Tamm Deutschlands erstes Asylheim das sich nahezu selbst versorgt

Die Asylunterkunft in der Ludwigsburger Straße in Tamm ist im September bezugsbereit.
Die Asylunterkunft in der Ludwigsburger Straße in Tamm ist im September bezugsbereit. © Foto: Norbert Böhme
Tamm / Heidi Vogelhuber 28.07.2018

In dieser Woche wurde es durch den Beschluss im Tammer Gemeinderat in die Wege geleitet: Die Asylunterkunft an der Ludwigsburger Straße in Tamm wird die erste Asylunterkunft mit dem sogenannten „AktivPlus“-Standard in diesem Gebäudesegment in ganz Deutschland. Das Gebäude erzeugt also annähernd so viel Energie, wie es verbraucht. In der Gemeinderatssitzung wurde beschlossen, dass auf den Dachflächen des Gebäudes eine Photovoltaik-Anlage (PV) installiert werden soll.

Die Bewilligung der PV-Anlage hat ein wenig Zeit gebraucht, berichtet der Architekt der Asylunterkunft, Norbert Böhme der Werkgemeinschaft Böhme Hilse aus Stuttgart auf Anfrage der BZ: „Ich hatte den Gemeinderat beim Richtfest etwas neckisch um eine PV-Anlage gebeten. Die Leitungen allerdings waren schon verlegt.“

Die damaligen Bedenken des Gemeinderats: Es hätte Strom ins öffentliche Netz eingespeist werden müssen, dafür wäre ein Trafo nötig gewesen und das Gebäude selbst hätte nur 30 Prozent des regenerativ erzeugten Stroms nutzen können, so Böhme. Der Architekt kann nun  durch den Gemeinderatsbeschluss in der Ludwigsburger Straße sein Credo umsetzen, das „Gebäude als Kraftwerk und Stromtankstelle“ zu nutzen. Ein Investor wird dazu eine Ladestation mit drei Schnellladern mit bis zu 350 Kilowatt Ladeleistung auf dem Grundstück der Asylunterkunft bauen, dafür zahlt er der Gemeinde eine Pacht.

Strom zwischenspeichern

In dem Stromspeicher mit mindestens 500 Kilowattstunden Kapazität kann die Gemeinde dann ihren überschüssigen Solarstrom gegen eine Mietgebühr zwischenlagern. Dies kann mit der Pacht verrechnet werden, sodass sich die Kosten aufheben. Aus der Ersparnis an eingekauftem Netzstrom hat die Gemeinde Tamm am Ende des Jahres sogar eine Ersparnis bei den Unterhaltskosten des Gebäudes. Die Eigennutzungsquote des Gebäudes liegt bei 69 Prozent. Die Anlage, wie sie nun umgesetzt wird, produziert jährlich rund 42 000 Kilowattstunden CO2-neutralen Solarstrom. Da der Verbrauch des Gebäudes in der Jahresbilanz nur sehr wenig darüber liegen wird, gilt das Gebäude als „Niedrigstenergiegebäude“ und erfüllt damit schon heute die Anforderungen, die in der Europäischen Union ab Januar 2021 gelten sollen.

Die Werkgemeinschaft Böhme Hilse ist nicht zum ersten Mal mit einer Asylunterkunft betraut worden. Im Kreis planten sie bereits in Bietigheim-Bissingen in der Grünwiesenstraße 87 eine Flüchtlingsunterkunft sowie das Wohnheim „Am Erlenweg“ in Ludwigsburg. Bereits bei diesen Projekten strebte das Architekturbüro innovative Energiekonzepte an, jedoch ist das Tammer Wohnheim ihr Vorzeigeprojekt.

Einweihung im September

Das Einweihungsfest wird am 22. September stattfinden, ob bis dahin die Batterien für den Solarstrom in Betrieb genommen werden können, kann Böhme noch nicht sagen. Bis Ende des Jahres sollen sie aber stehen. Das dreistöckige Gebäude selbst ist nicht als klassisches Wohnheim konzipiert, sondern soll 66 Personen in zwölf unterschiedlich großen Wohneinheiten zwischen 60 und 115 Quadratmetern Platz bieten. „Wenn das Gebäude einmal nicht mehr zur Unterbringung von Flüchtlingen gebraucht wird, kann es auch für Sozialwohnungen genutzt werden“, sagt Böhme.

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