Die Atlanta Antriebssysteme E. Seidenspinner GmbH & Co. KG hat in Bietigheim-Bissingen drei Werke, die im Stadtteil Bissingen zwar dicht beieinanderliegen, aber logistisch eine tägliche Herausforderung sind. So pendeln die Fahrzeuge vom Werk für Einzelteile von Richtung Hotel Otterbach aus zu den beiden Werken in die Nähe der Dürr AG, wo Atlanta Zahnstangen baut, sich der Versand, die Härterei und die Ausbildungsstätte befinden.

Für Geschäftsführer Klaus Jäger hat dies keine Zukunftsperspektive und ist schon gar keine Ausgangsbasis, um an der Weltmarktspitze zu bleiben. „Wir fahren Tonnen von Stahl im Kreis herum“, sagte Jäger, der mit Architekt Falko Paul am Dienstag die Umzugsabsichten und Pläne im Ingersheimer Gemeinderat vorstellte. Jäger präsentierte Atlanta als bodenständiges Unternehmen mit 300 Beschäftigten, rund 50 Millionen Euro Umsatz und 5000 aktive Kunden weltweit. „Wir sind keine Haifische oder Heuschrecken“, sagte Jäger über das 1929 gegründete Unternehmen.

Atlanta baut Antriebstechnik für Flugzeuge, die Möbel- und Fertighausproduktion. Für die Dürr AG baue man exklusiv eine Handachse für Lackierroboter, so Jäger. Hinzu komme die Robotik für Leichtbauroboter, die so viel können wie ein Mensch, aber auch Hubsysteme für den 3D-Druck – ein neuer Markt in Millionenhöhe. So erfolgte im vergangenen Jahr die Aufnahme von Leichtbaurobotern in das Produktprogramm von Atlanta.

Um die Position von Atlanta als Weltmarktführer von Zahnstangen zu festigen und auszubauen, aber auch um neue Produkte auf die Füße zu stellen und die Logistik zu vereinfachen, machte man sich auf die Suche nach einem entsprechenden Gelände – und wurde in Ingersheim fündig. Dafür gab es gleich mehrere Gründe, so Jäger. Der exzellente Standort, die perfekte Infrastruktur und die regionale Verbundenheit.

Was auf der rund 20 000 Quadratmeter großen Fläche gebaut werden soll, deren Verkauf per Beschluss nun in die Wege geleitet wurde, erläuterte Architekt Falko Paul. So ist auf dem Gelände am südlichen Teil des Gewerbegebiets eine längliche, zweigeschossige Halle mit 5500 Quadratmetern geplant. Ein Bürogebäude mit 2500 Quadratmetern soll als Kopfbau dienen. Da das Gelände abfalle, wolle man die Halle, die am höchsten Punkt 15 Meter misst, so tief wie möglich in den Boden bauen. Dazu kommen eine Umfahrt auf dem Werksgelände und 100 Stellplätze.

Im Gemeinderat zeigte man sich von diesen ersten Plänen zum größten Teil beeindruckt. „Ein guter Plan“, befand Ursula Heinerich (CDU), der Arbeitsplätze und Ausbildungsplätze nach Ingersheim bringe. Auch Hilde Grabenstein (SPD) sah die Pläne „in die Zukunft“ gerichtet, während Jürgen Fleischmann (FWG) Möglichkeiten der Regenwassernutzung und Fotovoltaik ansprach. Das Regenwassermanagement sei in der Planung, meinte Architekt Paul, in puncto Nachhaltigkeit würde es Möglichkeiten geben, ergänzte Jäger.

Kritische Worte fand Karin Zimmer von WIR. Sie monierte die neue Straßenführung, der Gröninger Weg müsse für die Landwirtschaft erhalten bleiben. Auf die Frage nach dem Lkw-Verkehr von Janina Wagner (MIT) meinte Architekt Falko Paul, es würden sich in der Regel um kleine Sprinter und maximal sieben Lkw am Tag handeln. Auf die Frage von Tobias Willmann (WIR), ob die 100 Stellplätze ausreichen würden, meinte Paul, laut Baurecht könne man eine Baugenehmigung schon bei rund 60 Plätzen erhalten, zudem sei keine Firma verpflichtet, Parkplätze für Mitarbeiter zur Verfügung zu stellen. Martina Spahlinger (MIT) zeigte sich enttäuscht über die Verwaltungsvorlage. „Da hätte ich mir mehr Infos gewünscht“. Im Gewerbegebiet entstehe ein „mächtiges Gebäude“, ein Argument, das sie im Lauf der Sitzung immer wieder vorbrachte. Als Spahlinger nach der Zukunft der Atlanta-Hallen in Bietigheim-Bissingen nachfragte, unterband Godel eine weitere Diskussion.

Man werde im Ingersheimer Gemeinderat nicht über die Zukunft von Liegenschaften in der Nachbarkommune Bietigheim sprechen.

Dementsprechend fiel das Abstimmungsergebnis aus: Elf Ja-Stimmen für den Grundstückverkauf an Atlanta, fünf Nein-Stimmen. Im Spätsommer 2020 soll, so Bürgermeister Volker Godel zum Zeitablauf, ein Satzungsbeschluss herbeigeführt werden, für einen neuen Produktionsplan benötige man rund ein Jahr Zeit, stellte Atlanta-Geschäftsführer Klaus Jäger in Aussicht. Zeitlich passe dies, bis Mitte 2020 rechne er wieder mit neuem Auftrieb im Maschinenbau.

Kessing: Wir konnten in dieser Größenordnung nichts anbieten


Für Bietigheim-Bissingen dürfte sich der Wegzug von Atlanta nur wie ein halber Verlust anfühlen: Die Kommune teilt sich das Gewerbegebiet Bietigheimer Weg und damit auch die Gewerbesteuereinnahmen mit Ingersheim im Verhältnis 40 zu 60.

Bietigheim-Bissingens Oberbürgermeister Jürgen Kessing (SPD) zeigte sich nicht überrascht von den Umzugsplänen. Die Firma habe schon länger größere Flächen gesucht und man habe die schlechte Nachricht überbringen müssen, „dass wir in dieser Größenordnung nichts anbieten konnten“. Kessing ist jedoch froh, dass es gelungen ist, das Unternehmen im Gewerbepark Bietigheimer Weg doch noch zu halten. „Das ist nur ein kleiner Umzug und auch für die Mitarbeiter ein zumutbarer Weg.“ Positiv sei auch, dass nach dem Umzug die Lkw-Fahrten innerorts abnehmen würden.

Wie die bisherigen Hallen künftig genutzt werden, kann Jürgen Kessing noch nicht sagen. „Aber es wird sehr wahrscheinlich wieder Gewerbe einziehen“. pob