Medizin Abtreibung: Experten in der Region uneins über Werbeverbot

Landkreis Ludwigsburg / Frank Ruppert 05.09.2018

In welchem Umfang dürfen Frauenärzte auf das Angebot von Abtreibungen hinweisen? Die Frage beschäftigt immer wieder Staatsanwaltschaften und Gerichte, zuletzt ein Gericht in Hessen, vor dem zwei Frauenärzte wegen des Verstoßes gegen Paragraf 219a des Strafgesetzbuchs angeklagt waren. Dieser verbietet Ärzten ein offensives Werben für das Angebot. Wie ist die Situation im Landkreis?

„Es gibt zwei Ärzte im Kreis, die Abtreibungen anbieten“, sagt Dr. Arno Steilner aus Bietigheim. Er ist Bezirksvorsitzender im Berufsverband der Frauenärzte. Nur ein Arzt biete in einem ambulanten Eingriff die Abtreibung an, der andere biete lediglich eine medikamentöse Variante  an. „Ich selbst biete es nicht an. Das hat einfach damit zu tun, wo man gelernt hat und an dem Krankenhaus an dem ich vorher war, wurden eben keine Abtreibungen, die nicht medizinisch notwendig waren durchgeführt“, sagt Steilner.

Werben nicht notwendig

Der Paragraf 219a, der nicht nur Gegenstand von Gerichtsverhandlungen in jüngster Zeit war, sondern auch in der Koalition in Berlin umstritten ist, sei unter den Ärzten der Region kein Thema. „In Fachzeitschriften wird er aber schon diskutiert. Auch vor dem Hintergrund, ob er abgeschafft werden soll“, so Steilner. Er persönlich finde die Norm grundsätzlich nicht falsch, denn ein offensives Werben sei gar nicht notwendig. Wenn Frauen schwanger seien, müssten sie ohnehin zu einem Frauenarzt  und wenn sie abtreiben wollen noch zu einer Beratungsstelle. Beide Anlaufstellen informieren über Ärzte, die Abtreibungen vornehmen, sagt Steilner.

„Das Werbeverbot aus Paragraf 219a ist Quatsch. Zunächst einmal wirbt kein Arzt für einen Schwangerschaftsabbruch. Es geht einfach um Information und Information über das Thema ist grundsätzlich gut“, sagt Petra Baumann von Pro Familia Ludwigsburg. Die Organisation berät Schwangere, erteilt den für eine legale Abtreibung notwendigen Beratungsschein und hilft beim Ausfüllen von Formularen etwa zur Unterstützung nach der Geburt. „Durch ein striktes Informationsverbot wird nicht ein Kind weniger abgetrieben“, ist sich die Pädagogin sicher. Wirkungsvoller wäre es wohl die Gründe für Abtreibungen zu bekämpfen. Da kämen bei jeder Frau immer ein ganzes Bündel zusammen. Auffällig sei aber, dass in den meisten Fällen die Wohnungsnot eine große Rolle spiele, bei der Frage, ob man ein (weiteres) Kind in die Welt setzen möchte. Baumann wünscht sich auch mehr Anlaufstellen für Schwangere. Obwohl der Landkreis von seiner Größe her 13 oder 14 Beratungsstellen aufweisen müsste, gebe es nur 6.

Abtreibungsgegner für Verbot

Für das Werbeverbot sprechen sich vor allem Abtreibungsgegner aus. Aus deren Ecke kommen zumeist auch die Anzeigen gegen Ärzte. Explizit nicht nach unerlaubter Werbung sucht nach eigenen Angaben der Regionalverband Stuttgart des Vereins „Aktion Lebensrecht für Alle“, erklärt Angelika Secker vom Regionalverband. Sie erkennt einen Trend zu steigenden Abtreibungszahlen, deshalb sollten nach ihrer Auffassung alle Anstrengungen unternommen werden, diesen Trend zu stoppen. „Dazu gehört in meinen Augen auch das Werbeverbot“, so Secker. In der Region seien ihr aktuell aber keine Fälle von unerlaubter Werbung bekannt. Secker bezieht sich hinsichtlich des Trends auf Zahlen des Statistischen Bundesamts, das für das erste Quartal 2018 bundesweit 2,2 Prozent mehr Abtreibungen als im Vorjahreszeitraum vermeldet hat. Von den insgesamt 27 200 Abbrüchen wurden 96 Prozent nach der Beratungsregelung vorgenommen. Medizinische und kriminologische Indikationen waren in 4 Prozent der Fälle die Begründung, so das Bundesamt.

In Baden-Württemberg ist die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche seit 20 Jahren fast durchweg rückläufig. 1997 gab es noch rund 14 600 Fälle, 2017 nur noch knapp 8600. „Ein wichtiger Grund für den Rückgang sehe ich in der verbesserten Aufklärung über Verhütungsmethoden“, sagt Steilner. Zahlen zu den Landkreisen werden nicht erhoben, wie das Statistische Bundesamt auf Nachfrage mitteilt. Auch die AOK Ludwigsburg-Rems-Murr hat keine genauen Zahlen, teilt aber mit, dass „eine Beibehaltung, Veränderung oder Abschaffung des Paragrafen 219a ein hochemotionales Thema ist und daher einer breiten gesellschaftlichen Debatte bedarf“.

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