Es gibt sie tatsächlich, die Sternstunden im Zeitungsarchiv. Bereits im Jahr 2012 wurden in einem alten Karton drei Fotografien entdeckt, die wahrscheinlich die ältesten Stadtansichten von Bietigheim zeigen. In dem Karton, der vor Jahren bei einer Umräumaktion im Verlag aufgetaucht ist, sind allerlei Broschüren von Bietigheimer Vereinen, Einladungen zu diversen Veranstaltungen.

Beispielsweise die Einladung zum dritten Stiftungsfest des Gesangvereins „Vorwärts Bietigheim“ vom März 1909, eine Festschrift zum 60. Jubiläum der Gewerbebank Bietigheim aus dem Jahre 1928, eine Einladung zum 60-jährigen Fahnenjubiläum des Turnvereins Bietigheim am 27. August 1909, eine Festschrift zum 25-jährigen Jubiläum des Liederkranz Großsachsenheim am 30./ 31. Mai 1926 und weitere höchst interessante Schriftstücke.

Eine Zeitkapsel

Bei dem Karton handelt es sich um eine regelrechte Zeitkapsel. Die neuesten Broschüren sind aus dem Jahr 1932. Seither hat da niemand mehr einen Blick hineingeworfen, bis eben der Karton 2012 in einer verstaubten Ecke entdeckt wurde. Manchmal ist auch Neugierde ein guter Ratgeber.

So wurde der Karton jetzt wieder geöffnet und Schriftstück für Schriftstück durchgeschaut und die darin enthaltenen Vereinsschriften, die in einer erstaunlich guten Qualität erhalten sind, begutachtet. Wo auch immer all die Jahrzehnte der Karton aufbewahrt wurde, die äußeren Bedingungen waren für die Archivierung optimal. Selbst einige alte Zeitungen, die sonst rasch vergilben, wurden in dem Karton perfekt konserviert und machen einen beinahe neuwertigen Eindruck. Fein säuberlich wurde nun der Karton nochmals ausgeräumt und der Inhalt gründlich gesichtet. Der Karton war auf den ersten Blick leer. Aber der Boden schien doch etwas seltsam. Tatsächlich lag, wie unter einem doppelten Boden doch noch etwas.

Unter einem Karton, der exakt dieselbe Farbe hatte, wie die gesamte Schachtel, kam ein weiteres so genanntes Albuminfoto zum Vorschein. Die lilafarbene Prägung auf dem Fototrägerkarton beseitigt die letzten Zweifel: Rob. Freimann Bietigheim ist dort zu lesen, und das Foto somit von lokalhistorischem Interesse. Robert Freimann war der erste Fotograf in Bietigheim. Albuminfotos haben Fotografen nur bis etwa 1900 angefertigt. Dann wurde dieses rustikale Verfahren durch neuere Methoden abgelöst. Somit lässt sich das Foto einwandfrei auf die Zeit vor 1900 datieren.

Die Aufnahme ist in einem sehr guten Zustand. Lediglich an einer Stelle wurde in früher Zeit retuschiert. Charakteristisch für ein Albuminfoto ist die sepia farbene Zeichnung sowie ein auf den ersten Blick sehr schwacher Kontrast. Insgesamt wirken solche Fotos total ausgebleicht und vergilbt. Aber der erste Eindruck täuscht. Ausgerechnet moderne Digitalscanner kommen mit Albuminfotos hervorragend zurecht. Das Foto wurde eingescannt und als Resultat zeigt sich ein wunderbares schwarzweiß-Foto, das mit einer sehr guten Detailtreue überzeugt. Das alte Foto zeigt das Innere einer Kirche, aber welche? Hier sind profunde Kenntnisse in der Stadtgeschichte gefragt.

Echte Rarität

Die perfekte Anlaufstelle für solche höchst spannende „Problemfälle“ ist das Bietigheimer Stadtarchiv. Sonja Eisele kann auf den ersten Blick bestätigen, dass es sich bei dem hier vorliegenden Foto um eine kleine Sensation und eine echte Rarität handelt. Es zeigt tatsächlich das Innere der Bietigheimer Stadtkirche nach einem umfassenden Umbau im Jahre 1892. Dieser Umstand korrespondiert auch mit dem Heftchen „Beschreibung der neu hergestellten Stadtkirche zu Bietigheim“, das sich ebenfalls in dem Karton befunden hat. Dieses Heftchen wurde vermutlich 1892 gedruckt. Die Bietigheimer Stadtkirche wurde zwischen April 1891 und März 1892 nach den Plänen von Bauinspektor Heinrich Dolmetsch (1848 – 1908) im neogotischen Stil erneuert. Das Heftchen endet mit folgender Textpassage: „In den Altar wurde am 12. März unter der Tischplatte ein kupferner Zylinder eingelassen, enthaltend neben einer kleinen Photographie der Stadt und dem neuesten Enz- und Metter-Boten“. Die umgebaute Bietigheimer Stadtkirche wurde am 27. März 1892 eingeweiht.

Der Fotograf Robert Freimann


Robert Freimann wurde nach Auskunft von Sonja Eisele am 7. April 1871 in Heilbronn geboren. Er war verheiratet, und hatte keine Kinder. Im Jahre 1899 errichtete der Wirt des Storchen in der damaligen Bahnhofstraße 9 einen Aufbau auf seinem Keller hinter seiner Gaststätte. Darin eröffnete Freimann im August 1899 ein fotografisches Atelier. Robert Freimann war der erste in Bietigheim ansässige „richtige“ Fotograf. Er fertigte vor allem Familienfotos an, fotografierte Gruppen, etwa Vereine anlässlich von Jubiläen, Tanzstunden und  Musterungsgruppen. Freimanns Geschäftsgrundlage waren Personen- und Gruppenaufnahmen in seinem Atelier. Im Stadtarchiv Bietigheim-Bissingen sind etliche Aufnahmen davon erhalten. Nach langer Krankheit starb Freimann am 6. Juni 1923 im Alter von 52 Jahren. Obwohl Freimann Fotograf war, hat sich kein Foto von ihm selbst erhalten – er stand eben immer hinter der Kamera, so Sonja Eisele. mh