Keine Noten, viel zu locker, unnötige Fächer: Solche und andere Vorurteile gab und gibt es teils immer noch über Waldorfschulen. Doch die Gegenstimmen werden immer leiser, der Trend hin zu alternativen Lernmethoden steigt.

Das Statistische Landesamt Baden-Württemberg meldet für das vergangene Schuljahr 2018/2019 so hohe Schülerzahlen an allgemeinbildenden Schulen mit privater Trägerschaft wie noch nie. Insgesamt 106 800 Schüler besuchten private Schulen, etwa 900 mehr als im vergangenen Schuljahr. An Waldorfschulen erreichten die Anmeldungen im Schuljahr 2011/2012 ihr Maximum mit 23 600 Schülern. Die Zahlen sind seitdem nicht unter 23 000 gefallen.

Reinhard Steidl, Vorstand der Waldorfschule Ludwigsburg, beobachtet das starke Interesse am Konzept der Waldorfschule. „Die Nachfrage ist hoch. Wir sind eine einzügige Schule und haben immer eine volle erste Klasse“, erklärt Steidl, der alljährlich Schüler abweisen muss. In den über 30 Jahren seiner Arbeit an der Schule konnte er des Weiteren erkennen, dass es die meisten Anmeldungen ab Klasse fünf gab. „Für den Schulwechsel nach der Grundschule entschieden sich viele Eltern ihre Kinder an der Waldorfschule einzuschreiben. Vor etwa 15 Jahren hat es  angefangen, sich zu ändern. Die Anmeldungen kommen nun immer früher, häufig schon ab der ersten Klasse. Die Eltern suchen einfach bewusst etwas anderes.“

Das oft negativ transportierte  Bild des Waldorfschulkonzeptes hat sich nach  Meinung Steidls auch verändert. „Das Bild hat sich sehr gewandelt. Zwar werden alte Vorurteile immer noch transportiert, aber es hat deutlich abgenommen.“ Die Vorurteile könnte er nämlich nicht bestätigen. Die Waldorfschule Ludwigsburg ist eine Gesamtschule und lehrt in den Klassen eins bis zwölf. Die Schullaufbahn endet laut Steidl hier erfolgreich. „Viele ehemalige Schüler, denen ich begegne, haben erfolgreich nach der Schulzeit bei uns ihren Platz gefunden.“

Der Trend hin zu alternativen Lernmethoden für Kinder und Jugendliche sei auch ein Bedürfnis der Eltern. Diese beobachten immer häufiger einen recht hohen Stresslevel bei ihren Kindern, weiß Steidl. „Kinder, die vorher in Bereichen nicht mithalten konnten, starten bei uns richtig durch“, erklärt der Lehrer. So könnten die Kinder direkter erreicht werden, denn sie „wollen ja lernen.“

Hohe Anforderungen

Steidl möchte dennoch klarstellen, dass die Ludwigsburger Waldorfschule an ihre Schüler auch sehr hohe Anforderungen stellt. „Wir lehren die Kinder aber, das Beste zu geben, was sie geben können. So gehen sie alles mit Ambition an, nicht mit Stress.“ Auch bei Erwachsenen und in ihrer Berufswelt erkenne er mittlerweile die Bewegung von Stress zu Ambition.

Die Fächer, die die Ludwigsburger Waldorfschule bietet, orientieren sich daran, was „der Mensch leben und erfahren muss. Es werden viele Qualitäten geschult und geweckt“, weiß Steidl. Dabei steht immer eine Frage im Vordergrund: Was entwickelt das Fach beim Schüler speziell in seinem Alter? „Gerade die handwerklichen Fächer sehen wir als essenziell. Über das selbstgebaute Endprodukt bekommt der Schüler direkt eine Rückmeldung. Und das Ganze soll ohne Bewertung stattfinden. Er macht es so gut, wie er es eben kann. Und die Schüler lernen auch zu erkennen, was das Werk über den Künstler aussagt“, so Steidl.

Gegründet wurde die erste Waldorfschule  1919 in Stuttgart. Zum 100-jährigen Bestehen des Schulkonzeptes haben viele der rund 1100 Waldorfschulen in 80 Ländern Veranstaltungen und Aktionen geboten. Auch die Ludwigsburger Schule organisierte eine Veranstaltungsreihe. Höhepunkt der Reihe im Sommer bot ein Konzert mit Festakt und Rednern. Ein weiterer Höhepunkt, den die Schule rund dreimal im Schuljahr veranstaltet, ist das Konzept „Schule auf der Bühne“. Erlerntes aus Fächern wie Sport oder Kunst werden auf die Bühne gebracht. „Die Themen werden über Jahre erarbeitet. Die Eltern sehen, was die Schüler können.“, so Steidl. Das spreche sich rum und das Interesse an diesem Event steige immer mehr. „Die Eltern sind richtig begeistert.“

Überschrift Infokasten einzeilig


Anlauf steht hier Text für einen dreispaltigen Infokasten. bz