Die wirtschaftliche Seite der Energiewende hat am zweiten Tag der Akademietage in Bietigheim-Bissingen Claudia Kemfert beleuchtet. Die Professorin vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung hat mehrere Bücher zum Thema verfasst und berät die Bundesregierung als Teil des Sachverständigenrats für Umweltfragen.

Die einzige weibliche Referentin bei den diesjährigen Akademietagen lieferte einen kurzweiligen Vortrag und legte dar, warum aus ihrer Sicht die Energiewende wirtschaftlich sinnvoll ist. Zunächst ging sie auf grundlegende Themen wie das Pariser Klimaabkommen und die Ziele ein: „Wir Deutschen sind Weltmeister im Ziele festlegen, leider aber nicht ganz weltmeisterlich im Erreichen“, spielte die Wirtschaftswissenschaftlerin auf das Verfehlen der Klimaziele 2020 an. Immer wieder in ihrem Vortrag ging sie auch auf zentrale Thesen der Gegner einer Energiewende ein. So etwa, dass Deutschland ja nur zwei Prozent des weltweiten CO2-Ausstoßes verantwortet. Kemfert lieferte eine andere Sichtweise: Als reiche Exportnation sei man zum einen Vorbild, zum anderen stoße man in Deutschland pro Kopf etwa 9 Tonnen CO2 jährlich aus, der weltweite Durchschnitt liege aber bei 4,9 Tonnen. „Man kann seinen Müll nicht in den Garten des Nachbarn abladen“, veranschaulichte Kemfert die Situation, wonach eben in Deutschland produzierte Waren auch in anderen Ländern CO2 verursachen.

Höhere Geschwindigkeit

Ziel müsse sein, dass 80 Prozent der Ressourcen im Boden bleiben. „Gas wird derzeit häufig als Brückentechnologie verkauft, aber auch das trägt zum Klimawandel bei“, sagte Kemfert. Weil man bislang zu wenig gemacht habe, um die Klimaziele zu erreichen, müsse nun mit höherer Geschwindigkeit gearbeitet werden. Wenn es in den vergangenen Jahren auch gelungen sei, den CO2-Ausstoß in einigen Sparten zu reduzieren, so weise gerade die Verkehrssparte einen erhöhten Ausstoß auf. „Die Automotoren werden zwar immer effizienter und sparsamer, gleichzeitig werden die Fahrzeuge aber immer größer und so wird das Ziel der CO2-Einsparung konterkariert“, erklärte Kemfert.

Einfach alle Autos mit Elektrofahrzeugen zu ersetzen, sei dabei aber nicht der richtige Weg, auch wenn E-Autos für sie wegen ihres besseren Verhältnisses von Aufwand zu Energiegewinnung immer noch klar im Vorteil seien gegenüber Wasserstofflösungen. Es müsse eine Mobilitätswende her. Individuelle Mobilität bedeute nicht, dass jeder individuell ein Auto besitzen müsse, zumal dieses in der Regel 23 Stunden am Tag nur herumstünde. Zur Verkehrswende gehöre auch die Minderung des Verkehrs und eine Vervierfachung der Investitionen in den Bahnverkehr.

Die Nachhaltige Wirtschaft bringe viele neue Möglichkeiten und sei lohnender als herkömmliche Energiezweige, auch weil sie so gefördert wurde. Die Kohlekraftwerke würden längst keinen Gewinn mehr abwerfen, weswegen Kemfert auch dagegen sei, die Energiekonzerne für deren Abschaltung zu entschädigen. Atomkraftwerke zu bauen, sei so teuer, dass es aus energiepolitischer Sicht keinen Sinn mache und eigentlich immer nur wegen anderen Hintergedanken vorangetrieben werden könne.

Wenig Risikofreude

Warum tut sich die deutsche Wirtschaft dann so schwer mit der Umstellung? Kemfert ließ durchblicken, dass vor allem auf dem Mobilitätssektor das Festhalten an alten Strukturen sehr verbreitet sei. „Die deutsche Wirtschaft ist leider nicht sehr risikofreudig, deswegen sind andere bei neuen Technologien weiter“, so Kemfert. Einen weiteren Grund sieht sie in der Natur einer nachhaltigen Wirtschaft. Dort sei nicht mehr das große Kapital und Riesenkonzerne tonangebend, vielmehr gebe es dort viele kleinere Betriebe mit Lösungen. Alles sei viel kleinteiliger organisiert und deswegen sei der Wechsel schwierig.

Viel Geld werde für Marketingkampagnen ausgegeben, um Zweifel zu streuen, die wissenschaftlich widerlegt seien. So sei die Angst, dass nicht genug Speicher für erneuerbare Energien vorhanden seien, unbegründet. Kemfert zeigte auf einem Schaubild verschiedene jetzt schon nutzbare Speicherarten auf, die von der Kapazität von einem einzelnen Haushalt bis zu einer Großstadt reichten.

Ihr Fazit: Die technischen Möglichkeiten sind da, weg von fossilen Brennstoffen zu kommen, aber es fehlt der politische Wille. Da seien dann auch die Bürger gefragt, die kleinteilig schon bei sich etwas ändern könnten. Kemfert schloss mit dem Molière-Zitat: „Wir sind nicht nur verantwortlich für das, was wir tun, sondern auch für das, was wir nicht tun.“ In ihren Abschiedsworten lobte sie die diesjährigen Akademietage. Es sei den Veranstaltern gelungen, die anerkanntesten Wissenschaftler auf ihren Gebieten zu gewinnen.

Klimabündnis nach Vahrenholt-Absage zufrieden


Das Klimastreikbündnis Ludwigsburg hat sich nach dem ersten der beiden Akademietage zu Wort gemeldet. Die Gruppe hatte sich im Vorfeld an die Schiller-Volkshochschule gewandt und sich gegen die Einladung von Fritz Vahrenholt ausgesprochen (die BZ berichtete): „Zuerst einmal bedauern wir die Erkrankung des Herrn Fritz Vahrenholt auf einer zwischenmenschlichen Ebene sehr. Wir wünschen ihm eine baldige Genesung! Politisch gesehen ist mit seiner Absage, trotz des zugegebenermaßen unerwarteten Weges, jedoch das Ziel unseres Protestes erreicht“, teilt das Bündnis mit und weiter: „Es ist uns insgesamt wichtig, zu betonen, dass sich unser Protest zu keinem Zeitpunkt generell gegen die Akademietage als Veranstaltung gerichtet hat. Unser Ziel war es, wie schon im vorausgegangenen offenen Brief erklärt, das Verbreiten von Lügen und irreführenden Interpretationen eines wissenschaftlich klar belegten Sachverhalts zu verhindern.“

Über erhöhte Sicherheitsmaßnahmen seitens der Organisatoren sei man ein wenig verwundert, so das Klimastreikbündnis, schließlich handele es sich um ein friedliches Bündnis und den ebenso friedlichen Klimastreik. bz