Abfallwirtschaft Das Biomüll-Netzwerk entsteht

Bietigheim Bürgerentscheid Biomüll Steinbruch Fink. Plakate für- und gegen die Biogutvergärungs-Anlage in Bietigheim. Plakat-Aufschrift: Keine Müll-Stadt Bietigheim-Bissingen. Biomann-Plakat: Energiewende betrifft uns alle.
Bietigheim Bürgerentscheid Biomüll Steinbruch Fink. Plakate für- und gegen die Biogutvergärungs-Anlage in Bietigheim. Plakat-Aufschrift: Keine Müll-Stadt Bietigheim-Bissingen. Biomann-Plakat: Energiewende betrifft uns alle. © Foto: Werner Kuhnle
Bietigheim-Bissingen / Andreas Lukesch 18.07.2017

Bereits am Samstag berichtete die BZ über die Pläne einer Vergärungsanlage für Biomüll aus dem Landkreis Ludwigsburg im rheinland-pfälzischen Landkreis Germersheim nahe Westheim (Luftlinie von Bietigheim-Bissingen: 63 Kilomteter, auf der Straße rund 114 Kilometer). Jetzt laufen die Mühlen des Planungsverfahrens an. Mit ähnlich großen Widerständen wie sie der  geplanten Anlage im Steinbruch Fink in Bietigheim-Bissingen entgegenschlugen rechnen die Beteiligten bisher nicht. Im Gegenteil: „Im Moment ist das die beste Lösung, wirtschaftlich mit der geplanten Anlage in Bietigheim-Bissingen vergleichbar“, sagte Stadtwerke-Chef Rainer Kübler der BZ.

Drei bis vier Lkw täglich

Die Bietigheimer Stadtwerke sind Teil des Konsortiums Biogutvergärung Bietigheim (BVB), das die Anlage in Germersheim errichten und betreiben wird. Die Biomüllgärung entsteht auf dem Gelände einer 20 Jahre alten Kompostierungsanlage, die von Suez betrieben wird. Der Entsorger ist auch im Landkreis Ludwigsburg aktiv, so sind die Bietigheimer auf die sanierungsbedürftige Anlage in Rheinland-Pfalz gestoßen.

Für die Bietigheimer kann die Planung zum Glücksfall werden, denn mit dem erfolgreichen Bürgerentscheid vor genau einem Jahr gegen eine Biomüllvergärung im Steinbruch Fink waren die potenziellen Betreiber der Anlage gegenüber dem Landkreis und der AVL nicht aus der Pflicht entlassen, den Biomüll aus dem Landkreis zu verwerten. Und so lief die Standortsuche weiter.

Dass die Müllwagen voraussichtlich ab 2019 mehr als 100 Kilometer zurücklegen müssen, um den Landkreis-Biomüll der Vergärung zuzuführen, ist der Wermutstropfen. Drei bis vier Lkw werden sich nach Einschätzung Küblers täglich auf den Weg nach Germersheim machen. „Natürlich hätten wir uns den Verkehr gern mit einer Anlage vor Ort erspart, aber das ist ja verhindert worden“, erklärte Kübler, der jetzt lieber auf die Vorteile des neuen Standorts hinweist. Denn langfristig denkt Kübler bei der Biomüllvergärung ohnehin in ganz anderen Dimension. Allein im näheren Umfeld des Landkreises sind derzeit mehrere Anlagen in der Planung, darunter in Stuttgart. Für den Standort Sinsheim habe sich die BVB bereits Kapazitäten gesichert, so Kübler. Ziel ist ein Netzwerk aus Betreibern und Anlieferern zur möglichst optimalen Auslastung der Anlagen. Auch eine Biomüllvergärungsanlage im Kreis Germersheim braucht Fremdmüll, um sich zu rechnen. Die bisherige Kompostierung liegt in einem Waldstück, dennoch sollen die Anrainer auch dort im Planungsverfahren mit ins Boot geholt werden. Ähnlich wie in Bietigheim sind in der Pfalz Informationsfahrten zu Modellanlagen und Bürgerinformationen geplant.

Auch die Argumente ähneln denen von vor einem Jahr in Bietigheim-Bissingen. „Alle geruchs­intensiven Produktionsschritte werden bei der neuen Anlage vollständig eingehaust. Daher ist keine Erhöhung der Lärm- und Geruchsemission zu befürchten“, sagte Kübler bei der Vorstellung der Planungen in Germersheim. Und der dortige Landrat Fritz Brechtel bekräftigte: „Bei der Anlieferung der Bioabfälle aus den anderen Gebietskörperschaften dürfen die Einwohnerinnen und Einwohner der angrenzenden Orte nicht zusätzlich belastet werden.“

Die Bürgerinitiative „Weder Bio noch Gut“ feierte unterdessen in Bietigheim den Jahrestag ihres erfolgreichen Bürgerentscheids. Zu den neuen Planungen ihrer „Gegner“, der BVB, bemerkte Eberhard Pfitzner von der Bürgerinitiative: „Das Grundproblem der problematischen Rückstände in den Gärresten und der zu laschen Vorschriften ist damit nicht aus der Welt geschafft.“ Tatsächlich hatte die Bürgerinitiative ihren Protest nicht nur gegen den Standort formuliert, sondern auch gegen eine nach ihrer Ansicht unausgereiften Technik der Biomüllvergärung.

Biomüll im Landkreis Germersheim

Das Suez-Kompostwerk in Westheim bei Germersheim hat eine Kapazität von 28.000 Tonnen. In der künftigen Biovergärungsanlage sollen 58.000 Jahrestonnen verarbeitet werden. Aus dem Landkreis Germersheim kommen 12.000 Tonnen Bio- und 10.000 Tonnen Heckenabfälle (38 Prozent), aus Karlsruhe 8000 Tonnen (14 Prozent) und aus Ludwigsburg 28.000 Tonnen (48 Prozent). Langfristig ist laut Suez-Geschäftsführer Oliver Grimm geplant, Teilmengen aus dem Landkreis Ludwigsburg in ortsnähere Anlagen zu liefern.

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