Es gibt Tage, da ist Volker Godel nur sehr schwer zu erreichen. Es sind die Tage, an denen der Ingersheimer Bürgermeister auf Bikertour ist, der Verwaltungschef zum Vielfahrer auf zwei Rädern wird. So hat er in den letzten gut zwanzig Jahren auf seinen Urlaubsfahrten mehr als 200 000 Kilometer hinter sich gebracht. „Ich bin froh, so etwas machen zu können“, sagte Godel, obwohl er als Bürgermeister immer von einem Terminkalender auf Trab gehalten werde. Andere Motorradfahrer kämen natürlich noch mehr herum als er.

So sind für ihn die Fahrten mit seinen BMW-Boxern dann mehr als kleine Fluchten, dauern mal drei Tage, mal drei Wochen und länger. Godel, der früher für einen Automobilclub als Tourguide mit Motorradgruppen in der Schweiz, in den Vogesen und im Schwarzwald unterwegs war, zieht es allerdings schon längere Zeit vor, sich zumeist alleine oder nur mit einem oder zwei Begleitern auf die Strecke zu machen.

Einige seiner Ziele waren bislang die Masuren, der Balkan, das ganze Baltikum und zahlreiche Länder Europas. In erster Linie regelmäßig Frankreich und Italien, mit Vorliebe das Trentino, die Liste ließe sich fortsetzen. In seiner Jugend sei er immer mal wieder Motorrad gefahren, so der 59-Jährige. Während des Studiums und danach habe er jedoch kein Interesse mehr gehabt, erst mit über 30 wurde er ein regelrechter Fan. Von Anfang an waren es Maschinen von BMW, etwa die luftgekühlte 1000er, seit sieben Jahren sind es verschiedene Versionen der 1200er mit ABS und aktuellen Sicherheitssystemen. Godel sucht für seine Touren gerne abseits gelegene, durchaus exotische Ziele, für ihn ist der Weg das Ziel. Er fährt auf der Autobahn nur wenn er muss und steuert in den kleinen Dörfern gerne die Dorfcafés an. Der eine könne zwar oft nicht die Sprache des anderen, „aber man versteht sich trotzdem.“ Motorradfahren sei für ihn kein Selbstzweck, sagt der Bürgermeister, der seine Touren immer als kulturelle Exkursionen versteht, bei denen er viel erlebt. Aus diesem Grund informiert er sich vorher in Büchern über Sehenswürdigkeiten an der Strecke.

Kirche war verschlossen

Als er etwa im früheren Ostpreußen eine Kirche besichtigen wollte, war diese verschlossen. Der Pfarrer hatte den Schlüssel, den Godel gegen eine Spende bekam. Eine verschlossene Kirche im ländlichen  Frankreich wurde dagegen von einem französischen Begleiter mit dem Satz quittiert: „Die Türen des Herrn sind nicht für alle offen“. Man müsse sich eben auf Land und Leute einlassen, sagt der Ingersheimer Bürgermeister.

So reiht sich eine Urlaubsgeschichte an die nächste, die Volker Godel mit vielen Bildern und Episoden unterlegt. Etwa als er in Montenegro auf einem kleinen Weg einem Esel, vollbepackt wie ein halber Lastwagen, „in die Botanik“ ausweichen musste. In Ex-Jugoslawien würde es immer noch vermintes Gelände geben, die Kriegsschäden noch sichtbar.

Besonders angetan haben es ihm die früheren deutschen Ostgebiete, wo man Häuser und Landsitze in allen Stadien des Verfalls sehen könne  – gleichzeitig aber häufig auf freundliche Menschen stoße, die am Aufbau sowie an der Erhaltung interessiert sind, und dass spricht sich herum. Nachdem er einmal von einem Ingersheimer Bürger gefragt wurde, ob er in Erfahrung bringen könne, ob ein bestimmter ehemalige Hof noch stehe, machte sich Godel auf den Weg.

Anhand von Reprints alter deutscher Landkarten, aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg, ging es über kilometerlange Sandpisten durch das frühere südöstliche Ostpreußen bis zum Ziel. Er machte Bilder, informierte sich und fuhr auf seiner BMW wieder zurück. Bleibt die große Liebe Frankreich. Ein Land, das Volker Godel besonders am Herzen liegt und wo er sprachlich keine Probleme hat. Einmal im Jahr fährt er an das Grab von Charles de Gaulle nach Colombey- les- Deux- Églises. Auch die französische Kanal- und Atlantikküste sind Ziele, die er Stück für Stück abgefahren hat. Dann bemerkt man, dass der Ingersheimer Verwaltungschef bei seinen Ausfahrten die Arbeit doch nicht ganz sein lassen kann. Als Vorstandsmitglied im Volksbund Deutscher Kriegsgräberfürsorge informiert er sich über den Zustand aller Soldatenfriedhöfe und Gräber. Auch dies erfolgt regelmäßig, nicht nur in Frankreich, sondern auch an der russischen Grenze, immer verbunden mit vielen Gesprächen vor Ort.

Sollte bei seinen Exkursionen einmal eine Reparatur nötig sein, ist Motorradfahrer Volker Godel gewappnet: „Flickzeug und Werkzeug sind immer dabei.“ Und als er, wie in Hinterpommern, einmal einen Vergaser seiner BMW reparieren musste, half ihm ein Hausmeister mit eigener Werkstatt. Weltenbummler finden eben überall Freunde.