AKW-Bauschutt „Strahlung ist nicht ungefährlich“

Neckarwestheim/Stuttgart.  / bz 17.01.2017

Die Art und Weise, mit der Bauschutt abgerissener Atomkraftwerke als normaler Müll freigegeben wird, sei „gesundheitlich verantwortbar“. Zwei Worte mit hohem Empörungspotential, auch für die Region, denn unter anderen bei Horrheim sollen weiterhin unter anderem Beton, Ziegel oder Fliesen aus dem AKW Neckarwestheim auf die Deponie kommen. „Gesundheitlich verantwortbar“ – mit dieser Aussage hat der Präsident der Landes-Ärztekammer, Ulrich Clever, am Wochenende einen Beschluss seiner Kammer relativiert (die BZ berichtete), welche sich gegen das angewendete Verfahren ausgesprochen hatte. Clever sagte nun, dass es zwar diesbezüglich keine unschädliche Strahlung gebe, allerdings begrenze das Verfahren das Risiko „auf ein sehr niedriges Niveau“.

Die Kritik erfolgt prompt. „Warum distanziert sich Dr. Clever voreilig von einer Resolution des Ärzteparlaments, die in großer Ernsthaftigkeit und aus ärztlicher Verantwortung beschlossen wurde?“, heißt es in einer gemeinsamen Mitteilung der Initiative „AG Atom Erbe Neckarwestheim“ und der „IG Deponien Schwieberdingen und Horrheim“ vom Montag.

Die ärztliche Ethik gebiete einen vorsorgenden Gesundheitsschutz, und den gewährleiste das geplante Konzept nicht, so Jörg Schmid, ein promovierter Arzt und aktiv im Bündnis „AG Atom Erbe Neckarwestheim“.

Gegner sehen zwei Lösungen

Die Relativierung des Ärtzekammerpräsidenten war am Sonntag umgehend über eine Mitteilung aus dem Landesumweltministerum verbreitet worden, in der Minister Franz Untersteller (Grüne) die „Klarstellung“ Clevers begrüßte und zum wiederholten Mal darauf hinwies, dass die natürliche Strahlung, der jeder Mensch in Deutschland ausgesetzt sei, um ein vielfaches höher sei als der Grenzwert für Bauschutt aus Atomkraftwerken, der hierzulande auf gewöhnliche Deponien dürfe.

„Eine Schwelle, unterhalb derer Strahlung ungefährlich wäre, existiert nicht“, kontert Dierk-Christian Vogt von der Horrheimer und Schwieberdinger Interessengemeinschaft. Auch er ist Mediziner.

Die beiden Initiativen sehen nur zwei „realistische Strategien“ des Abrisses und der Lagerung: die Atomkraftwerke stehen lassen und weitgehend entkernen, oder einen Komplettabriss mit bewachter Lagerung des Materials in einem Bunker. Martin Tröster