Interview „Ludwigsburg ist teurer als Hamburg“

In Ludwigsburg wird derzeit viel gebaut und nachverdichtet. Aber noch nicht genug – noch immer sind 1500 Menschen auf der Suche nach einer Wohnung.
In Ludwigsburg wird derzeit viel gebaut und nachverdichtet. Aber noch nicht genug – noch immer sind 1500 Menschen auf der Suche nach einer Wohnung. © Foto: Werner Kuhnle
Kreis Ludwigsburg / Heidi Vogelhuber 12.07.2018

Überall in Deutschland fehlt es an Wohnungen. Das ist natürlich nichts Neues, doch seit einiger Zeit tritt das Thema wieder öfters in den Fokus, und wird heiß diskutiert. Wie der Kreis Ludwigsburg in puncto Wohnungsknappheit tatsächlich dasteht und wer davon betroffen ist, berichtet Dr. Eckart Bohn, Vorsitzender des Mieterbunds für Stadt und Kreis Ludwigsburg im Gespräch mit der BZ.

Herr Bohn, jetzt mal Hand aufs Herz: Wie sieht’s derzeit auf dem Wohnungsmarkt aus? Fehlen im Kreis tatsächlich so viele Wohnungen, und das nur durch die Zuwanderung von Flüchtlingen?

Dr. Eckart Bohn: Es gibt natürlich viel zu wenig Wohnungen. Aber mich beziehungsweise uns als Mieterbund ärgert es, dass die Wohnungsnot eigentlich nur noch im Zusammenhang mit Flüchtlingen diskutiert wird. Das ist grundfalsch! Die Wohnungsnot hat sich schon Jahre vorher ganz handfest angedeutet. Wir sind seit Anfang der letzten Legislaturperiode gegenüber der Landesregierung immer wieder laut geworden, man müsse etwas tun im Wohnungsbau, im Allgemeinen und bei bezahlbaren Wohnungen insbesondere.

Wen betrifft die Wohnungsnot? Sind es größtenteils Sozialhilfeempfänger, die nichts passendes finden?

Bohn: Wenn man sich die Gesamtheit der Wohnungssuchenden anschaut, ist das eher eine Randgruppe. Bezahlbares Wohnen beschränkt sich keineswegs auf Sozialhilfe- oder Hartz IV-Empfänger. Es tun sich heute viele „normale“ Gehaltsempfänger schwer eine Wohnung zu finden, die sie bezahlen können. Ein Handwerker, ein Polizist, eine Erzieherin verdienen durchschnittlich vielleicht 2500 Euro brutto. Schaut man sich die gestiegenen Wohnkosten an, wird klar: es brennt eigentlich überall.

Können Sie sagen, wie viele Menschen derzeit auf der Suche nach einer Wohnung sind?

In Ludwigsburg sind es rund 1500 Wohnungssuchende. Die Zahl ist eher steigend als schwindend. An dieser Zahl ist ablesbar, dass neue Baugebiete gebraucht werden und Nachverdichtung alleine nicht ausreicht. Wenn man allerdings nicht alles zubauen will, muss urban, also in die Höhe, gedacht werden. Nur dann können notwendige Grünflächen erhalten werden. Mit einer intelligenten Stadtplanung geht das auch.

Der Mieterbund streitet ja schon lange für mehr Wohnbau. Wie äußert sich die Regierung Ihnen gegenüber?

Die Politik hat nicht reagiert. Das ist typisch für die Politik – Politik reagiert erst, wenn der Druck groß genug ist und das Fass eigentlich schon überläuft. Dieser Überlauf kam dann durch die Flüchtlinge. Aber diese waren nicht der Auslöser, das muss ich immer wieder betonen. Man muss einfach sagen: Wir haben zu wenig Wohnungen. Und dann kommt noch dazu, dass die Zahl der Sozialwohnungen schwindet, weil die Bindungen auslaufen. Die Landesregierung hat aber ein Angebot gemacht, das nun immer mehr Kommunen in Anspruch nehmen: Es werden Ausgleichszahlungen gezahlt, wenn ehemalige Sozialwohnungen oder auch frei finanzierte Wohnungen in Sozialwohnungsbindungen gebracht werden.

Was ändert sich durch die Deklarierung zur Sozialwohnung?

Die Eigentümer sind dann verpflichtet, Personen mit Wohnberechtigungsbescheinigungen aufzunehmen. Die Sozialwohnungsmiete ist dann die Grundlage, und es kann nicht mehr die Marktmiete verlangt werden. Deshalb dann auch der Ausgleich.

Wie kam das Angebot in den Kommunen an? Wo ist der Sozialwohnungsbau besonders angestiegen?

In Bietigheim-Bissingen sind Stadt und Bietigheimer Wohnbau schnell darauf eingegangen, und viele freie Wohnungen wurden wieder in den Sozialwohnungsbestand überführt. Das war vor knapp zwei Jahren.

Wie stehen Sie zur Nachverdichtung und wie schätzen sie die Erfolgschancen ein?

Das war eine ganze Weile die Lösung für alle Probleme. Nachverdichtung und Innenbebauung sind aber nur teilweise möglich und haben sich auch als sehr schwierig erwiesen. Es wurden viele Nachbarschaftsansprüche geltend gemacht. Viele Hausbesitzer wollen, dass das unbebaute Grundstück nebenan auch weiterhin unbebaut bleibt. Nicht nur wegen dem schönen Ausblick, sondern auch wegen des Verkehrs, der dann ansteigt.

Haben Sie in jüngster Zeit Veränderungen auf dem Wohnungsmarkt festgestellt? Was sind die größten Probleme für Mieter?

In der Tat. Kündigungen spielen eine viel größere Rolle als noch vor zwei Jahren. Die Zahl, vor allem an sogenannten Eigenbedarfskündigungen, ist eklatant angewachsen. Das hängt natürlich mit dem höheren Mietniveau zusammen. Der Mietspiegel erfasst nämlich nur Bestandsmieten, nicht aber die Neuvermietungen. Bestandsmieten können innerhalb von drei Jahren nur um 20 Prozent erhöht werden. Bei Neuvermietungen herrscht der Markt. Die Grenze zu Mietwucher ist da natürlich relativ hoch. Das ist auch ein Indikator der Marktlage: Eigenbedarfskündigungen sind stark angestiegen. In den Beratungen des Mieterbunds stellt sich oft die Frage, ob tatsächlich aus Eigenbedarf gekündigt wurde, oder ob die Wohnung später neu vermietet wird.

Und? Wie oft trifft es zu beziehungsweise wie oft können Sie die Vermieter des Betrugs überführen?

Es trifft sehr viel öfter zu als früher. Immer mehr Gerichte werden damit beschäftigt die vorgeschobenen Kündigung aufzudecken.

Wie groß ist denn die Wahrscheinlichkeit den Betrug nachzuweisen?

Groß. Allerdings sind die Leute bis zur Gerichtsverhandlung zumeist schon ausgezogen. Aber zumindest gibt es dann Schadensersatz und es muss dann der Umzug bezahlt werden. Dadurch soll ein finanzieller Ausgleich geschaffen werden.

Wie sehen Sie die zukünftige Entwicklung des Wohnungsmarkts? Lassen sich kommunale Unterschiede in der Herangehensweise feststellen?

Bietigheim-Bissingen zum Beispiel verfolgt einen eigenen Weg: Es wird über die Stiftung gebaut, die aus Geldern der Bietigheimer Wohnbau und Geldern aus dem städtischen Haushalt gespeist wird. Die Wohnungen bleiben dann im Eigentum der Stiftung, und die Stadt kann somit sehr variabel auf die aktuelle Wohnlage reagieren. In Ludwigsburg gibt es ein gemischtes Programm. Einerseits werden Wohnungen über das soziale Wohnungsbauprogramm des Landes gebaut. Laut Beschluss des Gemeinderats, müssen aber auch private Bauträger bei Bauvorhaben mindestens 20 Prozent bezahlbares Wohnen realisieren. Dies können und sollten die Gemeinderäte jeder Kommune beschließen.

Funktioniert das denn?

Es beginnt sich durchzusetzen. Allerdings sieht der Mieterbund den Prozentsatz an bezahlbaren Wohnungen als die unterste Grenze an. Andere Städte sind da schon viel weiter. Zum Vergleich: vor vier Jahren war das Mietniveau in Ludwigsburg deutlich unter jenem in Hamburg, heute hat Ludwigsburg ein deutlich höheres Mietniveau, trotz geringerer Größe. Auch der Abstand zwischen Ludwigsburg und Stuttgart schwankt: In den letzten Jahren ist Ludwigsburg allerdings im Durchschnitt elf Prozent unter dem Stuttgarter Mietniveau.

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