Bietigheim-Bissingen / Gabriele Szczegulski  Uhr

Das neue Schuljahr 2018/19 ist ein paar Wochen alt, die Probleme in den Schulen haben sich allerdings nicht verbessert. Martin Hettler, Kreisvorsitzender der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), spricht über den eklatanten Lehrermangel – gerade an Grundschulen – und wie sich dieser vor allem auf die Schüler und die Qualität des Unterrichts auswirkt.

Herr Hettler, ist der Lehrermangel der Grund allen Übels an den Schulen?

Martin Hettler: Ja, er ist das zentrale Problem, weil es lange nicht erkannt wurde und sich nun voll auswirkt. Es werden zu wenig Lehrer ausgebildet, weil jahrelang die Studienplätze für Lehrer heruntergefahren wurden, auch an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg. Problem ist auch, dass die Aufgaben für den einzelnen Lehrer mit Integration und Inklusion sowie dem Ganztag ständig mehr werden, es aber kaum zusätzliche Lehrerstellen gibt.

Nun ist die Zahl der Studienplätze für Grundschullehrer aber wieder erhöht worden, hat man das Problem erkannt?

Man hat Studienplätze umgeschichtet, nicht mehr geschaffen. Es wurden zugunsten der Studienplätze für Grundschullehrer die, der Sekundarstufe verringert. Es ist eine kurzfristige Lösung, die uns bald wieder auf die Füße fallen wird, wenn es denn irgendwann zu wenig Lehrer für die Sekundarstufe geben wird. Vor allem, da es bis Klasse 10 nur noch einen gemeinsamen Studiengang gibt.

Aber es heißt doch, in den Grundschulen fällt fast kein Unterricht aus, warum braucht man da mehr Lehrer?

Ja, so sagt es das Kultusministerium. Aber das ist ein Scheinargument: In der verlässlichen Grundschule kann man nicht einfach Stunden ausfallen lassen wie in weiterführenden Schulen. Da geht es ja auch um Betreuung. Einen Grundschüler kann man nicht einfach nach Hause schicken. Also fällt rein faktisch auch kein Unterricht aus. In der Realität sieht es so aus, dass oft ein Lehrer zwei Klassen mithilfe offener Türen betreut. Man stellt Schüler mit Aufgaben oder Spielen ruhig. Richtiger, qualitativ hochwertiger Unterricht ist das nicht. Zudem werden gerade in der Grundschule viele befristet Beschäftigte, Pensionäre oder anderer sogenannte Nichterfüller, also ohne Lehrerausbildung, beschäftigt.

Das heißt, das Problem an der Grundschule wird verzerrt?

Die Grundschule ist der Knackpunkt. Hier werden die Grundlagen für Bildungsfähigkeit gelegt. So lange man nicht dafür sorgt, dass in Grundschulen genügend, gut ausgebildete Lehrer unterrichten, darf man sich nicht beschweren, dass jeder fünfte Schüler, der die Grundschule verlässt, nicht richtig lesen kann.

Was wäre eine Lösung?

Die Regelungen für Lehrer an Grundschulen müssen grundsätzlich überdacht werden. Die Ausbildung muss von acht auf zehn Semester erhöht werden. Es muss möglich sein, ein Fach mehr zu studieren, um die Fachlichkeit der Grundschullehrer zu verbessern. Daher müssen mehr Studienplätze geschaffen werden, aber nicht auf Kosten des Sekundarbereichs. Die Gehälter der Grundschullehrer müssen an die für Lehrer an weiterführenden Schulen angepasst werden, sodass es attraktiver wird, Grundschullehrer zu werden. Rektoren an Grundschulen und Sonderschulen verdienen weniger als die an anderen und haben weniger Schulleiteranrechnungsstunden, weil Grundschulen natürlich oft kleiner sind. Oft müssen sie verwalterische Tätigkeiten in ihrer Freizeit machen, weil sie unterrichten müssen. In Baden-Württemberg wird im Vergleich mit den anderen Bundesländern am wenigsten in den Grundschulbereich investiert.

Sie meinen, die Aufgabe und Wichtigkeit der Grundschullehrer wird nicht genug wertgeschätzt?

Es wird nicht gesehen, wie sehr ein Schüler in der Grundschule geprägt wird und davon sein weiterer Bildungsweg abhängt. Es muss eine Aufwertung passieren. Damit einhergehend auch eine bessere Ausstattung der Grundschulen. Wenn die Tätigkeit des Grundschullehrers aufgewertet würde, würde es auch mehr Männer geben, die in diesen Bereich gehen, was ja oft gefordert wird.

Zurück zum Thema genereller Lehrermangel. Wie wirkt sich dieser aus Ihrer Sicht als Lehrer in den Schulen aus?

Es entsteht Unzufriedenheit. Jeder Lehrer muss heutzutage sehr viele Zusatzaufgaben erledigen, sitzt in unzähligen Gesprächsrunden oder Konferenzen. Den klassischen Lehrer, der morgens unterrichtet und mittags seinen Unterricht vorbereiten kann, gibt es nicht mehr. Die meisten Lehrer sind ganztags an der Schule, weil der Unterricht sich auf den ganzen Tag verteilt und dann andere Aufgaben erfüllt werden müssen. Es gibt an den meisten Schulen auch keinen Platz für die Arbeitsvorbereitung für Lehrer. Das klassische Lehrerzimmer mit einem Stuhl und einem winzigen Platz hinkt der Zeit hinterher, da passt oft der Laptop, wohlgemerkt der private, nicht drauf. Es sollte Arbeitsplätze für die Lehrer an den Schulen geben.

Ist Ihr Fazit, dass sich der Lehrerberuf, die äußeren Umstände zwar verändert haben, man aber seiner Zeit hinterherhinkt?

Natürlich. Schule hat sich verändert. Wir hinken mit der angemessenen Anzahl an Lehrkräften hinterher, mit der Bezahlung, mit der Ausstattung. Die Baustellen sind unzählig. Die Kommunen machen, was sie können, um hinterherzukommen, wenigstens die Schulen ausreichend auszustatten. Der Fehler liegt viel weiter oben, die Regierung ändert stetig ihren Anspruch an die Schulen, verändert aber nichts am System an sich. Ohne jammernd zu wirken, aber überlastete Lehrer sind nicht gut für die Bildung.

Apropos Kritik an den Lehrern: Wie stehen Sie zu den Meldeportalen, die die AfD installiert hat und auf denen man Lehrer melden kann, die sich kritisch der Partei gegenüber äußern.

Wer sich beschweren will, soll das tun. Wer ein pflichtbewusster Lehrer ist, der handelt nach dem Beutelsbacher Konsens, das heißt, er muss im Unterricht unterschiedliche Positionen, auch politische objektiv darstellen und darf nicht gegen das sogenannte Überwältigungsgebot verstoßen. Er sollte die Schüler nicht überfahren mit seiner Meinung, sondern Raum für eine eigene Meinung haben. Das Neutralitätsgebot darf jedoch nicht mit Wertneutralität verwechselt werden. Schule hat den klaren Auftrag, Schülern die freiheitlichen und demokratischen Grund- und Menschenrechte zu vermitteln. Privat allerdings hat jeder Lehrer das Recht, sich kritisch zur AfD zu stellen. Es ist auch wichtig, dass man in der Schule eine Wertevermittlung etabliert, daher wurde ja auch der Ethik-Unterricht aufgewertet und ausgeweitet.

Gewerkschaft für Erziehung (GEW)

Martin Hettler bildet zusammen mit Inken König den Kreisvorstand der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) im Kreis Ludwigsburg. Hettler ist Grund- und Hauptschullehrer an der Bissinger Waldschule. Momentan ist er freigestellt, weil er Personalrat beim staatlichen Schulamt Ludwigsburg ist.

Die GEW im Kreis Ludwigsburg hat 3000 Mitglieder. Sie vertritt Lehrkräfte, Erzieher, Beschäftigte an Hochschulen, in der Jugendhilfe, im Weiterbildungsbereich, in der Schulverwaltung und der Lehrerbildung, Studierende und Arbeitssuchende in diesem Bereich.  bz