Sie waren mit großen Zielen gestartet: Nicht weniger als ein bundesweit einmaliges Vorhaben sollte die Aufarbeitung der Missbrauchsvorwürfe gegen die Evangelische Brüdergemeinde Korntal werden. Für die Gesamtleitung war die Landshuter Professorin Mechthild Wolff beauftragt worden. Doch nun haben die Betroffenen, die als Teil einer Steuerungsgruppe den Prozess vorbereiten sollten, ihre Zusammenarbeit mit Wolff beendet. "Die wissenschaftliche Aufarbeitung ist gescheitert", teilte Detlev Zander mit. Er hatte im Mai 2014 den zwischen 1963 und 1977 im Kinderheim Hoffmannhaus erlittenen sexuellen Missbrauch öffentlich gemacht. Bei ihm haben sich mittlerweile rund 280 ähnlich Betroffene gemeldet.

Zander äußert nun schwere Vorwürfe gegenüber Wolff. Sie habe das Vertrauen verspielt. Zwischen der Wissenschaftlerin und der Brüdergemeinde hätte "von Anfang an ein konkretes Abhängigkeitsverhältnis bestanden". Zudem seien die Opfervertreter nur aufgrund des großen medialen Drucks in die Gremien zur Vorbereitung berufen worden, hätten aber nie wirklich mitentscheiden können. Stattdessen seien viele Anregungen und Forderungen zerredet oder als nicht machbar abgelehnt worden. Wolff habe sich dabei auch eigenmächtig weitere Funktionen gegeben. Eine zweite Opferorganisation, in der sich Zander-Kritiker zusammenfanden, hatte ähnliche Vorwürfe schon vor länger Zeit erhoben.

Ebenso hart sind die Anschuldigungen gegenüber der Brüdergemeinde. Diese habe schon mehr als 200 000 Euro für Anwälte und Berater ausgegeben, aber sei keinen Schritt vorangekommen. Auch würden trotz vertraglicher Zusicherung Hilfen zurückgehalten, etwa die Kosten für das Büro der Heimopfer. Zander ärgert sich auch über eine Pressekonferenz der Brüdergemeinde, bei der diese bekanntgab, dass es für jedes Opfer 5000 Euro Entschädigung geben solle. Zum einen viel zu wenig, denn anders als bislang kommuniziert, wisse die Brüdergemeinde seit Monaten, dass sie durch Zahlungen nicht ihren Status als gemeinnützig verlöre und deshalb auch nicht von der Insolvenz bedroht sei. Zum anderen seien die Betroffenen von dem Pressetermin überrascht worden. Zander und die IG Heimopfer setzen nun auf den Anwalt Ulrich Weber, der auch die Missbrauchsfälle bei den Regensburger Domspatzen aufklären soll. Weber sei bereit dazu, so Zander.

Die Brüdergemeinde hat unterdessen mitgeteilt, dass von 1. März an die an der Hochschule Landshut angesiedelte "Meldestelle für Heimopfer" die Arbeit aufnehmen soll. In ihren Augen sei die Aufarbeitung nicht gescheitert, war zu hören. Der weltliche Vorsteher war am Mittwoch nicht erreichbar, ebenso wenig Wolff. Berichten zufolge ist Wolff aber nach wie vor zuversichtlich, dass sich Betroffene bei ihr melden werden, trotz des Boykotts.

Info Unter (0800) 376 32 50 (kostenfrei) können sich ehemalige Heimkinder melden. Besetzt ist das Telefon montags bis freitags von 14 bis 18 Uhr, mittwochs von 17 bis 21 Uhr und freitags von neun bis 13 Uhr.