Es gibt zu wenig Lehrer. Das ist nichts Neues. Das baden-württembergische Kultusministerium versucht, durch zahlreiche Konzepte diese Misere zu beheben, schafft Stellen, stärkt Lehrer im ländlichen Raum. Dennoch: Es gibt einfach zu wenig Bewerber für die vielen offenen Lehrerstellen. Seiteneinsteigern, auch aus anderen Ländern, eine Chance zu geben, ist eine Möglichkeit. Diese haben Lefkothea Masligka (32) aus Griechenland und  Tetiana Galaguza (28) aus der Ukraine ergriffen. Über den Vertretungspool des Regierungspräsidiums und die Anerkennung ihres Studiums in ihren Heimatländern arbeiten sie nun in der Gemeinschaftsschule im Sand. Rektorin Isolde Steigelmann ist mehr als froh, dass die beiden zumindest eine Zeitlang das Kollegium verstärken und Lücken fachgerecht füllen. „Sie haben studiert, haben also ein Fachwissen, sind sehr engagiert, weil sie unbedingt Lehrerinnen werden wollen“, so Steigelmann.

Wie unterschiedlich und wie kompliziert aber die Wege zu einer möglichen Einstellung für Seiteneinsteiger sind, zeigen die persönlichen Geschichten, die beispielhaft für viele stehen. Die Griechin Lefkothea Masligka absolvierte in Deutschland die Grundschule, dann gingen ihre Eltern zurück in die Heimat. Masligka studierte Germanistik für das Lehramt an der Universität in Thessaloniki. In Griechenland reicht für das Lehramt ein Fach, in Deutschland braucht man zwei. Die junge Frau hatte, so sagt sie, immer eine Sehnsucht nach Deutschland. „Hier ist alles so organisiert, das mag ich, man weiß, wohin man sich wenden muss“, sagt sie.

Als sie aber im Mai 2018 mit Mann und Kind nach Baden-Württemberg übersiedelte, merkte sie, dass genau diese bürokratische Ordnung ihr nun den Einstieg ins Berufsleben schwer macht. „Ich wollte Lehrerin werden, dafür bin ich ausgebildet, und weil hier Lehrer dringend gesucht werden, dachte ich, das mache ich“, so Masligka. Ihr Studium wurde zwar vom Regierungspräsidium Tübingen anerkannt, aber nicht ihre Lehrerqualifikation. Eine Lösung: ein zweites Fach. Sie begann an der Universität Stuttgart ein Politikwissenschaftsstudium, gleichzeitig aber bewarb sie sich als Krankenvertretung im Vertretungspool für Lehrkräfte, denn nach 36 Monaten hätte sie, die sogenannte „unqualifizierte Lehramtsanwärterin“, zumindest die angeforderte Berufserfahrung.

In der Sandschule darf sie aber keinen Regelunterricht geben, nur in der Sprachklasse Deutsch als Fremdsprache unterrichten. Ihre Arbeit wird wie ein Referendariat bezahlt. Neben Kind, Studium, Arbeit in der Schule besucht sie auch Lehrerseminare. „Bis ich Lehrerin bin, das dauert sehr lange“, sagt sie.

Als Bürgerin eines europäischen Staates kann sie nach acht Jahren Aufenthalt in Deutschland die deutsche Staatsbürgerschaft beantragen und hat damit die Möglichkeit, verbeamtet zu werden. Sie müsste nicht mal den Integrationskurs machen, da sie eine Sprachbescheinigung des Goethe-Instituts hat, die höchste Qualifikation in der deutschen Sprache.

Die Möglichkeit, verbeamtet zu werden, hat Tetiana Galaguza aus der Ukraine nicht, da sie aus einem nichteuropäischen Land stammt. Das macht ihr aber nichts, denn sie will einfach nur unterrichten, weil „es so zufriedenstellend ist, Kindern etwas beizubringen“, sagt sie. Auch sie musste am Goethe-Institut einen Sprachtest machen, der für Muttersprachler schon eine Herausforderung ist.

Unbezahlte Stelle

Als Aupair-Mädchen kam die Ukrainerin nach Stuttgart, um Deutsch zu lernen. Studiert hat sie englische Philologie und Literaturwissensschaft.  Ihre Studienabschlüsse wurden anerkannt, aber auch sie muss, um Lehrerin werden zu können, ein weiteres Fach nachstudieren – sie hat sich für Geografie an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg entschieden. Parallel dazu macht sie eine 18-monatige Anpassungszeit in der Sandschule mit begleitenden Seminaren, um als Lehramtsanwärter zugelassen zu werden.

Nicht nur, dass diese Anpassungszeit nicht bezahlt wird, Galaguza bekommt nach den Prüfungen noch nicht mal einen dokumentierten Abschluss. „Wäre ich nicht verheiratet, könnte ich es mir nicht leisten, Lehrerin zu werden“, sagt sie.

In der Sandschule unterrichtet sie in der Sekundärstufe I Englisch und Geografie. „Qualitativ so hochwertig wie eine vollwertige Lehrerin, wir brauchen definitiv mehr solcher qualitativer Seiteneinsteiger“, sagt Isolde Steigelmann.

Nicht viele Seiteneinsteiger halten da durch, weiß Galaguza, die, nachdem sie ihre Seminare absolviert hat und das zweite Studium nebenher absolviert, sich wieder neu als Lehreramtsanwärterin bewerben muss. Garantiert ist ihr die Lehrerstelle auch nach den ganzen Mühen nicht. „Es ist schon ungerecht, wir sind beide ausgebildete Lehrer, können voll unterrichten, aber müssen viel mehr kämpfen, ohne sicher sein zu können, dass es etwas bringt“, sagt die Ukrainerin.

Große Unsicherheit

Ein großer Faktor, auch für die Schule, so Isolde Steigelmann, sei die Unsicherheit des Status der beiden Seiteneinsteigerinnen, Masligkas Stelle ist befristet bis zum Sommer, dann muss sie sich wieder neu bewerben. In den Sommerferien ist Lefkothea Masligka arbeits- und geldlos, weil ihre Anstellung befristet ist.

Neue Konzepte gegen den Lehrermangel


Seiteneinstiegsmöglichkeiten waren vom Kultusministerium mit Blick auf die prekäre Bewerberlage in den letzten Jahren eingerichtet worden. Es gibt verschiedene komplizierte und langwierige Möglichkeiten für Personen, die zwar ein Studium absolviert haben, aber keine Lehrerausbildung gemacht haben. Noch komplizierter wird es für Anwärter aus dem Ausland. Sie müssen die höchste sprachliche Anerkennung (C2) durch das Goethe-Institut haben und im Normalfall auch noch ein Fach nachstudieren. Es gibt berufsbegleitende Zusatzqualifizierungen und zusätzliche Laufbahnbefähigungen. Grundsätzlich muss der Bewerber zwei Fächer studiert haben, auch für den Einsatz an Werkreal-, Haupt-, Gemeinschafts und Realschulen sowie Gymnasien. Die Zusatzqualifizierung erstreckt sich über ein Schuljahr. Die Einstellung für das Jahr der Zusatzqualifizierung erfolgt im Beschäftigtenverhältnis (Eingruppierung in E 13 / unbefristeter Vertrag mit aufschiebender Bedingung).

Kultusministerin Susanne Eisenman hat in den vergangenen Monaten einiges angeschoben, um dem Lehrermangel zu begegnen. So wurde kürzlich ein Ausschreibungsverfahren für Lehrereinstellung im ländlichen Raum gestartet. Noch bis 9. Februar sind mehr als 1700 Stellen kurzfristig ausgeschrieben worden.

Mit dem neuen Doppelhaushalt 2020/2021 werden umfangreiche Verbesserungen bei Fachlehrkräften, Technischen Lehrkräften in den Schulen und bei Fachlehrkräften in den Schulkindergärten umgesetzt. Insgesamt investiert die Landesregierung dafür im Jahr 2020 mehr als vier Millionen Euro und ab 2021 dauerhaft mehr als fünf Millionen Euro pro Jahr.

Mit der Ausbildung von Fachlehrkräften und Technischen Lehrkräften eröffnet Baden-Württemberg auch Personen mit mittlerem Bildungsabschluss und abgeschlossener Berufsausbildung die Möglichkeit, den Lehrerberuf zu ergreifen. Im Gegensatz zu wissenschaftlichen Lehrkräften, die ein wissenschaftliches Studium abgelegt haben, starten Fachlehrkräfte und Technische Lehrkräfte über den Weg einer Berufsausbildung, etwa eines Meisterabschlusses oder einer gleichwertigen Prüfung, und nach einschlägiger Berufserfahrung in den Vorbereitungsdienst für Lehranwärter.  sz