Ludwigsburg BZ-Interview mit Karlheinz Unger, Vorstandsvorsitzender der Volksbank Ludwigsburg

Ludwigsburg / ANDREAS LUKESCH 05.03.2016
Im genossenschaftlichen Bankenwesen geht das Fusionsfieber um. Auch im Landkreis sortiert sich die Landschaft der Volks- und Raiffeisenbanken neu. Was bedeutet das für die Volksbank Ludwigsburg? Fragen an Karlheinz Unger.

Herr Unger, im Mai vergangenen Jahres haben Sie als Vorstandsvorsitzender der Volksbank Ludwigsburg auf die Frage zu möglichen Fusionsplänen geantwortet: "Wir sind mit niemandem im Gespräch, würden aber Gespräche führen, wenn jemand sie suchen würde." Offensichtlich hat das niemand getan, dafür wird etwa die VR-Bank Neckar-Enz immer größer.

KARLHEINZ UNGER: Es gibt für die Volksbank Ludwigsburg derzeit keinen zwingenden Grund, mit einer anderen Bank zu fusionieren. Wir sind übrigens selbst aus 26 ehemals eigenständigen Banken entstanden und damit groß genug und in unserem Verbreitungsgebiet gut aufgestellt. Aber auch wenn wir selbst nicht aktiv sind, so bleiben wir doch gesprächsbereit. Das gilt nach wie vor.

Viel bleibt da aber nicht mehr. Vielleicht noch Remseck und Oberstenfeld als vergleichsweise kleine Einheiten. Aber die übrigen Kleinbanken haben ihre Fusionspartner inzwischen gefunden und bewegen sich im Verbund nahezu auf Augenhöhe mit der Volksbank Ludwigsburg. Die VR-Bank Neckar-Enz bringt es künftig auf 1,5 Milliarden Euro Bilanzsumme bei rund 40 000 Mitgliedern. Bei der Volksbank Ludwigsburg waren es zuletzt 1,75 Milliarden Euro Bilanzsumme mit mehr als 70 000 Mitgliedern.

UNGER: Aber das ist doch für uns kein Nachteil. Im Gegenteil, die Fusionen stärken das genossenschaftliche Bankenwesen in der Region und sichern die einzelnen Institute ab. Das ist gut für Kunden und damit auch gut für die Volksbank Ludwigsburg.

Sie haben auch einmal gesagt, Größe sei nicht alles. Aber wie es aussieht können die kleinen Volks- und Raiffeisenbanken heute nicht mehr allein überleben.

UNGER: Ich denke, dass es die Mehrheit der Regionalbanken mit einer Bilanzsumme unter 500 Millionen Euro schwer haben wird, künftig noch allein über die Runden zu kommen. Sie werden sich deshalb über kurz oder lang einen oder mehrere Partner suchen müssen.

Warum?

UNGER: Die Gründe sind vielschichtig und wurden ja auch bei den Fusionen mit der VR-Bank Neckar-Enz genannt. Neben den Niedrigzinsen und den veränderten Rahmenbedingungen, die sich aus der Digitalisierung ergeben, sehe ich einen zentralen Punkt in der "Regulierungswut" im Bankenwesen durch die Europäische Zentralbank und die Bankenaufsicht "BaFin". Da sind nach der Bankenkrise 2008 Sicherungsmechanismen im Kreditgeschäft eingezogen worden, die auch Banken treffen, die gar keine Schuld an der Krise tragen, darunter die genossenschaftlichen Banken, aber auch die Sparkassen. Die Regulierungsmaßnahmen drücken kleinen Banken die Luft ab, weil sie einen erheblichen Aufwand erfordern. Beispielsweise schützen wir unsere Kundeneinlagen mit einem seit fast 100 Jahren erfolgreichen genossenschaftlichen Rettungsschirm und müssen diese nun zusätzlich in einem deutschen und noch einem europäischen Rettungssystem versichern. Das bedeutet für uns völlig überflüssige Zusatzkosten. Oder nehmen Sie nur die geplante Erhebung granularer Kreditdaten, die "Analytical Credit Datasets" - auch das so eine EZB-Erfindung. Ab 2017 sollen schon bei Darlehensverträgen ab 25 000 Euro mehr als 100 Daten zum Kunden und zum Kredit an die EZB gemeldet werden. Den Mehraufwand, den allein die Volksbank Ludwigsburg durch die zunehmende Regulierung in den letzten Jahren hatte, schätzen wir für uns auf jährlich 200 000 Euro.

Das heißt, die Handschlagbank, deren Kreditgeschäft gerade in kleinen Einheiten auf gegenseitigem Vertrauen und Bekanntschaft beruhte, funktioniert nicht mehr?

UNGER: Zumindest spielten Vertrauen und Bauchgefühl beim Geschäft mit den Kunden früher eine größere Rolle. Mittlerweile werden wir in eine Zahlengläubigkeit gedrängt, die jeden Bänker, der bei der Kreditvergabe nicht die nackten Kennzahlen in den Mittelpunkt stellt, zur Übernahme einer riesigen Verantwortung zwingt. Aber dennoch, die Volksbank Ludwigsburg wird auf den persönlichen Kontakt und das ausgeprägte gegenseitige Vertrauen zu den Kunden - auch gegen den formalen, technokratischen Trend - nicht verzichten. Im Mittelpunkt steht bei uns der Kunde, er ist unser größtes Kapital.

Aber ist dieses Kapital nicht auch durch die anhaltende Niedrigzinsphase gefährdet? Auch sie fördert doch ganz entscheidend die Fusionsneigung.

UNGER: Die niedrigen Zinsen treffen alle Banken. Der sogenannte Strukturbeitrag, den Banken durch eigene Anlagen erwirtschaften können, schrumpft deutlich. Anlagen bei der EZB werden sogar durch Minus-Zinsen bestraft. Genau dieser Strukturbeitrag ermöglichte es aber den Regionalbanken bislang, ihre kostenintensiven Filialen zu finanzieren.

Hinzu kommt der wachsende Bereich des Online-Bankings: Heißt das, auch die Volksbank wird mittel- bis langfristig Filialen schließen?

UNGER: Wir haben nicht vor, Filialen zu schließen, die von Kunden aktiv genutzt werden, aber wir werden sie Schritt für Schritt optimieren und moderner aufstellen. Beispielsweise müssen wir in einem kleinen Ort das Filialpersonal nicht zwingend an fünf Tagen von neun bis 18 Uhr vorhalten. Da genügen einzelne Tage, in der übrigen Zeit könnte der Kunde seinen Kundenberater per Videokonferenz erreichen. Ich denke aber auch an innovative kundenfreundliche Bankautomatensysteme, dabei muss sich die Technik dem Menschen unterordnen und nicht umgekehrt.

Automaten anstelle von Menschen?

UNGER: Nein, unsere Philosophie funktioniert vor allem über Mitarbeiter und ergänzende Technik. Aber 80 Prozent der früher alltäglichen Serviceleistungen und Transaktionen laufen heute nicht mehr über die Filialen. Dieser Entwicklung müssen wir Rechnung tragen, beispielsweise bei unseren verbliebenen Kassierern. Noch einmal: Es geht darum, sinnvolle Technik zum Nutzen unserer Kunden einzusetzen. Wir investieren in Technik, um auch künftig personell vor Ort präsent sein zu können.

Wie wird denn die Landschaft der Genossenschaftsbanken in der Region in zehn Jahren aussehen?

UNGER: Ich bleibe bei meiner Aussage: Größe ist nicht alles. Es geht in der Zukunft um eine sinnvolle Mindestgröße und nicht um maximale Größe. Solange jede Bank in ihrem Stammgebiet einen guten Job macht, sind meiner Meinung nach eher Kooperationsmodelle zielführend. Ich denke, darüber müssen wir in Zukunft verstärkt reden - gern auch über den Landkreis hinaus. Eine Fusion bedeutet letztendlich auch immer, dass viel an Identifikation aufgegeben wird - das ist bei Kooperationen nicht notwendig.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel