Kompressionsstrümpfe Den weißen Stützstrumpf gibt es nur noch selten

Kreis Ludwigsburg / Heidi Vogelhuber 12.01.2018

Vor nicht allzu langer Zeit war eines klar: Nach einer Operation gab es nebst der unangenehmen Thrombosespritze in den Bauch, auch die klassischen weißen Kompressionsstrümpfe. Alles um die Wahrscheinlichkeit zu verringern eine Thrombose (venöse Thromboemolie) zu bekommen. Seit neustem ist das nicht mehr der Fall.

So auch bei der Regionalen Kliniken Holding (RKH) „Der routinemäßige Einsatz der Thrombosestrümpfe wurde abgeschafft, nicht allerdings ihr Einsatz per se“, sagt Prof. Dr. med. Thomas Schiedeck, Facharzt für Chirurgie und Viszeralchirurgie am Klinikum Ludwigsburg.

Es gibt zwei Arten der Prophylaxe (vorbeugende Maßnahme): Die medikamentöse Prophylaxe, wie Thrombosespritzen oder -tabletten. Und die physikalische Behandlung, wie die Kompressionsstrümpfe und pneumatische Schienen (ein Schlauch bläst sich maschinell auf, wodurch das Laufen simuliert wird). „Die Strümpfe werden nicht als dringliche Maßnahme empfohlen“, sagt Schiedeck. Das liege daran, dass die Wirkung unbewiesen sei. „Bei der Spritze kann die Dosierung individuell an den Patienten angepasst werden. Bei den Strümpfen ist das schwierig“, fährt Schiedeck fort. Das liege an der Passform, die nicht immer maßgenau stimme, und vor allem am nicht immer korrekten Tragen. „Bei falschem Anziehen, kann der Strumpf an der falschen Stelle abschnüren oder er sitzt eben zu locker“, sagt der Chirurg. Der Übergangsbereich von Knie und Oberschenkel sei dabei die problematische Stelle. Bei der Behandlung von Krampfadern etwa werden Maßanfertigungen beauftragt, bei Notfall-Operationen sei das nicht leistbar.

Früher sei man eher nach dem Motto „viel nutzt viel“ vorgegangen, heutzutage hinterfrage man mehr, sagt Schiedeck. „Ein guter Vergleich ist der Einsatz von Antibiotikum. Früher hat man es automatisch jedem OP-Patienten gespritzt. Heute wissen wir, dass durch übermäßigen Einsatz Resistenzen gezüchtet werden können“, erklärt der Facharzt. Ohne einen tatsächlichen Grund werde nun kein Antibiotikum mehr gegeben.

Wie kam es zum Umdenken beim Einsatz der Strümpfe? „Es wurde unter anderem eine Studie durchgeführt, auf deren Grundlage Richtlinien für Deutschland ausgearbeitet wurden. In der Regionalen Kliniken Holding (RKH) haben sich die Fachbeiräte getroffen und die Verfahrensstrukturen auf den Prüfstand gestellt“, sagt Schiedeck. In Deutschland wurde bis dato nach einer sogenannten Leitlinie gehandelt, die 2010 zuletzt aktualisiert worden war. Eine der Studien, die den Stein ins Rollen brachte, kam vom American College of Chest Physicians und wurde 2012 veröffentlicht. Daraufhin wurde für Deutschland eine neue Leitlinie ausgearbeitet, die seit Ende 2015 im Einsatz ist. Beteiligt waren 27 medizinische Fachgesellschaften und die Gemeinschaft fachärztlicher Berufsverbände. Ihr Auftrag: Praxistaugliche Empfehlungen zur Prophylaxe venöser Thromboembolien (VTE) zu entwickeln. Diese neue Leitlinie ist übrigens für jedermann online einsehbar, auch eine zweite, „laienverständliche Version“ wurde erstellt.

Waren es Kostengründe, die zum Umdenken bezüglich des Einsatzes der Kompressionsstrümpfe führten? Wie der Leitlinie zu entnehmen ist, wurden „Aspekte der Effizienz und Ökonomie mitberücksichtigt, waren aber nie primär entscheidungsbestimmend.“ Auch Thomas Schiedeck betont, dass die Komplikationen aus einer falschen Behandlung (wie Abschnürungen) größer seien, als die Wahrscheinlichkeit des positiven Kompressions-Effekts. In diesem Sinne werden die Strümpfe nur noch Patienten mit erhöhtem Risiko verordnet, in der Hoffnung, dass sie helfen. Für alle anderen gilt inzwischen: Schnell wieder bewegen, dann kann auf die beengende, weiße Beinbekleidung verzichtet werden.

www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/003-001.html

Was ist Thrombose eigentlich?

Die Blutgerinnung ist bei einer Verletzung lebenswichtig: Am verletzten Gefäß lagern sich Blutplättchen an und bilden Schorf. Dann legt sich ein Netz aus Gerinnungseiweiß über die Verletzung, sodass diese heilen kann. Bei einer Thrombose passiert etwas Ähnliches, aber ungeplant, am falschen Ort und zur falschen Zeit.

Tritt eine Thrombose auf, bildet sich ein Blutgerinnsel (Thrombus) in einem Blutgefäß oder im Herzen. Durch den entstehenden Blutpfropf wird der Blutfluss behindert.

Eine Thrombose kann in jeder Ader des Körpers vorkommen – mit unterschiedlichen Folgen, wie Schlaganfall oder Herzinfarkt. Vergleichsweise häufig bilden sich Thrombosen in den Venen des Beins, was schlimmstenfalls zu einer Lungenembolie führen kann. hevo

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