligheim dagegen bereits im Übergangsgebiet – neben ortsspezifischen Redewendungen ist das der Grund für die unterschiedlichen Ausdrücke. Je weiter man nach Norden kommt, desto weniger schwäbische Dialektanteile gibt es. Anders ausgedrückt: Im Raum Sinsheim isst man nur noch mit der Gawel.

Allerdings würde sich kein Bewohner dieser Orte als Südfranke bezeichnen, sondern wechselweise als Schwabe, Badener oder Kurpfälzer. Dass die Mundartforscher diese Bezeichnung gewählt haben, hat historische Gründe. Nach dem Abzug der Römer war der hiesige Raum zunächst ganz von den Alemannen besiedelt, für die später die Bezeichnung Schwaben gängig wurde. Nach der Niederlage gegen die Franken an der Wende vom 5. zum 6. Jahrhundert rissen sich die Sieger jedoch die nördlichen Landesteile unter den Nagel und verdrängten die Alemannen teilweise nach Süden. Es entstand ein Gebiet, in dem sich fränkische und schwäbisch/alemannische Ausdrücke mischten. Dieser Raum um den mittleren Neckar werde deshalb auch als ein „sprachliches Schlachtfeld“ bezeichnet, stellen Helmut Orth und Esther Schütz im Heimatbuch „Weinort Hohenhaslach“ fest, das viele Sprachbeispiele enthält.

Dass die Eigenbezeichnung fränkisch hierzulande verschwunden ist, während sich die Sprachgrenze ohne Schlagbaum durch die Jahrhunderte hindurch hielt, dürfte zum einen daran gelegen haben, dass es im Mittelalter nur kurzzeitig  ein Herzogtum Franken gab, das Herzogtum Schwaben sich dagegen jahrhundertelang hielt. Hinzu kam, dass die Württemberger, die in gewisser Weise die Nachfolge der schwäbischen Herzöge antraten, nach Norden ins Fränkische hinein expandierten, und mit ihnen der schwäbische Dialekt. Die ursprüngliche Grenze zwischen den Herzogtümern Schwaben und Franken lag, wie man annimmt, am Hohenasperg.

Noch eine Sprachgrenze findet man im Übrigen, wenn man das Schwäbische selbst unter die Lupe nimmt. Ein Teil des Landkreises Ludwigsburg gehört zum Westschwäbischen, der übrige Teil zum Mittelschwäbischen. Während die Ersteren beispielsweise eine Ablehnung mit einem kernigen Noa kundtun, heißt es bei den Letzteren charmanter Noi. Eigentlich ganz einfach, pardon oa-/oifach. Uwe Mollenkopf 

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