Kreis Ludwigsburg / Michaela Glemser  Uhr

Rund 80 Hebammen gibt es derzeit im Landkreis Ludwigsburg, wobei 20 davon in Elternzeit sind. Die verbliebenen 60 Hebammen reichen nicht aus, um die schwangeren Frauen zu versorgen. „Besonders schlecht ist die Versorgung in den Randgebieten zu den Nachbar-Landkreisen. Meine Recherchen zeigen, dass jede dritte junge Mutter, die nach der Geburt aus einem Krankenhaus im Landkreis entlassen wird, ohne Hebamme für die Nachsorge ist“, sagt Christel Scheichenbauer aus Benningen. Die stellvertretende Vorsitzende des Hebammenverbands Baden-Württemberg fordert mit ihren Kolleginnen seit Jahren eine bessere Ausbildungssituation für ihren Berufsstand in Deutschland. Dies soll bis Januar 2020 nun umgesetzt werden, denn das Bundeskabinett hat auf Vorschlag von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn die Einführung eines dualen Studiums für den Hebammenberuf beschlossen.

EU-Richtlinien folgen

Das Kabinett folgt damit einer EU-Richtlinie, die eine Überführung der Hebammen-Ausbildung an die Hochschulen fordert, wie dies bereits in anderen europäischen Ländern der Fall ist. „Bisher können Hebammen eine dreijährige praktische Ausbildung in einer Klinik und eine theoretische Ausbildung in einer Hebammenschule absolvieren. Es gibt in Tübingen, Ulm und Stuttgart die Möglichkeit eines berufsbegleitenden Studiums“, erläutert Scheichenbauer. Doch von den insgesamt rund 160 Ausbildungsplätzen für Hebammen im Land machen die Studienplätze bislang einen geringen Anteil aus.

„Die Meinungen bei unseren Hebammen über die Vollakademisierung sind geteilt. Manche sind skeptisch und befürchten, dass der Praxisanteil zurückgehen könnte. Andere setzen darauf, dass der Beruf durch die Ausbildungssituation attraktiver wird“, so Scheichenbauer. Das duale Studium für Geburtshelfer soll sechs bis acht Semester dauern und den Hebammen Chancengleichheit auf dem europäischen Arbeitsmarkt sowie neue berufliche Perspektiven bieten. „Hebammen können in Zukunft auch wissenschaftlich arbeiten und werden vom medizinischen Fachpersonal in den Kliniken auf Augenhöhe gesehen sowie in Entscheidungen miteinbezogen. Davon werden beide Seiten profitieren“, sagt Scheichenbauer. Langfristig sollen auch die Verdienstmöglichkeiten steigen. War bisher eine zehnjährige Schulbildung Voraussetzung für die Ausbildung zur Hebamme, steigt diese mit der Reform auf zwölf Jahre oder eine abgeschlossene Berufsausbildung. Beendet wird das Studium mit einem Bachelor und einer staatlichen Prüfung. „Wir hoffen, dass der Hebammenberuf durch die neue Art der Ausbildung nicht mehr in der Bildungssackgasse stecken bleibt. Hebammen brauchen heute so viele Kenntnisse auf unterschiedlichen Gebieten und tragen eine große Verantwortung. Dies muss auch in der Ausbildung berücksichtigt werden“, stellt Scheichenbauer klar, die neben ihrer Arbeit im Hebammenverband auch in einer Praxis in Ludwigsburg tätig ist. Während das Studium wohl eher für ihre jüngeren Kolleginnen in Frage kommt, sollen die älteren Hebammen aber auch Möglichkeiten zur beruflichen Nachqualifizierung erhalten.

„Auch die Zahl der von Hebammen geführten Kreißsäle wird sich hoffentlich erhöhen, denn sie sind sehr erfolgreich. Die Hebammen können selbständig arbeiten. Allerdings glaube ich, dass die Auswirkungen der Ausbildungsreform erst in fünf Jahren deutlich zu spüren sein werden. Wir hätten mit der Umsetzung schon viel früher beginnen sollen.“

Sie selbst hat trotz der Schwierigkeiten ihre Berufswahl nie bereut, denn mit Menschen zu arbeiten, die auf ein freudiges Ereignis warten und bei diesem dabei sein zu können, sei erfüllend.

Jüngst haben die Teilnehmer eines „Runden Tischs zur Situation der Geburtshilfe in Baden-Württemberg" zudem beschlossen, dass Frauenärzte und Hebammen künftig enger zusammenarbeiten sollen, lokale Gesundheitszentren für Schwangere und Wöchnerinnen eingerichtet werden, und die Arbeitsbedingungen in der Geburtshilfe in den Kliniken mitarbeiter- und familienfreundlicher gestaltet werden.  mig