SPD Bei Breymaier brennt die Luft

Leni Breymaier erhält nach ihrer Rede stehende Ovationen. Ganz links im Bild ist der Hauptredner Lars Klingbeil zu sehen.
Leni Breymaier erhält nach ihrer Rede stehende Ovationen. Ganz links im Bild ist der Hauptredner Lars Klingbeil zu sehen. © Foto: Martin Kalb
Ludwigsburg / Martin Tröster 15.02.2018

Sinn und Zweck eines politischen Aschermittwochs ist es, auf den Gegner draufzuhauen und dadurch die eigenen Reihen zu schließen. Viel Selbstvergewisserung ist der SPD in Ludwigsburg nicht beschieden. Die Partei ist derzeit zum Angriff kaum fähig, sie leckt ihre Wunden: Die Umfragewerte sind auf einem historischen Tief von 17 Prozent, das Hauptpersonal in Berlin hat den Koalitionsvertrag mit der Union erfolgreich verhandelt, um sich dann erst mal selbst zu zerlegen. Ob die Basis dem Vertrag zustimmt, ist offen.

Gegnerin der SPD ist die SPD

Die Landesvorsitzende der gebeutelten Genossen beginnt im Forum am Schlosspark mit dem einzigen, das als Brücke zum Draufhauen auf die gegnerischen Parteien dienen kann: mit Galgenhumor. „Es sind spannende Zeiten, und wir alle sind dabei“, sagt Leni Breymaier zum Auftakt ihrer 20-minütigen Rede. Ein Satz, und der Saal gehört ihr. Sie hält die einzige furiose Rede, die den leidgeprüften Genossen an diesem politischen Aschermittwoch des Landesverbandes zuteil wird. Bei Breymaier brennt die Luft. Sie ist die Ein-Frau-Vorband, die alle in Grund und Boden spielt.

Der Hauptredner, Lars Klingbeil, seit zwei Monaten Generalsekretär der Bundespartei, hält keine Kampfrede. Der 39-jährige aus Niedersachsen spricht eher artig und andächtig, die 700 Sozialdemokraten im Saal erwärmt das nur begrenzt. Wegen einer Predigt sind sie nicht gekommen. „Man hat ihm angesehen, dass er in letzter Zeit nicht oft acht Stunden Schlaf erhalten hat“, sagt Macit Karaahmetoglu im Gespräch mit der BZ. Dennoch habe er natürlich gut gesprochen, schiebt der Vorsitzende der Kreis-SPD schnell nach.

Karaahmetoglu selbst ist noch kurz am Ende dran. In seiner Rede geißelt er die „Lust am Leiden“, ja sogar den „Sadomasochismus“ der SPD. Der partei-internen Nabelschau hatten sich auch Breymaier und Klingbeil mindestens so lange gewidmet wie der Abrechnung mit Union und FDP.  Die Gegnerin der SPD ist eben immer auch – die SPD.

„Vielleicht brauchen wir ja einen Parteivorsitzenden, dem es egal ist, was die Partei denkt“, sagt Karaahmetoglu ironisch. Er meint den ehemaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder, der Anfang der Nullerjahre seine Agenda 2010 rigoros durchgeboxt hat und damit ein Ur-Trauma bei der Partei-Linken hinterlassen hat, das bis heute nachpulsiert.

Weder Breymaier noch Klingbeil hilft es, Martin Schulz zu danken. Der Mann, der am Vortag den Bundesparteivorsitz niedergelegt hat, der vergangene Woche verkündete, doch nicht Außenminister werden zu wollen, der im September die SPD zu einem historisch schlechten Bundestagswahlergebnis führte, darf in Ludwigsburg nur mit wenig Applaus in Abwesenheit rechnen. Als Breymaier und Klingbeil Schulz für seinen Einsatz danken, den Dankesapplaus geradezu einfordern, ist von Jubel keine Spur. Vernehmbar ist nur ein mittelprächtig anschwellendes Klatschen. Höfliche Genossen.

Schulz war als Hauptredner angekündigt. Klingbeil sagt über den wortmächtigen Gescheiterten, den er als Lückenbüßer in Ludwigsburg nur bedingt wortmächtig vertritt: „Er hat es der SPD nicht einfach gemacht, aber die SPD hat es auch ihm nicht einfach gemacht.“ Klingbeil plaudert aus den Koalitionsverhandlungen, spricht von   „Grenzerfahrungen“, die er dabei gemacht habe, als er müde war:  beim Anblick des CSU-Landesgruppenchefs Alexander Dobrindt.

Wie ungleich besser Breymaier den Angriff beherrscht, zeigt sich am Objekt Christian Lindner: Wenn Klingbeil den Chef der Bundes-FDP als „selbtsverliebten Lindner“ bezeichnet, poltert Breymaier vom „Unterwäschemodell im Feinripp“. Ihre Rhetorik ist konkreter und deshalb wirksamer. Wie sehr ihre Hiebe sitzen, zeigt sich auch an diesem rhetorischen Ellbogencheck gegen die Landes-CDU: „Die reden lieber darüber, wie viele Wildschweine abgeknallt werden sollen, als über die Kinderarmut in Baden-Württemberg.“

Breymaier ist die einzige, die sich, wenn auch kurz, die elf Jusos im Saal vorknöpft, die mit Zipfelmützen auf dem Kopf gegen die „GroKo“ Stellung beziehen: „Ihr mit euren lustigen roten Mützen“. Sie verteidigt wie Klingbeil den Koalitionsvertrag leidenschaftlich (siehe auch Seite 3).

Die Jusos halten ihre Schilder gegen die „GroKo“ auch dann hoch, als Breymaier mit Stehapplaus verabschiedet wird. Sieben der Zipfelmützenträger stammen aus dem Verband Karlsruhe-Land. Sie wehren sich gegen den Vorwurf, sie seien wegen ihres Werbens gegen die Koalition zum Kompromiss nicht fähig. „Der Vertrag hört sich super an, unsere Inhalte wurden aber stark beschnitten“, sagt einer im Gespräch mit der BZ. Er stört sich daran, dass Deutschland monatlich höchstens 1000 Flüchtlinge über den Familiennachzug aufnehmen soll.

Doch am Schluss singen auch die Zipfelmützenträger mit, als sich der Kreisvorsitzende Macit Karaahmetoglu mit der Gitarre setzt und spielt: „Wenn wir alle schreiten Seit’ an Seit’.“ Ja, wenn.

Kommentar: Verzicht war richtig

Vor einer Woche noch konnte man sagen: Den Genossen steht in Ludwigsburg ein faszinierender Politischer Aschermittwoch vor. Martin Schulz, der Hoffnungsträger der SPD, ist ein rhetorisches Schwergewicht, der Säle voller Anhänger elek­trisieren kann. Nun ist er als Parteichef zurückgetreten, und musste auf Druck der Basis seine Ambitionen auf den Außenministerposten begraben, die SPD muss in Selbsttherapie. Dafür ist der Aschermittwoch ein denkbar schlechter Termin. Schulz hätte sich in Ludwigsburg erklären können, hätte trotz allem für den Koalitionsvertrag werben können, demütig um einen Neustart der Partei ringen können. Doch auch dafür ist der Politische Aschermittwoch ein schlechter Termin. Der verhaltene Applaus während der Reden, wenn es um seinen Einsatz für die SPD ging, gibt, verbunden mit dem Grummeln an der Basis über seine Minister-Ambitionen, durchaus Anlass zur Frage, ob er, der vormalige „Gottkanzler“ Schulz überhaupt sonderlich warm empfangen worden wäre. Sein Verzicht war daher richtig. Für ihn, für die Partei.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel