Pleidelsheim / Michaela Glemser  Uhr

In ihren Märchen werden Bäume zu schönen Prinzen, wohnt Frau Holle im Holunderstrauch und färbt ein Zaubervogel die Blätter bunt: Die Märchenerzählerin Stefanie Keller  aus Pleidelsheim hat eine spezielle Verbindung zum Wald und zu seinen Pflanzen sowie Tieren. „Ich bin in Metterzimmern aufgewachsen und war mit meinen Eltern früher immer in den Wäldern im Naturpark Stromberg unterwegs. Daher mag ich die Natur und den Wald sehr gerne. Auch in der Märchenwelt spielt der Wald immer wieder eine ganz zentrale Rolle“, sagt Keller.

Prüfungen im Wald

Viele Märchenhelden wie Hänsel und Gretel, Rotkäppchen oder Schneewittchen begeben sich in den dunklen Wald und erleben dort zunächst auch dessen Gefahren wie böse Hexen oder Zauberer, wilde Tiere oder andere Bedrohungen. „Aber nahezu alle Helden durchlaufen während ihrer Zeit im Wald eine innere Wandlung und Entwicklung. Sie bestehen Prüfungen und Herausforderungen, gehen am Ende gestärkt und reifer aus dem Wald wieder hinaus in die Zivilisation“, erläutert die Märchenerzählerin.

So besiegen Hänsel und Gretel im Wald die böse Hexe und werden von verängstigten Kindern zu jungen Erwachsenen. Schneewittchen wird im Wald bei den sieben Zwergen zur schönen Frau, die einen Prinzen heiratet. Dem armen Mädchen wiederum, das im Wald jedem, den es trifft, etwas von sich schenkt, regnen plötzlich Goldtaler vom Himmel, und es ist reich. „In Märchen ist immer vom großen, dunklen Wald die Rede. Näher wird er nicht beschrieben. Der Fantasie der Leser und Zuhörer soll es überlassen bleiben, wie sie sich den Wald genau vorstellen wollen. Ich beispielsweise denke dabei immer an Laubwald, weil ich dazu eine besondere Beziehung habe. Aber auch ein Nadelwald mit seinem vielen Moos hat seinen Reiz“, erklärt Stefanie Keller. Die junge Märchenerzählerin verweist darauf, dass der Wald in den Märchen zunächst durchaus angsteinflößend sei, aber wer in den Märchenwald hineingehe, komme nicht als der gleiche zurück.

Im Märchenwald geschieht Zauberhaftes und Geheimnisvolles, auch Räuber und Verbrechen verstecken sich im Wald, gleichzeitig ist er aber auch Idylle und Ruhe. „Gerade in der Epoche der Romantik, zu der auch die berühmten Gebrüder Grimm gehören, spiegelt der Aufenthalt im Wald auch eine gewisse Sehnsucht nach Ruhe und Ordnung im Leben wider“, macht Stefanie Keller deutlich. Sie nutzt den Wald für ihre Märchenspaziergänge und -wanderungen gerne als Kulisse. „Mir kommt es dabei auch darauf an, den Kindern und Erwachsenen wieder die Natur etwas näher zu bringen und ihnen davon zu erzählen, wie wunderbar Tiere und Pflanzen sind. Wenn ich beispielsweise das Märchen vom Holunderbusch vortrage, stehe ich mit den Teilnehmern auch vor einem Holunderbusch und lasse sie Holundersirup kosten. Auch die Eichen oder Eschen können die Besucher in Form von Geschichten erleben. Zudem verstecke ich goldene Erzählsteine im Wald, die alle suchen müssen“, erläutert die Pleidelsheimerin. Sie ist fast an jedem Wochenende mit einer anderen Gruppe im Wald unterwegs. „Ich gehe die Routen immer vor der eigentlichen Wanderung zwei-oder dreimal ab und schaue, welche Plätze sich für einen Stopp anbieten. Dabei habe ich inzwischen so viele schöne Fleckchen in der Umgebung entdeckt. Ich lerne die Region von einer ganz neuen Seite kennen“, sagt Stefanie Keller.

Nicht nur bei Kindern, auch bei den Erwachsenen stellt sie immer mehr eine Rückbesinnung auf den Wald fest, der früher die Menschen größtenteils ernährt hat. „Walderlebnistage kommen bei Erwachsenen sehr gut an. Stressgeplagte Manager melden sich zu Survival Camps im Wald an“, berichtet die Märchenerzählerin. So dient der Wald den Menschen heute zwar nicht mehr hauptsächlich als Ernährer oder als Ort der Wandlung wie in den Märchen der Gebrüder Grimm, aber wer in den Wald geht, sucht meist auch Ruhe und Erholung.

Info Mehr über Stefanie Keller:

www.wortzauber.org