Ludwigsburg / Heidi Vogelhuber  Uhr

Betritt man die neue Märchenszene des Märchengartens im Blühenden Barock Ludwigsburg, dauert es kurz, bis sich die Augen an die Dunkelheit im Inneren des Raumes gewöhnt haben. Der Besucher findet sich in einem künstlichen Wald wieder – künstlich, nicht nur weil die Bäume aus Holz ausgesägt oder aufgemalt wurden, sondern weil die Bäume zum Teil lila und fluoreszierend sind. In der augenscheinlich umgekehrten verhexten Welt herrscht Chaos und der Besucher ist angehalten, die Märchen wieder zu ordnen. Märchenfiguren wie ein Zwerg, der Gestiefelte Kater, der Froschkönig und Rotkäppchen finden ihre charakteristischen Utensilien nicht mehr – der Besucher des Märchenwalds muss helfen. Spitze Zwergenmütze, Vesperkorb, goldene Kugel oder Stiefel – was gehört zu wem?

Nicht nur was für Kinder

Am Donnerstagvormittag tauchten nicht nur Kinder in eine Märchenwelt ein, auch Ludwigsburgs Oberbürgermeister Werner Spec, Schlossverwalter Stephan Hurst und zahlreiche Ludwigsburger Gemeinderäte drehten an Bäumen, sprangen durch Froschteiche und stapelten die Bremer Stadtmusikanten aufeinander. Esel, Hund, Katze, Hahn oder wie war die Reihenfolge noch gleich?

Auf den Tag genau

„Tumult im Märchengarten“ heißt die neue Märchenszene, die auf den Tag genau zum 60. Geburtstag des Märchengartens eröffnet wurde. OB Spec, Blüba-Direktor Volker Kugel und Professor Andreas Hykade, Leiter des Animationsinstituts der Filmakademie, haben Seite an Seite das rote Band zerschnitten. Was das Animationsinstitut mit der Märchenszene zu tun hat? Sehr viel, denn die Erschaffer der verdrehten Märchencollage sind allesamt Absolventen des Instituts. „Die neue Szene ist kein Bruch mit der Vergangenheit, sondern ein Aufbruch in ein neues Zeitalter“, so Kugel in seiner Eröffnungsrede. „Wir machen nichts, was Albert Schöchle nicht gefallen hätte“, sagt der Blüba-Chef und erinnert an den „Sprechenden Papagei“, der 1959 installiert wurde. Die Technik mute heutzutage uralt an, sei damals aber „eine technische Sensation“ gewesen. Daher hätte dem Vater des Märchengartens die Aufnahme der neuen Medien in den Märchengarten bestimmt gut gefallen.

Auch OB Spec hatte viele lobende Worte für das Projekt und die vielen Beteiligten, war Spec selbst doch einer der Initiatoren des Projekts. Vor drei Jahren, im Mai 2016 habe der Rathauschef den Kontakt zwischen Animationsinstitut und Blüba hergestellt, 2017 bereits war aus dem ersten Kennenlernen eine Projektidee geworden, die dann umgesetzt wurde. Nun könne das Projekt punktgenau zum 60. Geburtstag des Märchengartens eingeweiht werden, „ja, das gibt es auch noch“, scherzte Kugel. Die animierten und interaktiven Märchengestalten haben ein freches, modernes Erscheinungsbild und doch passen sie gut in den Märchengarten im Schwabenländle, fragt doch die Hexe, an deren Tür man klopfen kann: „Isch des mei Âbendessa des dâ kommt?“

Der Märchengarten als Geistesblitz Albert Schöchles

Albert Schöchle (1905-1998) übernahm 1947 die Verantwortung für die Schlossgärten in Ludwigsburg, neben seinen Aufgaben als Wilhelma-Direktor und Direktor der staatlichen Anlagen und Gärten Stuttgart.

Ambitioniert setzte er sich für die Gartenschau 1954 ein und aus dem Blühenden Barock wurde die Dauergartenschau, die 2,5 Millionen zahlende Besucher anlockte. Bereits drei Jahre später war die Besucherzahl allerdings um die Hälfte geschrumpft.

Bei einer Reise nach Holland kam Schöchle bei einem Besuch des Märchengartens im Volkspark „De Efteling“ bei Tilburg die Idee zum Märchengarten, die der findige Gartenexperte dem Aufsichtsrat schmackhaft machte.

Am 16. Mai 1959 wurde der Märchengarten eröffnet, und Schöchle behielt recht: Die Einnahmen stiegen sogleich um 50, 1960 sogar um 100 Prozent.

Die neun ersten Märchenszenen und Attraktionen sind übrigens noch heute in fast unveränderter Form zu sehen. hevo