Die Preise für Wohnraum sind in der Stadt in ungeahnte Höhen vorgedrungen. Im Lothar-Späth-Carré verlangt die Bietigheimer Wohnbau Quadratmeterpreise von mehr als 6000 Euro. Sind diese Preise noch verträglich mit ihrer Aufgabe als kommunales Wohnbauunternehmen? Darüber sprachen BZ-Redaktionsleiterin Claudia Mocek und Redakteur Michael Soltys mit OB Jürgen Kessing.

Herr Kessing, es geht los im Lothar-Späth-Carré. Warum erst jetzt?

Jürgen Kessing: Weil es erhebliche Verzögerungen gegeben hat. Zum einen hat der Gemeinderat einen Wettbewerb gefordert. Das hat uns zwei Jahre Zeit gekostet. Dann hat das Umlegungsverfahren einiges an Zeit in Anspruch genommen. Wir mussten das Gebiet teilen, sodass wir jetzt in einem ersten Schritt beginnen können und in einem zweiten Schritt den Rest des Geländes entwickeln können.

Die Teilung hatte offensichtlich auch etwas mit schwierigen Verhandlungen mit anderen Bauträgern zu tun.

Das ist immer so.

Im ersten Teil haben die Wohnbau und die Firma Strenger Baugrund, hat die Wohnbau auch im zweiten Teil noch Gelände?

Dort haben die Wohnbau und das Unternehmen Layher noch Grundstücke.

Waren es also die Verhandlungen mit der Firma Layher, die zu Verzögerungen geführt haben?

Offensichtlich auch. An der Bietigheimer Wohnbau lag es nicht und an der Stadt auch nicht. Aber es zeichnet sich möglicherweise eine Lösung ab, das wird die Zeit bringen.

Im Lothar-Späth-Carré sind jetzt die ersten Häuser in der Vermarktung. Die Wohnbau ruft im Verkauf Preise von mehr als 6000 Euro für den Quadratmeter auf. Das ist ein gewaltiger Brocken. Wie begründet sich dieses Preisniveau?

Das Preisniveau begründet sich durch hohe Vorlaufkosten, durch sehr hohe Baukosten, strikte Bauvorschriften und auch durch die Verzögerungen. Dann kommt man zu diesen Marktpreisen. Es gibt Angebote in der Stadt, die liegen schon darüber.

Die Wohnbau ist ein wirtschaftlich orientiertes Unternehmen, aber sie ist auch eine kommunale Wohnbau-Tochter, sodass sich manche fragen, ob sie mit diesen Preisen nicht überzieht?

Das tut sie nicht. Ein kommunales Unternehmen zu sein heißt nicht, zwangsläufig unwirtschaftlich zu agieren. Wir haben in der Stadt beschlossen, dass 20 Prozent geförderter Wohnraum entstehen soll. Nur wer einen Wohnberechtigungsschein hat, kann dort Mieter werden. Die Miete liegt ein Drittel unter der Marktmiete. Es muss also quersubventioniert werden, wenn Sie nicht mit horrenden Verlusten herauskommen wollen. Die Wohnbau ist kein Unternehmen, das Wohnraum nur für geringere Einkommen baut, sondern die Aufgabe hat, Wohnraum für alle zu schaffen, also auch im gedämpften Mietsegment.

6000 Euro und mehr. Das ist aber kein mittleres Segment.

Das ist eher im oberen Segment.

Auch im Ellental hat die Wohnbau hohe Preise gesetzt, die weit über die Grenze von 5000 Euro gehen. Sie ist ja nicht nur vom Markt getrieben, sondern treibt den Markt als einer der Spieler an.

Da tun Sie ihr Unrecht. Die Wohnbau ist kein Preistreiber, das sind eher andere. Sie verhält sich eher marktgerecht. Wir liegen immer noch in aller Regel unter den Preisen, die andere verlangen. Sie müssen auch sehen, was Sie für den Preis bekommen, ähnlich wie beim Auto, wo auch auf die Ausstattung geachtet wird.

Nach dem Motto: Luxus geht immer?

Ja, auch das. Auch diese Nachfrage muss bedient werden. Wenn man das nicht tut, dann drängen diese Nachfrager in das Segment darunter. Deswegen haben wir ja in den unteren Bereichen diese enormen Anstiege auf dem freien Markt, weil viel Geld unterwegs ist, das eine Anlage sucht und auch bereit ist, die etwas höheren Mieten zu zahlen.

Die Wohnbau hat aber auch eine politische Rolle. Könnte sie nicht den Markt stärker beeinflussen durch günstigere Preise und weniger Luxus?

Wir haben gerade die Erfahrung gemacht, bei einem Projekt innerhalb einer Woche alles verkauft zu haben, obwohl noch nicht einmal mit dem Bau begonnen worden war. Also war der Preis zu niedrig.

Beim Verkauf richten Sie sich also rein nach dem Marktpreis?

Der Markt ist riesengroß, er funktioniert in diesem Segment. Wir haben nichts zu verschenken. Die Markttreiber sind oft rein private Unternehmen, die bereit sind, horrende Grundstückspreise zu bezahlen. Ein Beispiel: In Bissingen ist ein gebrauchtes Objekt für knapp 1400 Euro pro Quadratmeter aufgekauft worden, um es abzureißen und neu zu bauen. Da kommen Sie mit 6000 Euro Verkaufspreis nicht mehr hin.

Gilt die 20-Prozent-Regelung auch für das Späth-Carré?

Da noch nicht, weil das Baurecht durch die Planungen vorher geschaffen worden ist. Wir haben aber damals schon gesagt, dass wir eine bestimmte Anzahl an geförderten Wohnungen haben wollen, etwa 50 Wohneinheiten, etwa je zur Hälfte in den beiden Bauabschnitten.

Hätten Sie sich auch einen höheren Anteil geförderter Wohnungen vorstellen können?

Dafür hätte es wahrscheinlich im Gemeinderat keine Mehrheit gegeben. Diese 20 Prozent waren breiter Konsens. Die Wohnbau kauft auch Wohnungen auf oder widmet sie um, die in die geförderten Bereiche hereinkommen. Die Wohnbau ist im Moment das einzige Unternehmen, das so handelt. Die anderen Baufirmen tun dies in aller Regel nicht, obwohl sie nach dem Grundgesetz eine Sozialverpflichtung hätten.

Was ist mit den Menschen, die ein ganz normales Verdienst haben, einer Familie mit zwei Kindern, in der ein Partner ganztags, der andere stundenweise oder halbtags arbeitet?

Für diese Menschen gibt es ebenfalls ein Angebot, beispielsweise das Gebäude im Ellental, in dem das Schulprovisorium untergebracht ist. Dort nehmen wir gedämpfte Mieten, 9.50 bis 10 Euro pro Quadratmeter. Das ist das mittlere Segment. Das haben wir über einen subventionierten Grundstückspreis erzielt.

Manche Stadt wäre froh, sie hätte ein eigenes städtisches Wohnbauunternehmen. Trotzdem scheint es in Ihrer Argumentation so, als seien Sie der Getriebene, getrieben vom Markt.

Wir ziehen nur nach. Wir haben aber auch die Entscheidung getroffen, dass die Bietigheimer Wohnbau viel stärker als Bestandshalter auftreten soll. Die Politik der vergangenen Jahrzehnte hat die Tätigkeit als Bauträger betont. Auch das ist Versorgung mit Wohnraum. Wir versuchen jetzt, von etwa 500 eigenen Wohneinheiten im Bestand in den nächsten zehn Jahren auf etwa 1000 zu kommen. Damit können wir dämpfend eingreifen. Bei der Wohnbau liegen wir im Schnitt bei weniger als sechs Euro Miete pro Quadratmeter. Da gibt es nicht viele, die mithalten können.

Eine Zielgruppe sind junge Familien. Was unternimmt die Stadt, um sie zu binden?

Wer einen Wohnberechtigungsschein hat, kann sich an die Wohnbau wenden. Wenn es gute Doppelverdiener sind, haben sie in aller Regel keine Probleme Wohnraum zu finden.

Und Menschen mit einem mittleren Einkommen, haben die ein Problem?

Für diese Familien versuchen wir künftig ein Angebot im gedämpften Segment zu bekommen. Bei einem Projekt mit einem privaten Unternehmen haben wir zum Beispiel ein Belegungsrecht für zehn bis 15 Wohnungen vereinbart. Aber auch Arbeitgeber sind in der Pflicht. Große Unternehmen wie zum Beispiel Bosch überlegen, eigene Wohnungen für Mitarbeiter zu bauen. Die SPD im Land fordert die Gründung einer eigenen Landes-Wohnungsbaugesellschaft. Da ist nicht nur die Stadt gefordert.

Nehmen solche Projekte etwas die Schärfe aus dem Markt?

Zu uns ziehen Menschen von außerhalb, wenn in der Stadt Arbeitsplätze frei werden. Dadurch entsteht der Nachfragedruck nach Wohnungen. Die Anstiege sind allerdings nicht mehr so extrem wie in der letzten Jahren. Vieles deutet auf eine Abschwächung des Arbeitsmarktes hin. Wenn diese Entwicklung anhält, wird es möglicherweise relativ rasch eine Entspannung auf dem Wohnungsmarkt geben können.

Um auf den Anfang zurückzukommen: Wie wird es jetzt im Lothar-Späth Carré weitergehen?

Die Erschließung des ersten Abschnitts läuft. Im nächsten Jahr werden die ersten Gebäude errichtet. Wir hoffen, im Laufe des nächsten Jahres die Einigung für die Umlegung des zweiten Abschnitts hinzubekommen. Dann könnte mit einer zeitlichen Verzögerung von ein bis zwei Jahren der zweite Bauabschnitt begonnen werden.

Überschrift Infokasten einzeilig


Anlauf steht hier Text für einen dreispaltigen Infokasten. bz