Ein ganz normaler Schultag an einer örtlichen Realschule: Vor Beginn der ersten Unterrichtsstunde melden sich zwei Lehrer krank. Der Konrektor versucht mit Stundenverlegungen und Vertretungen, die Ausfälle zu kompensieren. Stunden für bezahlte Vertretungen sind entweder keine vorhanden oder bereits aufgebraucht. So beaufsichtigt der Konrektor während der ersten Stunde notgedrungen drei Klassen gleichzeitig. Mühsam gelingt es, alle Klassen bis wenigstens zwölf Uhr sinnvoll zu beschäftigen, die sechste Stunde und der Nachmittagsunterricht müssen entfallen.

Der Personalnotstand ist mittlerweile das größte Problem an den Schulen, im Primar- wie auch Sekundarbereich, so die Meinung vieler Rektoren. Die BZ hat sich in Real- und Gemeinschaftsschulen im Kreis umgehört, was man über das Thema Fortbildungen denkt und was insgesamt am meisten unter den Nägeln brennt. Neben der schlechten Lehrerversorgung und übervollen Klassen werden strukturelle Probleme infolge der sich immer weiter öffnenden Schere in der Leistungsfähigkeit der Kinder genannt.

Herausforderung Heterogenität

An den Realschulen melden sich viele Schüler an, die den Anforderungen des mittleren Bildungsniveaus nicht gewachsen sind. „Etwa ein Viertel der neuen Schüler haben nicht die passende Grundschulempfehlung und leiden darunter“, sagte der Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft der Realschulrektoren Holger Gutwald-Rondot der Deutschen Presse-Agentur. Laut GEW, der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, gibt es an Realschulen, an denen jeweils fast ein Viertel der Fünftklässler eine Haupt-/Werkrealschulempfehlung oder eine Gymnasialempfehlung mitbringt, sowie an den Gemeinschaftsschulen gibt es die größte Heterogenität in den Klassen.

In der landesweiten GEW-Umfrage aus dem Jahr 2019 zu den Arbeits­bedingungen an den Schulen wird demnach als größte Herausforderung im Unter­richt die Leistungs­bandbreite der Schüler genannt, am stärksten an Realschulen. In der Sekundarstufe 1 aller Schularten werden Disziplin- und Verhaltensprobleme an erster Stelle genannt. Während die Arbeitsgemeinschaft der Gemeinschaftsschulen die immer größere Vielfalt der Schüler und ihre Begabungsstreuung begrüßt und als Bereicherung bezeichnet, sei die Abschaffung der für die Eltern verbindlichen Grundschulempfehlung 2011/12 für die Mehrheit der Schulleiter an Realschulen und Gymnasien der Sündenfall schlechthin gewesen, der zur Überforderung vieler Kinder und den aktuellen Verwerfungen im baden-württembergischen Bildungssystem geführt habe.

Umstellung für Realschulen

Gemeinschaftsschulen arbeiten schon immer intensiv erzieherisch und am Lernvermögen des einzelnen Kindes orientiert. Für Realschulen und Gymnasien, die historisch stärker auf die anvisierten Schulabschlüsse (Mittlere Reife und Abitur) ausgerichtet waren, ist dies immer noch neu. Trotz der Alltagsbelastung machten gerade die jüngeren Kollegen einen sehr guten Job und seien unglaublich engagiert, sagen die Rektoren der Eichwald-Realschule Sachsenheim, der Realschule im Aurain und der Realschule Bissingen. Da viele Kollegien sich von vorgeordneten Behörden alleine gelassen fühlen, haben sie sich schon längst aufgemacht, selbst kreativ zu werden und für die jeweilige Schule passende Lösungen zu suchen.

Hilft es nun den Schulen, wie Inken König, die Kreisvorsitzende der GEW, in einer Pressemitteilung fordert, den Schularten Unterstützung durch zahlreichere und qualifiziertere Fortbildungen zu bieten? König sagt: „Wir erleben immer wieder, dass Fortbildungen zum Umgang mit Heterogenität über­bucht sind. Die Qualitätsreform kommt nicht voran, seit 2016 hat die Kultusministerin die Chance nicht genutzt, schnell Fortbildungsangebote auszubauen.“ Die GEW setze sich dafür ein, die Gemein­schaftsschulen für den Ganztagsbetrieb, Coaching und Inklusion besser zu unterstützen.

Für die von der BZ befragten Schulleiter sind Fortbildungen ein wichtiger Baustein jeder erfolgreichen Lehrerkarriere, sowohl in psychologischer wie auch fachlicher Hinsicht. Selbstverständlich dürfe eine Schule nie stehen bleiben und sich neueren Erkenntnissen der Forschung und der Praxis verschließen. Es gebe bereits ein sehr breites Angebot an Fort- und Weiterbildungen gibt – vom Landesamt für Schulentwicklung, den Akademien für Lehrerbildung und anderen staatlichen Stellen, der schulinternen Lehrerfortbildung, den Pädagogischen Hochschulen, den Kirchen und stiftungsgebundenen Anbietern. Und wenn in den von Inken König genannten unterversorgten Bereichen neue dazukommen, begrüßen das die Rektoren ausdrücklich. Damit seien aber die beschriebenen personellen und strukturellen Probleme an den Schulen keineswegs vom Tisch.