Herr Meyer, Ihre Wahlkampagne steht unter dem Motto "JA zu". Wozu sagen Sie nein?

CHRISTIAN MEYER: Ich bin eigentlich kein klassischer Ja-Sager, deshalb muss man wissen: Die "JA zu..."-Kampagne geht auf die Nein-Kampagne zurück, die in den südeuropäischen Krisenstaaten stattgefunden hat, wo es immer nein hieß - dabei sollten die auch mal zu was ja sagen. Ich finde daher, zu bestimmten europäischen Stabilitätsmechanismen, die momentan diskutiert werden, könnte man nein sagen.

Das heißt: kein deutsches Geld mehr für Griechenland?

MEYER: Hinter dem ersten Rettungspaket für Griechenland stehe ich voll. Wir müssen uns aber fragen: Wie siehts in Europa insgesamt aus? Gehen wir den richtigen Weg? Es brauchen ja viele Staaten Geld. Vielleicht muss da auch mal ein Nein her.

Das sind viele Vielleichts, viele Fragen.

MEYER: Ich sage nicht, dass ich Antworten parat habe. Für mich ist aber eins klar: Seit 2008 ist der Euro sieben Mal gerettet worden, und die Rettungsmaßnahmen sind nie bei den Firmen oder bei den Menschen angekommen, sondern nur bei den Banken. Die Banken haben die Krise ausgelöst, stehen heute aber wunderbar da. Da müssen wir einen anderen Weg gehen.

Sie haben einen Namensvetter, den niedersächsischen Agrarminister. Der ist allerdings bei den Grünen, Sie sind 2009 in die FDP eingetreten. Bereuen Sie die Wahl?

MEYER: Nein, überhaupt nicht. Ich stehe zu den klassischen FDP-Themen wie Bürokratie-Abbau, Steuervereinfachungen, Stärkung der Bürgerrechte, wieder mehr Freiheit.

Freiheit. Was bedeutet das für Sie?

MEYER: Freiheit ist ein großes Gefühl. Kann ich mich frei fühlen, wenn ich im Internet surfe? Nein. Kann ich mich frei fühlen, wenn mein Finanzbeamter in meine Bankkonten reingucken kann? Nein. Kann ich heute noch frei telefonieren, ohne dass es einen Nachweis gibt, wer meine Verbindungen aufgezeichnet hat? Nein. Das ist nicht die Freiheit, die ich mir vorstelle. Da muss neu justiert werden.

Sie identifizieren sich mit der FDP, viele Wähler wissen aber gar nicht mehr, wofür die Liberalen eigentlich stehen. Woran liegts?

MEYER: Die erste Hälfte der Legislaturperiode war durch eine Führungskrise gekennzeichnet, und wir habens auch nicht geschafft, uns deutlicher gegenüber dem Koalitionspartner CDU abzugrenzen. In diesem Wahlkampf gibt es jedenfalls zwei klare Aussagen: keine neuen Schulden, keine neuen Steuern. Damit unterscheiden wir uns von den anderen Parteien und machen keine Wahlversprechen.

Der Bürokratieabbau ist ein Thema, das schon seit Jahren auf der Agenda der Liberalen steht. Warum tut sich nichts? Immerhin ist die FDP Regierungspartei.

MEYER: Das Finanzministerium ist in den Händen der CDU, nicht der FDP. Und Schäuble hat in die deutsche Steuergesetzgebung 500 Seiten mehr eingebracht, er hat also nichts vereinfacht, er hat alles verkompliziert. Es geht im Grunde ja aber erst mal gar nicht darum, Steuern zu senken, sondern das System zu vereinfachen. Ich gebe jedes Jahr einen Din-A4-Ordner ab. In der Schweiz, wo ich mal Migrant war, waren es vier Din-A4-Seiten.

Die Steuern sollen nicht erhöht werden, auf der anderen Seite steigen die Ausgaben. Zum Beispiel für die Kinderbetreuung. Wie soll man das alles finanzieren?

MEYER: Wir haben einen absoluten Höhepunkt bei den Steuereinnahmen. Wenn wir damit nicht auskommen, machen wir was falsch. Wenn wir das Steuersystem vereinfachen, könnten wir enorme Einsparungen erzielen, in Ämtern und Betrieben.

Was würden Sie denn in Berlin gern für den Wahlkreis erreichen?

MEYER: Der Schwerpunkt liegt für mich auf kleinen und mittelständischen Unternehmen, die momentan überfrachtet sind mit Regelungen. Der klassische Handwerksbetrieb - der Mann ist Meister, die Frau macht das Büro -, diese Betriebe haben es richtig schwer, weil es so viele Regelungen gibt, seiens Steuern oder auch Zwangsmitgliedschaften in den Kammern. Wir müssen dafür sorgen, dass die Handwerker sich um ihr Handwerk kümmern können und nicht in einem Sumpf von Verwaltungsvorschriften versinken. Das ist für mich das oberste Ziel. Davon profitieren dann alle im Wahlkreis.

Die Gegend kämpft überdies mit einer großen Verkehrsbelastung. Sie fordern vernünftige Konzepte für eine wettbewerbsfähige Region. Wie sollen die aussehen?

MEYER: Wir kommen um einen Ausbau der Infrastruktur auf Straße und Schiene nicht herum. Logistik ist nun mal der Kernpunkt einer erfolgreichen Wirtschaft. Die Verknüpfung der europäischen Staaten wird enger, wir müssen international tätig sein, dafür braucht es gute Straßen. Gleichzeitig brauchen wir mehr Schienen für den Güterverkehr. Auch über bessere Verbindungen im Pendlerverkehr sollte man nachdenken. Ich habe da die Strecken Stuttgart-Würzburg oder Stuttgart-Zürich im Blick. Wobei die Akzeptanz in der Bevölkerung für den Bau neuer Bahntrassen nicht besonders groß sein dürfte.

Mit Schlagworten wie Leistung und Wachstum sind Sie in den Wahlkampf gegangen. Heutzutage empfinden die Menschen ihren Alltag jedoch als immer stressiger, Burn-out scheint an der Tagesordnung. Ist da ein "schneller, höher, weiter" der richtige Weg?

MEYER: Nein. Schneller, höher, weiter ist bei den Banken gescheitert. Sonst hätten wir keine Banken-, keine Euro-, keine Staatenkrise. Leistung heißt ja nicht nur eine berufliche Leistung, das kann auch eine familiäre Leistung sein - auch in einer Hartz-IV-Familie. Wenn die Eltern morgens trotzdem aufstehen, um ihre Kinder zu betreuen, ihnen regelmäßig Essen zu machen, ihnen ein gutes Vorbild zu sein, dann ist das natürlich eine Leistung. Oder freiwillige Dienste, wenn Rentner in Grundschulen gehen und Lesestunden machen oder in Kliniken Krebspatienten besuchen - Deutschland funktioniert nur noch aufgrund der freiwilligen Dienste. Für mich bedeutet Leistung die Bereitschaft, sich immer anzustrengen.

In Baden-Württemberg gehört das Direktmandat so gut wie immer den CDU-Kandidaten, über die Landesliste sind Sie nicht abgesichert - Sie sind nicht drauf. Ihre Erfolgsaussichten für den 22. September stehen demnach ziemlich schlecht. Warum dennoch der ganze Aufwand?

MEYER: Es kommt drauf an, wie man Erfolg misst. Es geht ja nicht nur darum, ob ich den Bundestag komme oder nicht.

Wie messen Sie denn Erfolg?

MEYER: Erst mal gehts darum, wie viel Prozent bekommt die FDP im Wahlkreis Neckar-Zaber im Vergleich zu Bund und Baden-Württemberg, dann darum, wie viele Erststimmen ich wirklich bekomme. Ich habe ja jetzt schon einen Erfolg zu verzeichnen. Allein, dass jemand mit 50 Jahren aus der Wirtschaft kommt und sich in einen solchen Wahlkampf wirft, dafür wird mir Respekt gezollt. Das zeigt mir, dass meine Ansichten nicht so verkehrt sind. Die Leute denken darüber nach, dass es mehr Leute aus der Wirtschaft im Parlament braucht. Das ist auch ein Erfolg, wenn auch nicht messbar. Ein Erfolg ist auch, dass ich wirklich bekannt geworden bin. Nicht immer nur positiv (lacht), einige haben auch eine negative Einstellung zu mir.

Auf viele wirken Sie elitär...

MEYER: Sicher. Manche sagen, ich bin angetreten nach dem Motto "Mein Haus, mein Auto, mein Pferd". Dabei stehe ich einfach nur dafür, dass sich Leistung lohnen kann. Ich weiß, wie es ist, kein Geld zu haben, ich war arbeitslos, habe danach einen Job unter meinen Qualifikationen angenommen. Irgendwann gings dann wieder aufwärts. Aber nur aus einem Grund: weil ich nie aufgegeben und zu meinem Wort gestanden habe.

Zur Person Christian Meyer ist stellvertretender Vorsitzender des FDP-Kreisverbandes. Der 50-Jährige ist derzeit Kraftwerksbauer in leitender Position im Wind-Offshore-Bereich. Mit seiner Frau Imke Dröscher und seinen beiden Töchtern lebt er in Besigheim.

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