Schwerpunkt 70er-Jahre „Wir haben einen Nerv getroffen“

Ludwigsburg / Von Andreas Eberle 28.07.2018

Zum dritten Mal in Folge tritt Dieter Thomas Kuhn an diesem Samstagabend bei den KSK Music Open im Ludwigsburger Schlosshof auf. Im Interview mit der BZ erzählt der 53-jährige Schlager-Star aus Tübingen, wie er die 70er-Jahre erlebt hat, was hinter der Sonnenblume und dem Brusthaar-Toupet steckt und wie er den Schlager für sich entdeckt hat. Und er verrät, was die Band mit den BHs macht, die auf die Bühne fliegen.

Macht eine besondere Kulisse wie das Barockschloss einen Auftritt für Sie als alten Hasen noch zu einem besonderen Konzert?

Dieter Thomas Kuhn: Wir waren schon zweimal dort und wissen, was auf uns zukommt. Wenn der Schlosshof mit den vielen Leuten gefüllt ist, sieht das immer wieder beeindruckend und wunderbar aus. Das Schloss an sich ist ja bereits superschön, und wer darf denn schon mal in so einem Hof spielen? Die meisten Schlösser haben da einen Riegel vorgeschoben. Beim Tübinger Schloss darf man zum Beispiel gar nichts machen – wegen der Fledermäuse.

Sie entführen Ihr Publikum in die Schlager-Welt der 70er-Jahre. Welches Lebensgefühl wollen Sie vermitteln?

Es war nie ein Kalkül, dass wir ein spezielles Lebensgefühl oder eine Botschaft vermitteln wollten. Wir haben von Anfang an unseren Spaß in der ganzen Geschichte gesucht – und uns haben mit der Zeit immer mehr Leute entdeckt. Dann haben wir gesehen und gespürt, dass die Menschen, die zu uns kommen, mindestens den gleichen Spaß an den alten Songs haben wie wir. Anscheinend haben wir damals mit unserer Musik einen Nerv getroffen, der bis heute wirkt. Natürlich geht es bei den Konzerten auch ein Stück weit darum, den Alltag zu vergessen. Es ist eine Party, auf die die Leute gehen. Sie feiern sich und zum großen Teil auch uns.

Auf einer Kostümparty?

Ja, das hat sich so entwickelt. Egal, in welcher Stadt wir spielen – sie ist mittags schon voll mit lauter bunten Vögeln, die dann abends zu uns kommen. Das ist auch für uns immer noch ein freudiger Anblick.

Wie kommt es, dass knallbunte Hemden und Schlaghosen, Hippie-Kleider und Pla­teau-schuhe, Sonnenblumen und Blumenketten bei Ihren Konzerten quasi zum Dresscode gehören?

Wir haben nie gesagt, dass die Leute sich so anziehen sollen wie wir. In den ersten Jahren ist auch noch jeder ganz normal gekommen. Und dann ist es zu einem Selbstläufer geworden, sich zu kostümieren. Auch die Sonnenblumen sind nicht zum Symbol geworden, weil ich gefordert habe: Bringt bitte alle Sonnenblumen mit. Das kam sukzessive, immer mehr. Am Anfang sind Trockenblumen auf die Bühne geflogen, weil ich auf unserer ersten CD gesagt habe: Oh, ich liebe Trockenblumen. Mit der Zeit hat sich das gewandelt zu Sonnenblumen als unser Symbol.

Es gab Zeiten, in denen der Schlager verpönt war und als Musik für alte Leute verspottet wurde. Mittlerweile begeistert er mehrere Generationen. Wie haben Sie diesen musikalischen Kulturwandel erlebt?

Als wir 1992 angefangen haben, hat sich kein Mensch dafür interessiert, schon gar nicht für die alten Schlager. Natürlich gab es immer eine Volksmusik- und Schlagerszene, aber Schlager waren völlig uncool. Auch die Medien waren am Anfang etwas ratlos mit der Geschichte. Da kam einer, der aussieht wie aus den 70ern und singt die alten Dinger, die aber ganz anders klingen. Da hieß es „Trash Kuhn“ und die „singende Föhnwelle“, und Helge Schneider war die „singende Herrentorte“. Trotzdem hat es den Menschen gefallen. Sie sind zu den Auftritten geströmt – und die ganzen Schlagerhasser haben sich darüber gewundert, was da gerade passiert. Die Begeisterung hat bis heute angehalten. Dass der Schlager salonfähig geworden ist, daran sind sicherlich auch wir mit schuld.

Sie sind in den 70er-Jahren aufgewachsen. Haben Sie schon damals als Kind jeden Schlager auswendig gekonnt?

Ich denke ja. Im Küchenradio lief bei uns zu Hause oft SDR 4, weil das meine Mutter gern gehört hat. Auch die ZDF-Hitparade haben wir geguckt. Wenn da Peter Maffay „Und es war Sommer“ oder Karel Gott „Einmal um die ganze Welt“ gesungen hat, hat mich das als Kind und Jugendlicher schon berührt. Das alles ist an mir nicht spurlos vorübergegangen. Als wir dann später als Band die Lieder gespielt haben, war ich erstaunt, wie viele ich von ihnen kannte und noch im Hinterkopf hatte. Aber mein musikalisches Interesse lag eigentlich ursprünglich ganz woanders.

Nämlich?

Wir haben Rockmusik gemacht, hatten am Anfang sogar ein paar Punker in der Band. Wir konnten es eigentlich selbst nicht fassen, dass wir diese alten Schlager-Songs spielen – und dass es uns Spaß macht. Das war eigentlich der Witz. Wir haben es nicht als Aufgabe gesehen, die Lieder zu covern, sondern wollten es auf unsere Weise machen. So ist der Band-Sound entstanden.

Welche Musik haben Sie als Heranwachsender gemocht?

Meine zwei älteren Schwestern haben im Haus Rolling Stones und die Beatles gehört, mein Bruder Led Zeppelin, und da habe ich natürlich mitgehört. Sonntagabends habe ich mit dem Kassettenrekorder die internationale Hitparade im Radio aufgenommen – und war sehr betrübt, wenn der Moderator am Schluss eines Songs reingequatscht hat. Mir hat zum Beispiel das Electric Light Orchestra damals sehr gut gefallen.

Ein Abba-Fan waren Sie keiner?

Meine erste Single war tatsächlich „Waterloo“, nachdem der Song beim Eurovision Song Contest gewonnen hatte. An Abba ist man ja nicht vorbeigekommen, weil alles in den Charts gelandet ist. Ich habe Abba dann aber etwas aus den Augen verloren. Das waren Glam-Pop-Nummern. Mädchen haben Abba gehört, wir Jungs nicht. Das war damals überhaupt nicht meine Welt – auch wenn ich die Musik heute zu schätzen weiß, weil die Songs einfach grandios sind.

Wann sind Sie selbst musikalisch aktiv geworden?

Mit 13 hatten wir die erste Schülerband mit ein paar Freunden, und ich habe Gitarre gespielt, mein Kumpel Bass. Von einem Vater haben wir einen riesigen Verstärker geschenkt bekommen, an den wir uns alle eingestöpselt haben. Wir haben englische Musik gemacht und Stücke teilweise selbst geschrieben. Dass ich mal Schlager interpretiere, war damals noch ganz, ganz weit weg.

Welche Kindheits- und Jugenderinnerungen haben Sie an jene Zeit, abseits der Musik?

Was da so richtig gut oder schlecht war, kann ich Ihnen gar nicht sagen. Ich hatte eine ganz gute Kindheit. Hängen geblieben ist, dass mein Vater, der damals beim Landeskriminalamt gearbeitet hat, wegen des RAF-Terrors ziemlich in Aufruhr war – über Jahre. Das hat man gespürt im Haus, ich habe das auch ein Stück weit als bedrohlich empfunden.

Ihre Föhnwelle war in den 70ern modern. Aber wie sind Sie auf das Brusthaar-Toupet als Markenzeichen gekommen?

Vor unserem ersten Auftritt war uns klar, dass Jeans und Hemd allein nicht gehen, sondern dass das Outfit schon zu den 70er-Jahren passen muss. Da haben wir uns alle möglichen Bilder aus dieser Zeit angeschaut. Mir persönlich ist damals Ricky Shayne in Erinnerung geblieben, mit seinem offenen Hemd bei „Ich sprenge alle Ketten“. Da kamen bei ihm die Brusthaare immer oben heraus. Das fand ich beeindruckend – und darum habe ich gedacht: Ich brauche auch Haare auf der Brust. Da ich nie besonders behaart war, habe ich mir eben welche draufgeklebt.

Und woher bekommen Sie das künstliche Brusthaar?

Das kann man ganz einfach im Theaterbedarf kaufen. Die Zubereitung bleibt aber natürlich mein Geheimnis.

Mit welchem 70er-Jahre-Schlager verbinden Sie eine besondere Geschichte?

Da würde ich „Und es war Sommer“ von Peter Maffay nennen. Die Vorstellung, als Jugendlicher von einer älteren Frau verführt zu werden, fand ich sehr spannend.

Und ist die Vorstellung dann auch Wirklichkeit geworden?

(lacht) Ganz so war es nicht. Beim ersten Mal hat mich dann doch ein gleichaltriges Mädchen verführt.

Mit 16 wie in dem Lied?

Nein, die 16 habe ich nicht ganz geschafft, ich war etwas später dran. Ich glaube, ich war 17.

Sie kokettieren gern mit den Themen Liebe und Erotik. Wie stehen Sie zur Idee der freien Liebe, die 1968 aufkam?

Der Gedanke ist schön, vielleicht hätte ich mir das in jener Zeit vorstellen können und gern gelebt. Das Freie-Liebe-Ding hat sich aber auch nicht durchgesetzt. Ich glaube nicht, dass das praktikabel ist, wenn man selbst eine gewisse Eifersucht in sich trägt. Das würde über meine Toleranzgrenze hinausgehen. Es ist nicht so, dass ich nichts erlebt hätte, aber so freizügig war ich nie.

Was passiert mit der Unterwäsche, die Ihnen weibliche Fans  bei Konzerten zuwerfen?

Die schönsten Stücke nehmen wir mit nach Hause, und sie werden eingelagert. Wir haben über die Jahre schon ziemlich viel gesammelt. In unserem Archiv gibt es ein paar volle Kisten von früher. Wir haben aus den vielen BHs mal einen Vorhang geknüpft, der riesengroß ist. Wenn man den aufhängt, sieht er aus wie ein Tarnnetz. Aber alles können wir nicht mehr aufheben.

Landen auch mal außergewöhnliche Dinge bei Ihnen, über die Sie schmunzeln müssen?

Es fliegen auch schon mal Sextoys, zum Beispiel irgendwelche Vibratoren, und Kondompäckchen auf die Bühne. Das kommt aber mittlerweile nicht mehr ganz so häufig vor.

Info Bis Freitagnachmittag waren rund 8000 Tickets für das Konzert in Ludwigsburg verkauft. An diesem Samstag gibt es ab 18 Uhr noch Karten an der Abendkasse. Los geht es um 20.15 Uhr.

Zur Person

Dieter Thomas Kuhn wurde am 7. Januar 1965 in Tübingen geboren und lebt mit Freundin und 13-jähriger Tochter noch heute in seiner Heimatstadt. Anfang der 90er-Jahre begann der ausgebildete Masseur mit seiner „Kapelle“ genannten Band, deutsche Schlager aus den 70ern zu spielen – und hatte großen Erfolg damit. Das Bandsymbol ist die Sonnenblume. Kuhns Markenzeichen bei Auftritten sind farbenfrohe Glitzeranzüge, Brusthaar-Toupet und Föhnwelle. Letztere hat ihm den Spitznamen „die singende Föhnwelle“ eingebracht. Privat hört DTK gern Robbie Williams. ae

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