Schwerpunkt Integration „Özil ist kein Maßstab“

Macit Karaahmetoglu, zu Besuch im Bietigheimer Verlagshaus.
Macit Karaahmetoglu, zu Besuch im Bietigheimer Verlagshaus. © Foto: Helmut Pangerl
Kreis Ludwigsburg / Frank Ruppert 04.08.2018

Macit Karaahmetoglu ist in der Türkei geboren und als Elfjähriger nach Deutschland gekommen. Über Hauptschule und Berufsfachschule gelang ihm das Abitur, heute betreibt er eine Anwaltskanzlei und ist der SPD-Kreisvorsitzende.

Herr Karaametoglu, Sie sind mit elf Jahren nach Deutschland gekommen. Wie war das damals für Sie, aus der Türkei nach Hemmingen zu ziehen?

Macit Karaahmetoglu: Mein Vater war Beamter in der Türkei. Er wollte mal was Neues sehen und ist deshalb mit meiner Mutter nach Deutschland gegangen. Meine Schwester und ich wurden dann nach ein paar Jahren nachgeholt. Meine Eltern haben bei Bosch in Feuerbach gearbeitet. Ich bin gerne nach Deutschland gekommen weil die Trennung schwierig war. Auch sonst hat es mir hier gut gefallen.

Konnten Sie schon Deutsch, als Sie hergekommen sind?

Nein, aber meine Eltern wollten dass wir studieren. Sie haben schon am Anfang gesagt, dass wir die türkische Community meiden sollen, weil wir dann eben nicht Deutsch lernen. Ich bin zum Beispiel in den Spielmanns- und Fanfarenzug in Hemmingen eingetreten und habe sehr schnell Deutsch gelernt.

Sie sind aber nicht Ihr ganzes Leben der türkischen Gemeinschaft ferngeblieben.

Das kam dann später während des Studiums. Weil die Zahlen der türkischstämmigen Studenten noch sehr überschaubar waren, hat man sich an der Uni eher zusammengetan, auch mit Studenten anderer Fachbereiche.

Ist Ihnen in Ihrem Leben auch schon Rassismus entgegengeschlagen?

Natürlich. Ich hatte mal eine deutsche Freundin. Ihr Vater war der Meinung, die Moslems hätten Jesus umgebracht. Es ist mir nicht gelungen, ihm klar zu machen, dass die Religion erst 500 Jahre nach dem Tod Jesus entstanden ist. Es sind Dinge, mit denen man eben kämpfen muss. Heute finde ich es witzig, ich weiß allerdings nicht, ob ich das damals auch so empfand.

Wie sehen Sie die aktuelle Debatte um Integration und Rassismus? Ist Mesut Özil integriert?

Bei einem Fußballer, der mal in Madrid, mal in London lebt, stellt sich die Frage eigentlich nicht. Eine Gesellschaft, die sich das fragt, sollte sich selbst hinterfragen.

Aber mit seinen Aussagen beim Rücktritt hat er ja schon eine Debatte über Integration und versteckten Rassismus losgetreten.

Man muss die Debatte trennen zwischen dem Thema Rassismus und dem Anstoß der ganzen Geschichte, seinem Treffen mit Erdogan. Mehr als fragwürdig finde ich, dass sich ein so prominenter Fußballer mit Erdogan trifft, vor allem vor dem Hintergrund, dass sehr viele Menschen unter Erdogans Führungsstil leiden und teilweise in Gefängnissen gelandet sind. Ich nehme es Özil nicht ab, dass ihm nicht klar war, welche Bedeutung das hat.

Das hat aber nach Ihrer Einschätzung nichts mit der Rassismus-Debatte zu tun.

Genau. Wer sich mit einem fremd klingenden Namen zum Beispiel eine Wohnung anschaut oder sich auf eine Stelle bewirbt, der wird merken, dass gewisse Vorbehalte gegenüber Menschen mit Migrationshintergrund bestehen. Jeder, der das bestreitet, lebt nicht in der Realität.

Woran liegt es, dass es diese Vorbehalte immer noch gibt?

Das ist nicht alleine ein deutsches Problem. Es liegt daran, dass Menschen dazu neigen, alles, was fremd ist, als gefährlich oder schlecht hinzustellen. In Deutschland kommt noch hinzu, dass man vielleicht durch die Geschichte der Arbeitsmigration alles, was fremd ist, automatisch als wenig qualifiziert versteht.

Aber wie Sie haben doch mittlerweile sehr viele Migrantenkinder Karriere gemacht.

Das Bild bricht natürlich langsam, aber es braucht eben seine Zeit. Was in 60 Jahren entstanden ist, kriegt man nicht in 20 Jahren weg. Es braucht einfach Zeit.

Kriegen Sie es mit, dass viele Migranten das Gefühl haben, nicht komplett anerkannt zu werden in Deutschland?

Selbstverständlich und ich verstehe das auch bei Mesut Özil. Es ist ein großer Fehler, jemanden wie Reinhard Grindel an die Spitze des DFB zu setzen. Der Job hat eine sehr wichtige Funktion für Deutschland. Dass man Özil für das Versagen bei der WM verantwortlich gemacht hat, hat schon satirische Züge.

Was könnte man denn tun, damit es weniger versteckten Rassismus gibt?

Es ist wichtig, die Kinder früh zu erziehen und ihnen deutlich zu machen, wie unfair es ist, jemanden wegen seiner Herkunft zu diskriminieren. Aber auch Migranten müssen ihren Teil dazu beitragen und sich auch gegenseitig kritisieren. Das eigene Fehlverhalten ist manchmal wirklich nur das eigene Fehlverhalten und hat dann nichts mit Rassismus zu tun.

Als ein Zeichen mangelnder Integration wird häufig der hohe Stimmanteil gesehen, den Erdogan bei Wahlen hier erzielt.

Selbstverständlich polarisiert Erdogan. Er macht das ganz bewusst. Er will sich als Beschützer der Türken profilieren. Er macht oft heute etwas ganz anderes als er gestern noch angekündigt hat. Ich finde es deswegen ganz erstaunlich, dass die Türken ihn nicht durchschauen. Er vergiftet das Verhältnis in Deutschland. Er schadet der türkischen Community ungemein. Da liegt es leider auf der Hand, dass das die Populisten auf der anderen Seite aufgreifen.

Wie ernst nehmen Erdogan-Wähler in Deutschland die Grundprinzipen Freiheit und Demokratie?

Man kann das nicht so vereinfachen. Nicht alle türkischstämmigen Menschen sind wahlberechtigt in der Türkei. Das verzerrt die Situation auch. Viele wählen Erdogan, weil er den Deutschen die Meinung sagt. Sie sehen in ihm fälschlicherweise denjenigen, der für sie streitet.

Muss Integration überhaupt sein? Erdogan spricht ja auch  von Assimilation, die Deutschland fordere.

Aissimilation ist gegeben, wenn etwa jemand seine Wurzeln verbergen muss oder den Namen ändert. Das darf nicht sein, aber Integration muss sein. Dazu gehört es, die Sprache zu lernen und gewisse Werte zu akzeptieren. Mehr als 90 Prozent der Türkischstämmigen haben damit auch kein Problem, etwa mit der Gleichberechtigung oder anderen Religionen. Man darf die türkische Community nicht danach beurteilen, dass ein großer Teil Erdogan wählt. Für viele ist es eben ein Kontern der Ausgrenzungsmechanismen in Deutschland.

Wie kann man diesen Protest anders auffangen oder in konstruktive Bahnen lenken?

Die Zeit nach Erdogan naht. Solange er an der Macht ist, wird sich da nichts ändern. Er wird ja auch immer wieder mit Hitler verglichen. Erdogan hat nicht annähernd die kriminelle Energie wie Hitler, aber was Populismus angeht, hätte vielleicht sogar Hitler noch was von ihm lernen können.

Welche Rolle spielt der Terrorismus bei der Integration?

Das hat die Sache erschwert. Ich finde es ärgerlich, dass Extremisten damit genau das erreichen, was sie wollen. Aber wir leben in einem weltoffenen Land. Wir müssen auch feststellen, wie gut es in Deutschland eigentlich funktioniert.

Glauben Sie, dass Özils Äußerung am Ende sogar etwas Gutes für die Integrationskultur in Deutschland bewirken können?

Das war ein Riesenrückschritt. Özil ist kein Maßstab, um die Integration in Deutschland zu beurteilen. An den Fall wird man sich noch in 30 Jahren erinnern als Rückschritt. Auch, dass man es überhaupt hat soweit kommen lassen. Man hatte ja schon vorher die Möglichkeit auf die Bremse zu treten. Das ist eben ein Fußballspieler, der den Erdogan toll findet. Das kann man kritisieren, aber die Maßlosigkeit mit der man das getan hat, ist rational nicht erklärbar.

Von Rize nach Hemmingen

Macit Karaahmetoglu wurde am 11. Juli 1968 im türkischen Rize geboren. Mit elf Jahren kommt er nach Deutschland. Seine Eltern arbeiteten damals bei Bosch in Feuerbach und leben in Hemmingen. Karaahmetoglu besucht erst die Hauptschule in Hemmingen und dann die Berufsfachschule in Leonberg. Das Abitur macht er dann am Technischen Gymnasium in Leonberg. Nach der Schule studiert er Jura in Heidelberg und Tübingen und gründet 1997 seine eigene Kanzlei in Ditzingen, die er heute noch betreibt. Er ist Mitglied des SPD-Landesvorstands und des Migrationsbeirats seiner Partei. fr

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