Tyrannosaurus rex hat die Ziellinie überquert. Mit laufender Nase und hochrotem Kopf. Es war seine erste Teilnahme am Bietigheimer Silvesterlauf. Von den fast 18.000 Zuschauern, die sich auf den 11,1 Kilometern entlang der Strecke verteilt hatten, hat er wenig mitbekommen.

Der fleischfressende Dinosaurier ist ausgestorben, aber weil ich mit meinem Laufstil an das Reptil mit den kurzen Ärmchen erinnere, ist das mein Spitzname. Der Fleischfresser in mir wird besonders am Kronenplatz und auf der Strecke durch die Altstadt gelockt: Die Zuschauer sehen sich das Treiben zwischen den Absperrungen an und genießen dabei die ein oder anderen rote Wurst in der Hand. Trotz ausreichendem Frühstücks bekomme ich nach nicht mal vier Kilometern Hunger.

Ein elektronisches Megafon brüllt mir „Olé, olé“ ins Ohr. Nirgends sind die 11,1 Kilometer so hart wie auf diesem Abschnitt. Es geht bergauf, es ist etwas unwegsam wegen der Pflastersteine und der Abschnitt bis zum Turm der grauen Pferde am Hillerplatz zieht sich. Dann geht es wieder bergab, ich laufe zwischen links und rechts gedrängtem Publikum und höre das Moderatorenduo Annett Horna und Achim Seiter, die auf dem Marktplatz für Stimmung sorgen. Selbst die Zweitplatzierte Fabienne Amrhein sagt später bei der Siegerehrung auf der Tribüne vor dem Viadukt, dass sie in der Altstadt etwas zu kämpfen hatte. Die beste Deutsche bei der Cross-EM Anfang Dezember ist natürlich trotzdem 26 Minuten vor mir im Ziel.

Ein Bietigheim-Neuling

Mit derart ambitionierten Erwartungen bin ich nicht an den Start gegangen. Einfach teilnehmen, sehen, was diese Großveranstaltung ausmacht. Als Bietigheim-Neuling ist der Silvesterlauf neben dem Pferdemarkt für mich das wichtigste Ereignis im Jahresverlauf. Schon Tage vor dem Startschuss durch Oberbürgermeister Jürgen Kessing sieht man, wie die Hinweisschilder in der Stadt aufgestellt werden. Werbung braucht die Laufsause in ihrer 36. Auflage nicht.

Und erst die Atmosphäre als ich meine Startunterlagen am Freitag in der Mittagspause geholt habe. Erwartungsfreudige Gesichter: man merkt gleich, die Helfer kennen sich und freuen sich darauf, gemeinsam diese Veranstaltung zu stemmen. Dementsprechend zufrieden bin ich als Teilnehmerin nach dem Lauf: Taschenausgabe, Toiletten, Einteilung in die Startblöcke, alles klappte reibungslos, für einen Erstläufer gut ausgeschildert und wenn man doch mal in der Aufregung etwas nicht findet, ist immer einer der 320 Helfer und Streckenposten in gelber Warnweste in der Nähe.

Jedoch die eigenen Erwartungen – ich bin so eine Strecke ja schon mal in 63 Minuten gelaufen – und die dezenten Hinweise der Kollegen führen dazu, dass ich mich schlecht vorbereitet fühle und in der Nacht auf Samstag unruhig schlafe. Eigentlich wollte ich die elf Kilometer mit einer umgeschnallten Kamera laufen, die vergesse ich im Trubel vor dem Start anzulegen. Schade, denn ich hätte gerne mit der Aufzeichnung ein paar Leute an meiner Erfahrung teilnehmen lassen. Schließlich weiß ich heute, dass weder einer der Testläufe mit dem Bietigheimer Lauftreff noch die Erzählungen dem Erlebnis am 31. Dezember gerecht werden.

Dicht gedrängt im Startblock unterhalte ich mich mit einer Mutter und ihrer Tochter, die Mama ist auch zum ersten Mal dabei und peilt die Zielzeit von 70 Minuten an. Wir überhören sogar den Startschuss, werden aber irgendwann auch auf die Strecke gelassen.

Die Sonne im Rücken

Der Anfang klappt gut. Mit der Sonne im Rücken laufen wir unter der Auwiesenbrücke hindurch und dann die Schwarzwaldstraße hoch. Auf der Kuppe blendet die Sonne und am Fischerpfad rufen die ersten Zuschauer: „Ist es nicht ein bisschen kalt in kurzen Hosen?“ Ist es überhaupt nicht, die Beine sind gut durchblutet.

Auf der Steigung entlang der Löchgauer Straße bekomme ich heftiges Seitenstechen, das auch bergab nicht verfliegt. Bis Kilometer fünf kämpfe ich damit und kann den Trubel kaum genießen. Etwa bei Kilometer acht bin ich im hinteren Feld gelandet und sehe an der Schleife an der Talstraße neben mir viele Läufer beißen. Eine Frau in pinkfarbenen Oberteil wähle ich zu meiner Schrittmacherin. An der Einbiegung zur Holzgartenstraße reicht es  noch für einen mittelmäßigen Schlussspurt, die  langen Beine sind doch zu etwas gut. Ich bremse in einer Ansammlung von Läufern und ihren Fans und denke: Da geht noch mehr: Ausgestorbene leben länger. Der Silvesterlauf 2017 kann mit mir rechnen.