Landkreis Ludwigsburg / Frank Ruppert  Uhr

Inklusion ist ein erklärtes Ziel der Bildungspolitik im Land, gleichzeitig beklagte sich der Vorsitzende des Lehrerverbands VBE, Gerhard Brand, öffentlich darüber, dass die Rahmenbedingungen an den Schulen „absolut unzureichend“ seien. Ein Alarmzeichen ist für ihn, dass die Akzeptanz der Inklusion unter den Lehrern gesunken ist. In einer Umfrage von 2015 hielten rund zwei Drittel der Lehrer den gemeinsamen Unterricht für sinnvoll – jetzt sind es noch 56 Prozent. Die BZ hat mit einer Expertin auf dem Gebiet gesprochen. Professorin Dr. Kerstin Merz-Atalik lehrt an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg und forscht auf dem Gebiet der Sonderpädagogik.

Frau Merz-Atalik, wie sehen Sie die Situation der Inklusion an Schulen in Baden-Württemberg?

Merz-Atalik: Ich bin seit zwölf Jahren im Land. Ich bin enttäuscht, weil sich zwar viele Menschen für ein inklusiveres Bildungssystem engagieren, wir aber auf zwei Themengebieten zu wenig für die notwendigen Rahmenbedingungen tun.

Welche Themenfelder meinen Sie?

Das ist einmal die Fort- und Weiterbildung der Lehrer und zum anderen die Steuerungsebene. Einem kürzlich veröffentlichten Bundesländervergleich kann man entnehmen, dass in Baden-Württemberg die Zahl der Kinder prozentual zunimmt, die an Sonderschulen unterrichtet werden. Wir diskutieren Inklusion und gleichzeitig passiert im Bildungssystem ein umgekehrter Effekt. Wir haben bundesweit die höchste direkte Einschulungsquote an Sonderschulen. Die Kinder bekommen gar nicht erst die Chance an eine Allgemeine Schule zu gehen, gleichzeitig haben die Schulen dadurch gar nicht die Möglichkeit sich auf neue Entwicklungen einzustellen.

Woran liegt es, dass so viele dann doch eher die Sonderschulen wählen?

Das liegt daran, dass wir das Elternwahlrecht haben. Das entspricht aber nicht den Vorstellungen der UN-Behindertenrechtskonvention. Das Recht auf inklusive Bildung ist ein Individualrecht. Von einem Wahlrecht kann man in Baden-Württemberg eigentlich nicht sprechen, weil wir alle Förder- und Unterstützungsmaßnahmen und Ressourcen aktuell nur im Bereich der Sonderschulen haben. Eltern, die sich für eine Allgemeine Schule für ihr Kind entscheiden, wissen, dass sie sich auf einen langen Durchsetzungskampf einlassen.

Da wählen viele verständlicherweise lieber den einfacheren Weg an die Sonderschulen.

Es ist nicht Aufgabe der Eltern für die Rahmenbedingungen an den Regelschulen zu kämpfen. In anderen Bundesländern geht das viel besser, da sind Schüler mit Förderbedarf bis zu 80 oder 90 Prozent an Allgemeinen Schulen, bei uns sind es nur 10 Prozent. In Schleswig-Holstein werden zum Beispiel Grundschulen seit 20 Jahren mit Sonderpädagogen ausgestattet, so dass diese sich auch zu inklusiven Schulen entwickeln können. Übrigens werden dort auch Sonderschulen mit Regellehrkräften ausgestattet. Wenn man die Schule nur als Raum betrachtet, kann sich jede Schule zur inklusiven Schule weiterentwickeln.

Was ist die Ursache? Unfähigkeit oder tatsächlich Unwille in der Politik?

Das ist eine Mischung aus verschiedenen Dingen. Inklusion steht im Widerspruch zum segregierten Schulsystem. Wenn ein geistig behindertes Kind ein Gymnasium besuchen kann, wie legitimiere ich dann, dass „Hauptschüler“ auf die Hauptschule müssen. Wir haben ja auch die Einführung der Gesamtschulen lange Zeit verschlafen. Die Vorstellung vom Lernen in einer heterogenen Lerngruppe lässt sich hier politisch schwerer vertreten als anderswo.

Warum ist das gerade in Baden-Württemberg so?

Im Prinzip ist es noch das Denken in der Ständegesellschaft. Es gibt nur fünf Länder in Europa, die ein solches segregiertes Schulsystem haben. Ein Umdenken ist notwendig. Inklusion kann nur erfolgreich sein, wenn es auch ein Stück Schulentwicklung gibt. Es reicht auch nicht, die zukünftigen Lehrer darauf vorzubereiten. Es bräuchte Schulbegleitforschung und Professionalisierung mit Fort- und Weiterbildung. Wir haben aber in der Region auch Schulen, die das ganz gut machen, etwa die Grundschule Pattonville. Die engagieren sich für inklusive Bildung, haben unter anderem auch ein Kind, das im Rollstuhl sitzt, aber kein barrierefreies Schulhaus. Deshalb haben sie kurzerhand das Klassenzimmer verlegt. Mit Flexibilität geht man dort drauf ein, weil man es will.

Was sind denn die Vorteile von Inklusion?

Ein zieldifferenter Unterricht soll jedes einzelne Kind mit seinen Fähigkeiten, Interessen und Stärken besser berücksichtigen. Die Bildungsangebote sollten individueller werden, denn das ist auch was wir später im Berufsleben brauchen. Ein weiteres Argument was immer vorgebracht wird ist das soziale Lernen. Bei uns sind Begriffe wie Solidarität mittlerweile negativ besetzt, ebenso wie Einheitsschule. In anderen Gesellschaften merkt man sehr schnell, dass Inklusion ein gesamtgesellschaftlicher Begriff ist. Wer miteinander aufwächst hat ein sehr viel höheres Verständnis dafür, was es heißt eine Behinderung zu haben. Wichtig ist auch, dass man nicht nur Kompetenzen erlernt, die man im Wirtschaftssystem braucht, sondern auch solche, die man für das Miteinander in einer durch Vielfalt geprägten Gesellschaft braucht oder in Pflegeberufen. Das ist nicht die Alleinverantwortung der Familie.

Welche Rolle spielt der Lehrermangel?

Das ist ein Riesenproblem, aber das ist auch eine Konsequenz aus politischen Fehlentscheidungen im Hinblick auf den Lehrerbedarf In Südtirol etwa wird ab 21 Kindern die Grundschulklasse geteilt. Wenn ein Lehrer weniger Kinder in der Klasse hat, wird er eher sagen, dass einige zusätzliche Stunden Aufwand möglich sind.

Wäre es denn eine Lösung, die Sonderschulen komplett abzuschaffen?

Das hat man in Italien gemacht, deshalb sind wir dort auch regelmäßig zu Studienzwecken. Bremen macht das auch im Moment. Dabei transferiert man die Ressourcen vom einem System in das andere. Die Reduzierung der Sonderschulen hat die UN uns im Übrigen auch empfohlen, leider passiert hier aber eher das Gegenteil. Wir haben die Ressourcen für die Inklusion, sie sind nur falsch verteilt.

Was könnte denn das Kultusministerium tun, damit es mit der Inklusion spürbar schneller bergauf geht?

Es könnte dem gemeinsamen Unterricht den Vorteil einräumen wie es die UN vorsieht, dann müssten die Eltern begründen, warum sie sich nicht für Inklusion entscheiden. Dann würden sich vielleicht auch die Allgemeinen Schulen eher auf den Weg machen. Man muss im Übrigen nicht warten, bis man ein Kind mit Behinderung hat, um den Unterricht zu differenzieren. Die Schulen können sofort damit anfangen, aber dieser Impuls fehlt eben an vielen Stellen noch.

Anerkannte Fachfrau auf dem Gebiet der Inklusion

Dr. Kerstin Merz-Atalik hat Erziehungswissenschaften mit Schwerpunkt Sonderpädagogik in Marburg studiert. Seit 2004 ist sie Professorin an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg mit dem Schwerpunkt „Pädagogik bei Behinderung und Benachteiligung/ Inklusion“. Ihre Forschungs- und Arbeitsschwerpunkte liegen auf der Lehrerbildung für Inklusion, der inklusiven Schulentwicklung, der Teamarbeit und Kooperation von Pädagogen im inklusiven Unterricht und Fragen der Pädagogik in der Migrationsgesellschaft.

Sie ist unter anderem Mitglied der Auswahlkommission zur Qualitätsoffensive Lehrerbildung am Bundesbildungsministerium und Fachreferentin für Inklusion im Grundschulverband Deutschland.

Sie hat 2018 einen Aufsatz zum Stand der Inklusion in Baden-Württemberg veröffentlicht. Er kann unter www.inklusion-online.net gefunden werden. bz