WM-Finale Kroaten in der Region fiebern dem Endspiel entgegen

Bietigheim / ae/fr 15.07.2018

Die Verhältnisse vor dem Spiel der Spiele am Sonntag sind klar. Die Kroaten haben eine Übermacht, zumindest was die Bevölkerung in der Region angeht. In Bietigheim-Bissingen leben laut Stadtverwaltung 714 Kroaten und nur 116 Franzosen. Die ganze Region ist klar in kroatischer Fan-Hand. In Stuttgart leben nach Angaben des Statistischen Landesamts gut 15 000 Kroaten, danach ist Ludwigsburg mit 6855 Einwohnern mit kroatischem Pass der Landkreis mit der zweitgrößten Population. Die Franzosen sind dagegen in Stuttgart (3360) und im Kreis (1120) klar in der Minderheit.

„Was hier beim Halbfinale abging, war der Wahnsinn“, berichtet Florian Braunagel, der im Vereinsheim des Bietigheimer HTC arbeitet und quasi Kroate ehrenhalber sei. So viele Anhänger des Teams mit den Schachbrettmuster-Trikots wollten das Spiel in der kroatischen Wirtschaft verfolgen, dass Inhaber Davor Sucic aufstocken musste und mehr Stühle und Fernseher bereitstellte. Sucic war schon beim Halbfinale aus dem Häuschen und hatte sich sogar die Haare in den Nationalfarben getönt. „Wir haben vor vier Jahren alle mit den Deutschen beim WM-Sieg mitgefiebert. Das war ein gutes Trainingslager für das, was derzeit abläuft“, sagt Sucic angesprochen auf die nervliche Belastung. Denn seine Kroaten brauchen meist mehr als 90 Minuten zum Sieg. Nicht nur Kroaten hätten beim Halbfinale mitgefiebert, auch Deutsche feuerten im Vereinsheim die Kicker vom Balkan an.

Feuerwerk ist schon geplant

„Wir hoffen natürlich auf den Sieg im Finale, aber der zweite Platz ist auch nicht schlecht. Mein Tipp lautet 2:1 für Kroatien, natürlich nach Verlängerung“, sagt der Wirt. Sein Lieblingsspieler ist Stürmer Mario Mandzukic. „Er kommt aus derselben Region wie ich. Außerdem bin ich Bayern-Fan und schon damals war er mein Lieblingsspieler“, sagt Sucic. Für das Finale hat sich der Bietigheimer etwas ganz Besonderes einfallen lassen. Er hat sich kurzfristig bei der Stadt die Erlaubnis besorgt, ein Feuerwerk abzufackeln. „Bis 22 Uhr muss das abgebrannt sein, und daran halten wir uns natürlich auch“, sagt Sucic. Einen für viele essentiellen Punkt der Siegesfeiern meidet er aber: „Den Autokorso mache ich nicht mit. Ich bleibe in meinem Restaurant – selbst wenn Kroatien Weltmeister wird.“

Auch im Lager der Bezirksliga-Fußballer von Croatia Bietigheim ist die Euphorie riesig. „Für so ein kleines Land, wie wir es sind, ist das ein Mega-Hammer. Das Gefühl ist unbeschreiblich, Gänsehaut pur. Alle Kroaten sind gerade super drauf und glücklich“, schwärmt Alen Lehecka (28).

Der langjährige Torjäger des Vereins, der seit seinem verletzungsbedingten Karriereende als Sportlicher Leiter fungiert, wird am Sonntag mit einigen Croatia-Spielern nach Stuttgart zum Public Viewing fahren – so wie schon bei den anderen drei K.o.-Duellen gegen Dänemark, Russland und England. „Mehr als 10 000 Fans, fast alle in rot-weißen Trikots, werden dort wieder für einen Ausnahmezustand und eine außergewöhnliche Atmosphäre sorgen“, sagt Lehecka voller Vorfreude. Seine Lieblingsspieler im Team der „Feurigen“ sind Ante Rebic, Luka Modric und Ivan Rakitic – und natürlich Mario Mandzukic. „Weil er eine Münchner Vergangenheit hat und ich Bayern-Fan bin.“

Wegen des WM-Endspiels haben die Croatia-Kicker ihr Sonntagstraining extra auf 10.30 Uhr vorverlegt. Ein Entgegenkommen von Coach George Carter. Das ist nicht selbstverständlich, denn der Trainer der Bietigheimer war wohl der einzige Mann im ganzen Klub, der sich nicht über den Finaleinzug der Kroaten gefreut hat. Der Grund: Der 55-jährige Croatia-Übungsleiter, seit gut einem Jahr im Amt, ist selbst Engländer und hat am Mittwoch im Halbfinale natürlich der englischen Elf die Daumen gedrückt – vergeblich. „Beim Training am nächsten Tag haben meine Spieler viel gefrotzelt und mich geärgert“, erzählt Carter. Er wusste sich aber zu wehren. „Ich habe den Kroaten in meiner Mannschaft einfach damit gedroht, dass sie mehr laufen müssen als die anderen Spieler, wenn sie nicht aufhören. Das hat gewirkt“, stellt der in Mönchengladbach geborene Sohn einer Deutschen und eines britischen Armeeangehörigen mit einem Augenzwinkern fest.

Nach dem englischen Aus hält er es nun mit dem Außenseiter. „Jetzt gönne ich Kroatien den Titel“, sagt Carter, der sowohl den britischen als auch den deutschen Pass hat – und zumindest im Mannschaftskreis längst auch als Kroate gilt, wie Lehecka zu berichten weiß. „Ich habe ihn spaßeshalber eingebürgert und ihm dem Spitznamen ,Carteric’ gegeben“, erzählt der 28-jährige Sachsenheimer schmunzelnd.

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