Demokratiezentrum Aufklärung gegen Ausgrenzung

Rechtsextremismus und erst recht Ausgrenzung zeigen sich nicht nur bei einigen Springerstiefelträgern: Laut Günter Bressau, Leiter des Demokratiezentrums in Sersheim, ist extremistisches Gedankengut auch im Südwesten weit verbreitet.
Rechtsextremismus und erst recht Ausgrenzung zeigen sich nicht nur bei einigen Springerstiefelträgern: Laut Günter Bressau, Leiter des Demokratiezentrums in Sersheim, ist extremistisches Gedankengut auch im Südwesten weit verbreitet. © Foto: dpa
MARTIN TRÖSTER 07.07.2015
Die Jugendstiftung in Sersheim betreibt das Demokratiezentrum des Landes, nun mit einer Fachstelle Extremismusdistanzierung. Ein Gespräch mit Günter Bressau, dem Leiter des Zentrums, über Schwulenfeinde unter den Bildungsplangegnern - und den Rechtsruck der AfD.

Herr Bressau, in einem Satz: Was macht ihr Demokratiezentrum denn so?

BRESSAU: Unsere Hauptaufgabe ist es, die Arbeit hin zu einer demokratischen Gesellschaft in Baden-Württemberg zu unterstützen.

Haben wir die nicht schon?

BRESSAU: Demokratie ist etwas, das man nicht hat, sondern fortwährend entwickeln muss. Demokratie ist etwas, das durch verschiedene Strömungen bedroht ist. Permanent. In der Öffentlichkeit nimmt man zum Beispiel stark den islamistischen Extremismus wahr. Unser Hauptaugenmerk liegt auf dem Rechtsextremismus im Südwesten.

Rechtsextremismus in Baden-Württemberg - inwiefern gibt es den?

BRESSAU: In vielerlei Hinsicht: Fremdenfeindlichkeit, Ablehnung von Sinti und Roma, das ist in Baden-Württemberg deutlicher verbreitet als in anderen Bundesländern. Studien belegen das. Das gilt auch für den Antisemitismus. Rechtsextremismus tritt oft auch mehr oder weniger verdeckt auf. Da gibt es zum Beispiel Einstellungen, die gewisse Aussagen unterstützen. Schauen Sie sich Pegida an, die auch im Südwesten aktiv ist, in Karlsruhe und Villingen mit Hunderten Demonstranten: Es ist ziemlich eindeutig, dass ein Teil der Aktivisten aus der Mitte der Gesellschaft kommt, also nicht rechtsextremistisch ist - aber bei Demos von Rechtsextremen begleitet wird. Zudem gibt es Rockbands, die offen mit rechten Inhalten kokettieren, zum Beispiel die Hooligan-Band "Kategorie C", die häufig im nordbadischen Raum spielt.

Wie sehen Sie die "Böhsen Onkelz", die im Juni an zwei Wochenenden am Hockenheimring fast 300 000 Zuschauer angezogen haben? Seit einer Skinhead-Phase in den Achtzigern hat die Band einen zwielichten Ruf, gibt sich aber geläutert.

BRESSAU: Die Band hat tatsächlich Entwicklungen durchgemacht, die zeigen, dass die "Onkelz" keine rechten Tendenzen mehr haben. Bei der beliebten Band "Freiwild" sind die Texte dagegen deutlicher in diese Richtung kokettierend.

Bleiben wir doch beim Beispiel der rechtskokettierenden Bands. Wie gehen Sie mit diesem Problem um?

BRESSAU: Wir wollen in Kontakt treten zu Jugendlichen, die sich von der Musik angezogen fühlen und mit dieser rechten Haltung kokettieren. Unsere Aufgabe ist es, dem entgegenzuwirken und Angebote zu unterbreiten, mit denen Jugendliche die Möglichkeit bekommen, kulturelle Vielfalt als etwas positives erleben zu lassen, dass sie außerdem die Chance erhalten, sich selbst wert zu fühlen und eine Option für die Zukunft zu haben. Fehlen diese Voraussetzungen, gibt es einen Nährboden für Extremismus.

Nicht nur für den rechten.

BRESSAU: Natürlich nicht. Das sehen Sie auch im Bereich des islamistischen Extremismus - beim Werdegang derer, die sich radikalisieren.

Im reichen Süden haben diese jungen Menschen zumindest eine berufliche "Option für die Zukunft".

BRESSAU: Schon eher als in anderen Regionen, das ist richtig. Allerdings geschehen Radikalisierungsprozesse oft unabhängig vom gesellschaftlichen Status, das ist eine ganz individuelle Geschichte. Ganz abgesehen davon hat Ausgrenzung vielerlei Gesichter. Wenn Sie zum Beispiel gerade vom reichen Süden reden: Langzeitarbeitslose machen in Baden-Württemberg viele Ausgrenzungserfahrungen. Das ist hier vergleichsweise weit verbreitet, auch in Form der Beleidigung.

Wenn Sie gerade vom Thema Ausgrenzung reden: Wie sehen Sie eigentlich die Demonstranten gegen den Bildungsplan der grün-roten Landesregierung, der Aufklärung über sexuelle Verschiedenheiten vorsieht. Unter dem Deckmantel, die Kinder vor übersexualisiertem Unterricht zu schützen, wird da auch recht heftig ausgegrenzt: Die Demonstranten geben sich zu recht großen Teilen offen schwulenfeindlich.

BRESSAU: Man darf Bildungsplangegner nicht grundsätzlich in diese Ecke schieben. Das würde ich nicht unterstellen, ich würde aber in den Dialog gehen und die Sorge vor Homosexualität thematisieren.

Mit anderen Worten: Sie würden sie fragen, warum sie schwulenfeindlich sind. Wo ist da der Unterschied?

BRESSAU: Diese Wertung von außen ist nicht grundsätzlich produktiv. Wie gesagt, ich würde nicht diese Gruppierung unter Generalverdacht stellen, auch wenn einzelne Aussagen - auf Facebook zum Beispiel - offenkundig schwulenfeindlich sind. Ich würde diejenigen, die diese Äußerungen tätigen, damit konfrontieren - und auch die Veranstalter sensibilisieren. Man muss in den Dialog treten. Aber wenn ich sage, die Bildungsplangegner sind alle schwulenfeindlich, dann sorge ich dafür, dass sie sich alle in diese Richtungen bewegen. Diese Pauschalisierungen wären also kontraproduktiv.

Am Wochenende ist Frauke Petry zur Bundeschefin der AfD gewählt worden. Ein klarer Rechtsruck. Würden Sie auch mit Frau Petry in den Dialog treten?

BRESSAU: Mit der AfD ist die Sache derzeit eine andere, erst recht nach der Wahl Petrys. Die Art und Weise, wie dieser Rechtsruck und die Nähe zu Pegida vollzogen wurde, halte ich für höchst bedenklich. Da kann man sich nur abgrenzen.

Warum?

BRESSAU: Inhaltlich gibt es bei den Meinungen des Petry-Lagers zu den Themen Asyl oder Flüchtlingen eine deutliche Nähe zur NPD. Der unterlegene Liberalkonservative Bernd Lucke, der auch für mehr Offenheit in der Migrationspolitik, für einen Diskurs eintrat, wurde vom Petry-Lager auf dem Parteitag ausgebuht und niedergebrüllt.

Wenn Sie dann mit jemandem in den Dialog treten, wie läuft das ab?

BRESSAU: Wir bauen in erster Linie auf ein Beratungsnetzwerk und wollen Kompetenz vor Ort aufbauen. Wir werden zum Beispiel beratend aktiv, wenn ein Jugendhaus mit rechten Cliquen Probleme hat. Wir helfen auch Bürgermeistern, die eine Demonstration von Rechten haben und Beratung brauchen. Aber diese Beratung endet nicht im Zweiergespräch: Wir unterstützen auch Maßnahmen, die gute Handlungsperspektiven ermöglichen, die dem Bürgermeister zeigen, wie er zumindest Unterstützer gewinnt.

Sie sind also mehr als eine mobile Eingreiftruppe von Anti-Nazi-Beratern im Jugendbereich?

BRESSAU: Das wäre ganz sicher viel zu kurz gefasst. Zwar können Jugendliche ihre Meinung noch eher ändern, eben durch positive Erlebnisse. Das ist der Grund, warum der Fokus schon auf der Jugendarbeit liegt. Aber: Rechtsextremismus ist kein Jugendthema. Wir werden zum Beispiel auch oft von Bürgerbündnissen angefragt, die wissen wollen, wie sie am besten mit der Öffentlichkeit kommunizieren, um Akzeptanz zu schaffen. Wir helfen also schon in konkreten Situationen, aber auch, damit die Leute vor Ort, Engagierte wie Entscheider, sei es aus Jugendhäusern oder in der Schulsozialarbeit, selbstständig mit konkreten Problemen umgehen können. Um ebendiese Strukturen zu stärken, haben wir 140 Personen eine Basisqualifizierung zukommen lassen. Wir wollen sie befähigen, auch eigenständig Themen vor Ort auf den Plan zu bringen.

Günter Bressau und das Demokratiezentrum in Sersheim

Jetzt neue Fachstelle Das Demokratiezentrum (DZ) Baden-Württemberg bildet und vernetzt zum Thema Extremismus, präventiver Bildungsarbeit und Menschenrechtsbildung, so die Eigendarstellung. Das DZ wird gefördert durch das Land und das Bundesfamilienministerium. Die Fachstelle Extremismusdistanzierung ist nun neu hinzugekommen. Im DZ arbeiten derzeit sechs Personen in Teilzeit. Leiter ist Günter Bressau (46, Bild), Sozialpädagoge und Betriebswirt aus Nordrhein-Westfalen.

Warum Sersheim? Das Arbeits- und Sozialministerium in Stuttgart hat die Jugendstiftung Baden-Württemberg mit der Landeskoordinierung des DZ beauftragt. Die Jugendstiftung sitzt in Sersheim.

MART

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