Schwerpunkt Ärzteversorgung „Wir haben keinen Ärztemangel“

„Wir haben keinen Ärztemangel“, sagt Dr. Michael Friederich.
„Wir haben keinen Ärztemangel“, sagt Dr. Michael Friederich. © Foto: Kreisärzteschaft
Kreis Ludwigsburg / Christiane Rebhan 13.01.2018

Seit mehr als 30 Jahren arbeitet Dr. med. Michael Friederich als hausärztlich tätiger Internist in Markgröningen. Außerdem vertritt er als Vorstand der Ärzteschaft die Interessen von rund 1540 Ärzten in Ludwigsburg und Umgebung. Friederich hat also einen Überblick, inwiefern der Kreis Ludwigsburg ausreichend mit Ärzten versorgt ist.

Wie steht es um die Arztversorgung im Kreis?

Dr. med. Michael Friederich: Zunächst einmal: Wir haben keinen echten Ärztemangel im Landkreis. Die Bevölkerung verteilt sich asymmetrisch über das Gebiet mit einer Ballung um Ludwigsburg. Bei den Ärzten gibt es eine Konzentration in Ludwigsburg, Bietigheim-Bissingen und Kornwestheim, da hängen fast alle Praxen. In Schwieberdingen und Markgröningen ist man aufgrund der Nähe zur Autobahn auch recht gut versorgt. Als ich vor 36 Jahren hier anfing, waren wir vier Ärzte, heute sind es 14.

Wie steht es um die Versorgung im Notfall?

Die Notfallversorgung wird jeden Abend und am Wochenende in Bietigheim-Bissingen und Ludwigsburg geleistet, damit sind wir gut versorgt. Unser Problem liegt eher in der Fläche.

Können Sie das erklären?

Schauen Sie nach Freudental, dort gibt es einen einzigen Arzt. Kleinere Einzelpraxen auf dem Land werden nicht mehr besetzt, wenn jemand in den Ruhestand geht. In attraktiver Lage mit S-Bahn-Anschluss ist es hingegen – meines Wissens – kein Problem einen Nachfolger zu finden. Fachärzte finden Sie fast ausschließlich in Ludwigsburg und Bietigheim-Bissingen. Hausärzte dürfen sich gerne noch bei uns niederlassen.

Wie wird sich die Abdeckung in Zukunft entwickeln?

70 Prozent der Medizinstudenten sind im Augenblick weiblich. Das birgt auch Probleme, denn mir fallen kaum Frauen ein, die im Landkreis ihre Praxis alleine führen oder zukünftig übernehmen. Eine Einzelpraxis lässt sich schwer mit Familienleben vereinbaren. Die meisten sind in einer Berufsausübungsgemeinschaft oder angestellt. Als angestellter Arzt verdient man wie in der Klinik, hat aber keine Nacht- und Wochenenddienste mehr.

Warum ist es unattraktiv eine Einzelpraxis zu betreiben?

Als Arzt mit einer eigenen Praxis ist man nicht nur medizinisch tätig, man ist zugleich Steuerberater, muss die Praxis wirtschaftlich führen, Betriebsauswertungen und Gutachten schreiben, hat Personalverantwortung und mehr. Dieser wirtschaftliche Teil der Arbeit ist sehr zeitaufwendig, deshalb drängen viele Kollegen klar in Gemeinschaftspraxen oder wollen als Angestellte in einem medizinischen Versorgungszentrum arbeiten.

Diese Modelle sind auch für ältere Ärzte geeignet, die über das Alter von 65 Jahren hinaus praktizieren wollen, aber nur noch stundenweise. In der Schweiz ist man bei diesen Organisationsformen schon viel weiter, viele deutsche Ärzte gehen dorthin, da die Infrastruktur in dieser Hinsicht perfekt ausgebaut ist.

Wie kann man das Nachwuchsproblem noch angehen?

Mit der Gesundheitsreform 2020 sollen die Zugangskriterien für das Medizinstudium verändert werden. Bisher kamen 20 Prozent der Studenten über ihre Abiturnote rein und 20 Prozent über die Wartelisten. Das sind momentan sieben Jahre Wartezeit für jemanden der keinen Abiturschnitt von 1,2 bis 1,4 hat. Die Reform wird darauf abheben, dass wir Leute aus medizinnahen Berufen, wie Rettungssanitäter und Krankenschwestern, zum Studium zulassen. Das sind für mich die Motiviertesten!

Wenn diese Gruppen jetzt ihr Studium aufnehmen, sind sie schon recht alt, da sie die Wartezeit überbrücken müssen. Damit die Studiumsplätze nicht hauptsächlich nach Noten vergeben werden müssen, würde auch ein zentraler bundesweiter Test helfen, in dem Fähigkeiten und Wissen schriftlich abgefragt werden. Mit einem guten Prüfungsergebnis soll man seinen Schnitt für die Warteliste aufbessern können. Dieser Schritt ist längst fällig und wird von der Ärzteschaft begrüßt.

Wie lösen Ärzte die Nachfolgefrage?

Zunächst: Kein Arzt überlässt seine Patienten gerne ihrem eigenen Schicksal, weil er keinen Nachfolger gefunden hat. Jedoch kenne ich viele Kollegen, die ihre Praxis gerne abgeben wollen, aber keinen Nachfolger finden. Ich habe das für mich schon geregelt, mein Sohn wird die Praxis in Markgröningen übernehmen und sich noch eine Kollegin mit in die Praxis nehmen, die ihren Facharzt in der Allgemeinmedizin machen will. Da können sie sich gegenseitig vertreten, wenn einer im Urlaub ist.

Die KVBW regelt die Ärzteversorgung

Die Kassenärztliche Vereinigung (KVBW) stellt die flächendeckende ambulante ärztliche, psychotherapeutische und zahnärztliche Versorgung von mehr als acht Millionen Versicherten der Gesetzlichen Krankenversicherung in Baden-Württemberg sicher. Alle Vertragsärzte und Vertragspsychotherapeuten müssen der KVBW angehören.

Bedarfsplanung: Wie viele Ärzte pro Patient zugelassen, regelt die vom Gesetzgeber veranlasste Bedarfsplanung. Sie legt fest, wann ein Gebiet über- oder unterversorgt ist. Überversorgt ist ein Bereich ab einem Prozentanteil von 110 – dann ist der Bereich gesperrt für neue Ärzte, die sich niederlassen wollen. Auf diesen Prozentsatz bezogen, fehlen in Bietigheim-Bissingen 18 Hausärzte (siehe Grafik). Auf 1661 Einwohner kommt ein Hausarzt.

Ärztemangel: Laut KVBW ist davon auszugehen, dass in den nächsten Jahren viele Ärzte im Kreis Ludwigsburg in den Ruhestand gehen. Die KVBW hat, um dem drohenden Ärztemangel zu begegnen, unter anderem das Programm „Ziel und Zukunft Baden-Württemberg“ gestartet. In ausgewiesenen Fördergebieten wird die Niederlassung gefördert. Ebenso gibt es Fördergelder für die Tätigkeit angestellter Ärzte oder für Medizinstudenten im Praktischen Jahr.

Nachfolgefrage: In offenen Planungsbereichen (siehe oben) können Ärzte eine neue Praxis gründen, eine bestehende übernehmen oder in eine Gemeinschaftspraxis einsteigen. Im gesperrten Bereich muss zunächst ein Kollege der gleichen Fachgruppe die Vertragsarztpraxis abgeben. cri

www.kvbawue.de

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