Kämpfen. Oder abtreten. Vor dieser Entscheidung steht Detlev Zander vor fünf Jahren. Der heute 53-Jährige entscheidet sich, obwohl innerlich gebrochen, für Variante eins und tritt den Weg nach vorn an. Alle Dämme brechen. Jahrelang hat er geschwiegen, jetzt will er reden. Über seine Zeit im Kinderheim der evangelischen Brüdergemeinde in Korntal, deren Diakonie Träger von Jugendhilfeeinrichtungen ist. Über Demütigungen, die dort an der Tagesordnung gewesen seien. Über Schläge, Zwangsarbeit und sexuellen Missbrauch.

Detlev Zander ist zwei Jahre alt, als er 1963 ins Hoffmannhaus in Korntal kommt. An die Ankunft kann er sich noch erinnern. "Ich stand da mit meinem kleinen Koffer draußen im Flur." Es ist eine der guten Erinnerungen. Zander wird einer der Wohngruppen zugeteilt, bei den harmlos klingenden Rotkehlchen soll sein Martyrium nach eigener Aussage beginnen. Die für Zanders Gruppe zuständige Erzieherin regiert mit harter Hand. Ein Beispiel: Er sei relativ lang Bettnässer gewesen. Um ihn zu kurieren, habe sie ihn erst unter die kalte Dusche gezerrt und seinen Penis dann mit der Zahnbürste geschrubbt. Ein anderes Beispiel: Wem das Essen nicht schmeckte, der wurde gezwungen, so viel zu schlucken, bis er sich übergeben musste. Zander: "Das Erbrochene mussten wir dann essen."

Die Situation verschlimmert sich, als der Hausmeister des Heims die Bühne betritt. Acht Jahre lang sei er von diesem sexuell missbraucht worden, teilweise mehrmals täglich. "Je älter ich wurde, desto brutaler ging der Hausmeister vor", erzählt Zander. Die Übergriffe finden im Fahrradkeller, in der Waschküche und im Ölkeller statt. Noch heute wird der Gepeinigte von seiner Vergangenheit überrollt, wenn er Öl riecht.

Bilder aus dieser Zeit zeigen einen kleinen ernsten Jungen mit dicker schwarzer Brille. Der kleine Detlev Zander ist schüchtern, immer mehr zieht er sich zurück. Doch das will niemand bemerken, obwohl Zander heute sicher ist: "Alle wussten es." Einmal wagt er selbst einen Hilferuf. Er erzählt der Erzieherin, dass der Hausmeister so komische Sachen mit ihm mache. Die Reaktion sei harsch gewesen. "Sie sagte mir, ich solle keinen Blödsinn erzählen - und schlug mich zusammen." Danach habe er sich nicht mehr getraut, sich zu wehren.

Auch von oberster Stelle können die Kinder keine Unterstützung erwarten, wie Zander weiter berichtet. Als der Heimleiter seinerzeit privat ein Haus baut, müssen sie anpacken, Ziegel und Steine schleppen. Während der ganzen Zeit denkt der Junge, seine Eltern seien tot. Erst 2013, als er seine Heim-Akte in die Hände bekommt, erfährt er, dass diese erst später starben, ihn Anfang der 70er-Jahre besuchen wollten. Das habe ihm niemand gesagt.

1977 verlässt Detlev Zander das Hoffmannhaus mit einem Hauptschulabschluss in der Tasche. Er erlernt einen Pflegeberuf, heiratet mit Anfang 20 das erste Mal. Nicht, weil er es will, sondern weil man es eben so macht. Seine ehemalige Erzieherin lädt er zu der Feier sogar ein. Die Brüdergemeinde wird ihm das später vorhalten, ihn deshalb unglaubwürdig nennen. Doch Zander verteidigt sich. "Ein Kind liebt Vater und Mutter, egal, was sie einem angetan haben." Für ihn sei die Erzieherin die einzige Mutter, die er kenne.

Das junge Paar bekommt eine Tochter. Doch die Ehe hält nicht lang. Überstürzt packt Zander seine Koffer, verlässt die Familie. Jahre später heiratet er erneut. Zwei weitere Kinder kommen zur Welt. Doch auch diese Beziehung scheitert. Noch heute sagt Zander: "Ich kann keine Nähe zulassen." Damals kann er es nicht erklären. "Ich konnte nicht reden, ich war fertig." Mehrere Selbstmordversuche und Therapien hat der 53-Jährige heute hinter sich. Die Liste seiner Diagnosen ist lang: Borderline, posttraumatische Belastungsstörung, Depressionen, Persönlichkeitsstörung.

Zwei seiner Peiniger sind mittlerweile tot, die Erzieherin ist hochbetagt. Mit der Brüdergemeinde ist Zander aber längst nicht fertig. Im vergangenen Jahr geht er erstmals auf die Gemeinschaft zu, fordert Schadensersatz. Nach anfangs positiven Signalen habe sich dann nichts mehr getan, so Zander. Also nimmt er sich einen Anwalt, droht mit Klage. 1,1 Millionen Euro will das Ex-Heimkind - Stand jetzt - für die erlittenen Qualen haben.

Ob es zu einem Prozess kommt, ist aber noch unklar. Zander ist seit Jahren arbeitsunfähig, lebt von Hartz IV und kann sich einen Streit vor Gericht eigentlich nicht leisten. Ein Antrag auf Prozesskostenhilfe liegt derzeit noch beim Landgericht Stuttgart, das wohl nach der Sommerpause darüber entscheiden wird. Das Urteil wäre wohl auch dahingehend wegweisend, ob Zander mit seinem Ansinnen generell Erfolg haben könnte oder nicht.

Über Alternativen hat der 53-Jährige, der heute in Niederbayern lebt, auch schon nachgedacht, sein Anwalt, Dr. Christian Sailer, habe geraten, notfalls einen Mäzen zu suchen. Am liebsten wäre dem Verteidiger, der schon viele Heimkinder vertreten hat, allerdings, wenn es zu einem Vergleich kommen würde. Wie sich die Brüdergemeinde bislang verhalten habe, sei das jedoch unwahrscheinlich, sagt Sailer.

In der Tat hat sich die Brüdergemeinde beim Landgericht Stuttgart dafür ausgesprochen, die Prozesskostenhilfe nicht zu gewähren. Persönlich will man dieser Tage dazu keine Auskünfte geben. Der Geschäftsführer der Diakonie, Veit-Michael Glatzle, meldet sich und entschuldigt das mit der Ferienzeit. Mitarbeiter, die im Thema seien, seien im Urlaub. Zudem sei es wegen des laufenden Verfahrens "leider zurzeit nicht möglich", weitere Informationen zum Fall Zander zu liefern. Glatzle verweist auf die Homepage der Brüdergemeinde.

Dort finden sich diverse Stellungnahmen. Der Einspruch gegen die Prozesskostenhilfe wird darin mit Verjährung und Unstimmigkeiten in den Aussagen Zanders gerechtfertigt - sein Begehren habe deshalb keine Erfolgsaussichten, schreibt die Gemeinschaft. Für die zweifelhafte Glaubwürdigkeit Zanders nennt sie unter anderem ein Beispiel. So habe der 53-Jährige laut Arztattesten angegeben, keine Geschwister zu haben, dabei seien mehrere mit ihm im gleichen Heim erzogen worden. Das stimmt tatsächlich. Der Anwalt Sailer erklärt das damit, dass Zander zum Zeitpunkt der Aussage mit seinen Geschwistern seit Jahrzehnten keinen Kontakt mehr gehabt habe, sie existierten für ihn faktisch nicht. Eine gezielte Falschaussage verweist Sailer ins Reich der Märchen, "da der Kläger keinerlei Vorteile davon hätte".

Hanebüchen für Sailer ist vor allem, dass die Brüdergemeinde jetzt zwar querschießt, gleichwohl aber anerkannt habe, dass Zander misshandelt wurde. Tatsächlich liest man auf der Homepage der evangelischen Gemeinschaft: "Die Diakonie hat sich darüber hinaus bei Herrn Z. in einem offiziellen Brief für erlittenes Unrecht entschuldigt." Des Weiteren gibt sie sich aufklärungsbereit: Man habe eine Kommission zur Aufarbeitung der Heimerziehung und des Missbrauchs von 1949 und 1975 in der Werken der evangelischen Brüdergemeinde Korntal gegründet. Aus dieser Zeit wurden mittlerweile Heimakten ans Landeskirchliche Archiv übergeben, wo sie eingesehen werden können und aufgearbeitet werden sollen.

Detlev Zander geht das freilich nicht weit genug - seine Wunden sitzen brunnentief. Sollte er tatsächlich Schmerzensgeld erhalten, würde das für ihn eine Anerkennung des Erlittenen bedeuten. Und ein Stück weit auch Gerechtigkeit. Auch für die anderen, die Ähnliches wie er erlebt hätten. Und davon soll es viele geben. Vor etwas mehr als zwei Wochen haben er und Mitstreiter als Anlaufstelle für Betroffene die Homepage www.heimopfer-korntal.de freigeschaltet. Fast 60 weitere Opfer aus den Kinderheimen in Korntal und Wilhelmsdorf, wo die Diakonie auch vertreten ist, hätten sich bereits gemeldet.

Auch der Jurist Sailer spricht von einer erdrückenden Beweislast gegen die Brüdergemeinde. Er habe bei Gericht mehr als 20 Zeugen benannt. Dazu gehört auch der Sachsenheimer Ulrich Scheuffele, der in den Jahren 1971/72 seinen Zivildienst in Korntal absolviert hat. Von den sexuellen Übergriffen hat dieser nach eigener Aussage damals nichts mitbekommen, wohl aber von der Zwangsarbeit, wie er sagt. Die ganze Atmosphäre sei kalt und aggressionsgeladen gewesen. Einmal sei der Heimleiter beispielsweise zu ihm gekommen und habe ihm bedeutet, er könne die Kinder zur Züchtigung verprügeln. Scheuffele: "Ich habe das ignoriert." Gemeinsam mit anderen Zivis schreibt der Sachsenheimer damals an das Bundesverwaltungsamt, um sich über die Zustände im Heim zu beschweren. Der Brief kommt zurück, mit dem Hinweis, der Dienstherr müsse es gegenzeichnen. Scheuffele: "Wir wurden ausgeliefert."

Ein Gefühl, das Detlev Zander nie mehr haben möchte. Er hat den Eindruck, die Brüdergemeinde habe ihn unterschätzt, sagt er. Das gibt ihm Auftrieb. Schließlich will er kämpfen. Nicht abtreten.