Der Rückzug von Andrea Nahles wird von lokalen SPD-Politikern unterschiedlich bewertet. Für den Ingersheimer SPD-Ortsvereinsvorsitzenden Thorsten Majer war der Rücktritt Nahles konsequent. „Ich persönlich hatte immer ein kritisches Verhältnis zu ihr, was aber so gut wie nie etwas mit ihrer Arbeit zu tun hatte. Es war nur von vornherein klar, dass sie als Galionsfigur eine Fehlbesetzung war und auf Dauer keinen Rückhalt in der Partei und schon gar nicht in der Bevölkerung haben würde“, so Majer. Nahles habe sich selbst und der SPD mit dem Amt keinen Gefallen getan. „Trotzdem war und ist die Art und Weise, wie insbesondere auch die Öffentlichkeit über Menschen wie Andrea Nahles richtet, grenzwertig bis verabscheuungswürdig“, so Majer.

Für Daniel Haas, Vorsitzender der SPD in Pleidelsheim und stellvertretender SPD-Kreisvorsitzender, ist der Rücktritt von Nahles konsequent und überrasche ihn, zumindest zum jetzigen Zeitpunkt. Viele Probleme, in denen die SPD steckt, seien nicht erst in der Amtszeit von Andrea Nahles als Fraktions- und Parteichefin entstanden. „Wir haben in der SPD bundesweit bislang keinen Plan B – weder inhaltlich, noch programmatisch, noch personell. Wir müssen uns jetzt alle zusammenreißen“, so Haas. Es gehe um den Fortbestand der deutschen Sozialdemokratie.

Wie die SPD am Montag meldete, werden Thorsten Schäfer-Gümbel, Manuela Schwesig und Malu Dreyer kommissarisch Nahles Posten übernehmen. Bietigheim-Bissingens Oberbürgermeister Jürgen Kessing sieht diese Entscheidung positiv: „Das Trio kann was.“ Generell wünsche er sich aber mehr Bürgermeister an der Spitze seiner Partei. Denn die seien nah an den Bürgern und „Politik für die Bürger“ habe die SPD lange ausgezeichnet.

Für den SPD-Kreisrat kam Nahles Rücktritt überraschend. Viele Menschen seien mit Nahles „Baustellen-Rhetorik“, wie es Kessing nennt, und mit Personalentscheidungen wie im Fall von Hans-Georg Maaßen nicht zurecht gekommen. Trotzdem bleibt Kessing positiv, auch im Bezug auf die Große Koalition. „Ich hoffe, es wird weiterhin vernünftige Politik gemacht.“ Die Unruhe könne Deutschland nicht gebrauchen. „Die GroKo hat keine schlechte Arbeit geleistet“, sagt der Bietigheimer klar. Kessing blickt positiv in die Zukunft und hofft, dass die SPD gestärkt aus der Sache geht.

Als neuer Parteichef wird auch der Juso-Vorsitzende Kevin Kühnert gehandelt. Für David Schwarz, Juso-Vorsitzender im Kreis Ludwigsburg, wäre das keine schlechte Wahl, aber nicht die Lösung. „Grundsätzlich ist es eine gute Idee, jungen Leuten mehr Verantwortung zu übertragen. Ob Kevin Kühnert der neue SPD-Vorsitzende wird oder nicht, ist aber gar nicht so entscheidend. Es hängt nicht an einer einzelnen Person.“

Für ihn hat die SPD vor allem eine Glaubwürdigkeitsproblem. „Wir haben oft eigentlich gute Ideen. Aber wenn wir die dann schön groß veröffentlicht haben, können wir sie nicht umsetzen. Und das ist ganz zentral der Großen Koalition geschuldet“, sagt er. Zwar seien auch die Kompromisse nicht immer ganz schlecht. „Aber nach außen entsteht der Eindruck, die SPD sei wieder eingeknickt.“

Für Schwarz ist klar: „Wir müssen aus der GroKo raus.“ Denn dass die aktuelle Bundesregierung die großen grundsätzlichen Fragen beantwortet, „ist eine Illusion“. Die Schritte bei Klimaschutz, Digitalisierung oder Wohnraum reichten nicht aus, um auf die drängenden Probleme der Zeit zu reagieren. Die SPD müsse wieder ihr Profil schärfen. Zum Beispiel beim Thema Arbeit der Zukunft, das Schwarz für nicht weniger zentral als den Klimaschutz hält.

Auch Bruno Kneisler, Vorsitzender des SPD-Stadtverbandes Besigheim, Gemmrigheim, Walheim, sagt: Nach dem Rücktritt von Andrea Nahles sollte sich die SPD aus der Großen Koalition zurückziehen und „in der Opposition über Inhalte nachdenken“. Die Sozialdemokraten haben in der Regierung „gute Dinge durchgebracht“, findet er, aber „sie zählen nicht für die SPD“.  Die Abschaffung des Atomstroms, die Mütterrente, die Abschaffung der Wehrpflicht, später  das Gute Kita-Gesetz, dies alles seien  Forderungen der Sozialdemokraten gewesen. Sie umgesetzt zu haben, „wird aber Merkel zugeschrieben“. Was Kneisler, der nach eigener Aussage vor zwei Jahren nur „widerwillig“ eine Fortsetzung der Koalition zugestimmt hatte,  ärgert, ist eine Regierung, die „jeden Tag die schwarze Null anbietet“.  Daran beteiligt ist bekanntlich insbesondere  der sozialdemokratische Finanzminister Olaf Scholz.

Inhalte sind wichtiger als Person, macht Kneisler im Gespräch mehrfach deutlich. „Wer jedes Jahr die Führungsmannschaft austauscht, macht noch keine gute Politik.“  Und dennoch dringt auch Kritik an der Parteispitze in der Person von Andrea Nahles durch. Nach dem schlechten Abschneiden der Europawahl und den Verluste in Bremen, wo die SPD seit 70 Jahren regiert, „muss man schon was erklären können“, sagt er.