Schwerpunkt „Es gibt keine schnelle Lösung“

Thomas Kiwitt ist Leitender Technischer Direktor für den Bereich Planung in der Region Stuttgart und sagt: „Das Verkehrssystem hat längst die Grenzen der Leistungsfähigkeit erreicht.“
Thomas Kiwitt ist Leitender Technischer Direktor für den Bereich Planung in der Region Stuttgart und sagt: „Das Verkehrssystem hat längst die Grenzen der Leistungsfähigkeit erreicht.“ © Foto: Ferdinando Iannone©
Andreas Lukesch 13.07.2018

Thomas Kiwitt hat einen der schwierigeren Jobs in der Region Stuttgart. Er ist Regionalplaner und als solcher verantwortlich dafür, dass sich ein hoch verdichteter Ballungsraum weiter entwickeln kann und dies unter Berücksichtigung unzähliger Interessen.

Herr Kiwitt: Was ist wichtiger: Gewerbeflächen, Siedlungsentwicklung oder Verkehrsinfrastruktur?

Thomas Kiwitt Da kann es keine Priorisierung geben. Schon seit der Württembergischen Eisenbahn hat die Verkehrsinfrastruktur die Siedlungsentwicklung bestimmt. Für eine nachhaltige Regionalentwicklung ist es wichtig, alle drei Themenfelder – aber auch noch weitere Aspekte wie zum Beispiele Naturschutz und Flächenverbrauch – zu berücksichtigen.

Wenn das so ist, dann besteht aber offensichtlich der größte Handlungsbedarf beim Verkehr, denn der kollabiert mittlerweile mehrmals täglich in der Region rund um Stuttgart.

Das ist richtig. Wir merken das im Alltag, aber ganz besonders bei außergewöhnlichen Ereignissen, wie größeren Unfällen. Oder wenn ein Helene-Fischer-Konzert und ein VfB-Heimspiel gleichzeitig stattfinden. Das kann den Kern der Region lahmlegen. Das Verkehrssystem hat längst die Grenzen der Leistungsfähigkeit erreicht.

Wie konnte es soweit kommen?

Die Engpässe beobachten wir seit geraumer Zeit. Aber insbesondere in den vergangenen zehn Jahren konnte der Ausbau der Verkehrsinfrastruktur mit der dynamischen Wirtschaftsentwicklung und auch den steigenden Einwohnerzahlen nicht mehr mithalten. Hinzu kommt, dass wir seit einigen Jahren nur noch sehr zögerlich Wohnungen bauen. Der ohnehin bestehende Mangel an Wohnraum verschärft sich damit weiter. Normalverdiener finden im S-Bahn-Bereich rund um Stuttgart faktisch keine bezahlbare Wohnung mehr. Die Folge ist: Die Menschen ziehen immer weiter in die Fläche. Dort ist die Anbindung an den ÖPNV allerdings nicht ausreichend, es bleibt nur das Auto und letztlich der Stau.

Wie kann die Lösung aussehen? Doch erst Wohnungsbau vor Straßenbau?

Wir brauchen ganzheitliche, integrierte Lösungen, die eine intelligente Nutzung der Verkehrssysteme ebenso einschließen wie eine koordinierte Entwicklung von Infrastruktur und neuen Wohn- und Gewerbegebieten.

Und wie erreichen Sie das?

Indem wir konkrete Vorschläge für solche Lösungen anbieten. Am kommenden Mittwoch steht der Regionalverkehrsplan in der Regionalversammlung zur Abstimmung. Mit ihm haben wir ein umfassendes Pflichtenheft für den Infrastrukturausbau in der Region vorgelegt. Diese Prioritätenliste beruht dabei auf einer umfassenden fachlichen Grundlage, einer Betrachtung der Umweltauswirkungen, der Beteiligung von Gemeinden, Fachbehörden, Verbänden und der Öffentlichkeit – und nicht zuletzt einer intensiven politischen Debatte in den regionalen Gremien. Ein wesentliches Werk, das zeigt, wie Abhilfe geschaffen werden kann.

Schön und gut, aber damit wird noch keine einzige neue Straße gebaut.

Bei den mittlerweile üblichen Realisierungszeiträumen gibt es leider keine schnelle Lösung. Aber damit es überhaupt weitergeht, müssen die regionalen Interessen formuliert und an die zuständigen Stellen bei Bund und Land adressiert werden. Dass man das Mögliche tut, ist zudem auch ein wichtiges Signal an die Menschen und die Wirtschaft in der Region – den die verschwenden ihre Zeit im Stau.

Den Prozess haben Sie aber nicht in der Hand. Zu viele Entscheider und Geldgeber mischen bei der Planung mit, allen voran der Bund.

Aber gerade darum ist es so wichtig, dass wir uns nicht still hinten anstellen, sondern die notwendigen Maßnahmen klar aufzeigen. Wenn 30 Prozent der Zuwanderung nach Baden-Württemberg in die Region Stuttgart kommen und 30 Prozent der Wirtschaftsleitung hier erbracht werden, ist das Grund genug, auch adäquate Infrastrukturmittel zu fordern.

Zum Beispiel für den Bau des Nord-Ost-Rings.

Der Nord-Ost-Ring wäre ein erheblicher Beitrag zur Entlastung des Stuttgarter Nordens. Er würde zugleich den Rems-Murr-Kreis schneller an die Autobahn bringen. Natürlich bedeutet der Bau einer solchen Querachse einen erheblichen Flächenverbrauch und Eingriffe in die Natur – und er ist teuer.  Dennoch weist gerade dieses Vorhaben ein herausragendes Kosten-Nutzen-Verhältnis auf. Aber das alleine bewirkt natürlich noch keinen Konsens.

Bei Ihrer Überzeugungsarbeit in den Gemeinderäten stoßen Sie zunehmend auch auf Widerstand, etwa wenn es darum geht neue Gewerbeflächen auszuweisen. Die Kritiker argumentieren auch mit dem Argument, dass zusätzliches Gewerbe mehr Verkehr erzeugt.

Wir beobachten in der Tat eine abnehmende Akzeptanz gegenüber der Erweiterung von Gewerbegebieten – und Wohngebieten übrigens auch. Die Gründe hierfür sind sicher vielschichtig. Dennoch ist häufig die bereits bestehende Überlastung der Verkehrswege ein wichtiger (und nachvollziehbarer) Ablehnungsgrund. Allerdings steht gerade jetzt mit Digitalisierung und Einführung neuer Antriebstechniken ein weitreichender Umbau der Industrie an. Die Standortentscheidungen der Unternehmen werden jetzt getroffen – und wer hier keinen Bauplatz findet, sucht ihn eben andernorts. Das gilt es zu vermeiden.

Ihr einziger Trost ist dann wohl, dass andere Ballungsräume vergleichbare Probleme haben.

Viele Ballungsräume leiden an überlasteten Verkehrswegen, aber kaum ein Wirtschafszentrum hat mit ähnlichen topgrafischen Herausforderungen zu kämpfen wie die Region Stuttgart.

Info Im Wochenschwerpunkt führte die BZ Interviews zu gesellschaftlichen Herausforderungen jenseits der Asylpolitik, darunter Pflege, Wohnen und Verkehr.

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