Angestoßen von der Forderung des CDU-Politikers Carsten Linnemann, Kinder schon vor dem Grundschulbesuch sprachlich besser zu fördern, entspann sich vor Kurzem eine Diskussion über die Sprachförderung in Deutschland. Während in Baden-Württemberg bislang ein Großteil der Sprachförderung erst mit der Einschulung beginnt, gibt es in Hamburg die Möglichkeit, bei Sprachdefiziten zunächst eine Vorschule zu besuchen.

Vergangene Woche hat die  Landeskultusministerin Susanne Eisenmann angekündigt, die frühkindliche Förderung im Land auszubauen. So soll Eltern von Kita-Kindern ein Entwicklungsgespräch angeboten werden, um die Möglichkeiten der Sprachförderung schon vor Schuleintritt zu erläutern. Diese sollen laut Eisenmann im Land auch ausgebaut werden. Ergebnisse der Einschulungsuntersuchung zeigten, dass etwa 30 Prozent der Kinder in den baden-württembergischen Kindertageseinrichtungen sprachlichen Förderbedarf haben.

„Aus langjährigen Erfahrungen in Forschung und Praxis wissen wir heute, dass die frühzeitige Integration von Kindern und Jugendlichen in die Erziehungs- und Bildungsinstitutionen wie Kindergarten und Schule ein besserer Sprachlernmotor ist als eine Segregation“, erklärt Iris Kleinbub. Sie ist Leiterin der Abteilung Deutsch der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg. Das Zusammensein mit Gleichaltrigen, deren Erstsprache Deutsch ist, das gemeinsame Lernen in der Klasse und das Spielen in den Pausenzeiten und am Nachmittag förderten die Sprachlernmotivation und das sprachliche Lernen selbst.

„Das Ziel, alle Kinder vor der Einschulung sprachlich auf ein Level zu bringen, ist utopisch“, sagt Professorin Kleinbub. Dies sei bei Kindern mit Deutsch als Erstsprache schon nicht möglich, da auch deren Lebenswelten sehr unterschiedlich seien.

In Baden-Württemberg gebe es Vorbereitungsklassen, in denen die Schüler, die neu zugewandert sind, sprachliche Grundlagen erwerben, um nach ein bis zwei Schuljahren in die Regelklassen integriert zu werden.  „Problematisch ist allerdings, dass die Kinder und Jugendlichen in den Vorbereitungsklassen meist nicht im selben Umfang unterrichtet werden wie die Lernenden in Regelklassen, da die Wochenstundenzahl oft geringer angesetzt ist“, kritisiert Kleinbub. Mehr Lernzeit wäre nötig.

Da der Zweitspracherwerb nach ein bis zwei Jahren noch nicht abgeschlossen sei, sollen Schüler in der Regelklasse im Sinne einer durchgängigen Sprachförderung weiter unterstützt werden. Dazu sei ein „sprachsensibler Fachunterricht“ nötig, in dem die bildungssprachlichen Hürden des Faches thematisiert werden und den Schülern geholfen wird, sie zu überwinden.

Sowohl das Unterrichten in einer Vorbereitungsklasse als auch das Unterrichten in sprachlich heterogenen Regelklassen sei eine Herausforderung. Um Lehrer dafür zu qualifizieren, gebe es in Baden-Württemberg vielfältige Angebote: Die PH biete etwa das Erweiterungsfach „Deutsch als Zweitsprache“ an. Ebenso kann ein Studienprofil „Deutsch als Zweitsprache für alle Fächer“ belegt werden. Darüber hinaus biete die PH regelmäßig Fortbildungen in dem Bereich an.

Die nötigen Infrastrukturen und auch Inhalte zur Sprachförderung von neu zugewanderten Kindern seien weitgehend bekannt. „Wünschenswert wäre, allen am Bildungsprozess Beteiligten die Möglichkeit zu geben, sich im Bereich Sprachförderung in Form von Fortbildungen weiterzuqualifizieren sowie Sprachförderelemente in der Lehrerbildung aller Fächer und Lehrämter zu verankern“, fordert Kleinbub. Angemessene Rahmenbedingungen in Kindergärten und Schulen wie mehr Lernzeit, Ganztagsbetreuung und kleinere Gruppen- und Klassengrößen wären zusätzlich hilfreich zur Umsetzung der Konzepte. Nicht zu vergessen sei natürlich die Bereitstellung von Mitteln für die kontinuierliche Unterstützung und Sprachförderung.