Bietigheim-Bissingen / Von Martin Tröster  Uhr

Das Knacken der Brustkörbe geht Jürgen Grässlin nicht aus dem Kopf. „Du vergisst nicht, dass du über Exekutionsfelder gelaufen bist“, sagt der berühmte Rüstungsgegner aus Freiburg  im Beruflichen Schulzentrum (BSZ) in Bietigheim-Bissingen am Donnerstagabend. Er berichtet von seinen vielen Reisen in ehemalige Kriegsgebiete in Afrika, in denen massenweise Zivilisten umgebracht wurden. Auch mit Gewehren und Kugeln deutscher Herkunft, zum Beispiel mit dem G3, dem ausrangierten Standard-Gewehr der Bundeswehr, einem Verkaufsschlager der Rüstungsfirma Hecker und Koch aus dem Schwarzwald.

Wenn Menschen in Afrika noch nach Jahren ihre verscharrten Angehörigen suchen, ist Grässlin dabei, um ihre Geschichten aufzuschreiben. „Eine Kugel aus einem Gewehr wie dem G3 tötet nicht gleich“, sagt der 59-jährige Lehrer. Er zeigt drastische Fotos von verstümmelten Menschen: Einem ist das Bein weggeschossen worden, ein anderer hat einen verstörenden Krater an der Schädeldecke. Der Körper ist intakt, der Verstand ist zerstört. Ein Kopfschuss.

Zahlreiche Anzeigen

Die Aufmerksamkeit ist Jürgen Grässlin sicher. Mehr als 3500 Vorträge hat er in den vergangenen 30 Jahren gehalten. Allermeistens prangerte er die Waffenexporte der deutschen Rüstungsindustrie in Kriegsgebiete an. Grässlin deckte zahlreiche illegale und dem Ruf der Rüstungsfirmen gar nicht dienliche Machenschaften auf. Zahlreiche Anzeigen hat er nach eigenen Angaben schadlos überstanden, mehrere vielgekaufte Bücher hat er zum Thema verfasst, in Dokumentarfilmen ist er aufgetreten. Für sein Engagement ist Grässlin unter anderen mit einer Ehrendoktorwürde und dem renommierten Grimmepreis ausgezeichnet worden.

Dieser fleischgewordene Alptraum der deutschen Rüstungsindustrie spricht zu den 300 Zuhören im proppenvollen Konferenzsaal der Schule. Das Thema seines Vortrags lautet „Wer Waffen sät, wird Flüchtlinge ernten“. Grässlins feuriges Referat gehört zur Vortragsreihe „Schule trifft Wirtschaft“, in der schon der SPD-Bundestagsabgeordnete Rainer Arnold zu Gast war, ein Verfechter von Rüstungsexporten, und damit ein natürlicher Gegner des Jürgen Grässlin. Die Herren kennen sich.

Grässlins Besuch ist nicht zuletzt der Höhepunkt für eine Seminargruppe von Zwölftklässlern, die sich seit Beginn des Schuljahres mit dem Thema Rüstungsexporte beschäftigen – und dafür sogar den Panzer-Hersteller Krauss-Maffei Wegmann in München besuchten, als bislang erste Schulklasse, wie BSZ-Schulleiter Stefan Ranzinger einen Manager der Firma zitiert.

Weitverbreitete Wissenslücken

Die Teilnehmer der Seminargruppe haben mehr als 1400 Mitschüler am BSZ zum Thema Rüstung befragt. Die am Donnerstagabend vorgestellten Ergebnisse belegen die weitverbreiteten Wissenslücken, die es in der ganzen Republik zum Thema gibt – auch unter Älteren: So wissen zum Beispiel die wenigsten Bürger, welches Gremium der Regierung Waffenexporte freigibt – es ist der Bundessicherheitsrat, der auch Saudi-Arabien beliefern lässt, was Grässlin immer wieder anprangert. „Saudi-Arabien ist eine schwerst menschenrechtsverletzender Diktatur“, die außerdem Terroristen mit Waffen beliefere.

Die gut informierten Schüler machten es ihm nicht zu einfach. Eine der besten Fragen war: Kann es im Interesse der Friedensbewegung sein, dass Deutschland von Rüstungsimporten abhängig ist? Denn nur für die Bundeswehr zu produzieren wäre für die deutschen Rüstungsfirmen nicht profitabel. Also müssen sie exportieren. Hier gelang es den Schülern, den tapferen Grässlin in die Defensive zu lenken – Grässlin wich mit vielen Worten und einer Gegenfrage aus: „Wäre es nicht toll, wenn Exporte durch internationale Verträge beschränkt wären?“ Die Freude an der Debatte war dem konfliktfreudigen Pädagogen aber anzusehen.