Gewalt „Beschimpfungen sind bei uns alltäglich“

Ein Patient schlug einen Mitarbeiter des DRK mit der Faust ins Gesicht Foto:dpa
Ein Patient schlug einen Mitarbeiter des DRK mit der Faust ins Gesicht Foto:dpa © Foto: DPA
Kreis Ludwigsburg / Jürgen Kunz 11.10.2018

Obwohl sie sich eigentlich dafür einsetzen Menschenleben zu retten, sind Rettungskräfte immer wieder mit Menschen konfrontiert, die sie angreifen. Das bestätigt auch der Leiter der Rettungswache des DRK Bietigheim, Tobias Mäule.

Beispiele hat er genug parat, die zeigen, wie respektlos Rettungskräfte hin und wieder behandelt werden. Er berichtet über die Angehörigen eines Patienten, die Einsatzkräfte verbal angegriffen haben, weil sie angeblich mit der Versorgung nicht zufrieden waren. „Das endete schließlich in einem Polizeieinsatz und zwei Dellen in der Tür des Rettungswagens.“

Markus Schwarzbauer, stellvertretender Sachgebietsleiter im Rettungsdienst der Johanniter-Unfall-Hilfe der Region Ludwigsburg, erinnert sich an einen gewalttätigen Patienten: „Die Besatzung wurde zu einer bewusstlosen Person gerufen. Beim Ansprechen ist er ausgerastet und hat den Kollegen mit der Faust ins Gesicht geschlagen.“ Kreisbrandmeister Andy Dorroch berichtet von Schaulustigen, die sich bei ihm beschwerten, er versperre ihnen die Sicht. „Mir fehlen die Worte, die Gewalt im Bereich der Feuerwehr nimmt zu.“ Er kommentiert: „Es ist ein unerklärliches Phänomen.“

Respektlosigkeit und Drohungen

Nichtsdestotrotz meint Mäule: „Meiner Einschätzung nach hat die körperliche Gewalt gegenüber Einsatzkräften nicht zugenommen.“ Die Berichterstattung über soziale Medien bringe die Ereignisse nur mehr ins Bewusstsein. Was aber zunehmend auftrete, seien Respektlosigkeit und verbale Drohungen. Dorroch ergänzt, das fange bei „Haut ab“ an und reiche bis zu „Ich hau dir eine auf die Fresse!“.

Etwas anders sieht es Schwarzbauer: „Ja, es ist schlimmer geworden.“ Jedoch ist das Ausmaß hier in der Region nicht wie in anderen Bundesländern. Der Respekt vor den Einsatzkräften im Rettungsdienst habe deutlich nachgelassen, stimmt er Mäule zu. „Beschimpfungen sind bei uns alltäglich.“ Doch er stellt noch etwas klar: „Trotz allem gehört körperliche Gewalt nicht zum Alltag.“ Um Gewalt einzudämmen, schlägt er vor: „Man sollte die Öffentlichkeit mehr ins Boot holen.“

Um sich auf Gewaltfälle vorzubereiten, besuchen Retter  im Rahmen von Fort- und Weiterbildungsveranstaltungen ein Deeskalationstraining. Auch Grundkurse in Selbstverteidigung werden angeboten. Dies stellt aber immer die letzte Möglichkeit dar, so Mäule. Die Johanniter-Unfall-Hilfe bietet ebenso derartige Schulungen für ihre Mitarbeiter im Rettungsdienst an. So lernen die Einsatzkräfte mit schwierigen Situationen besser umzugehen.

„In erster Linie versuchen wir die Situation zu deeskalieren, sollte dies nicht funktionieren, ist Rückzug und Alarmierung der Polizei eine Möglichkeit“, führt er fort.

Der Ludwigsburger Polizeisprecher Peter Widenhorn sagt: „Es geht vor allem darum, Mitarbeiter von Rettungsdiensten und Feuerwehren auch gegenüber aggressiven Personen handlungssicher zu machen. Wir haben in diesem Zusammenhang mit unseren Einsatztrainern bereits Verhaltens- und Handlungstraining für Feuerwehr und Rettungsdienst durchgeführt.“

Rettungskräfte, die nach einer Gewalttat noch leiden und das Erlebte verarbeiten müssen, sind sich nicht selbst überlassen. „Es gibt speziell geschulte Einsatznachsorgeteams der Notfallseelsorge. Diese in Anspruch zu nehmen, steht allen Einsatzkräften, ob Polizei, Feuerwehr oder Rettungsdienst offen“, so Mäule.

Kreisbrandmeister Dorroch betont: Gewaltphänomene sind ein Zeichen der Zeit. „Wir müssen die Menschen wach rütteln und das Thema offen ansprechen.“

Attacken gegen Rettungskräfte: Zahlen und Fakten

Laut Polizeistatistik hat es im Landkreis Ludwigsburg im Jahr 2013 neun Fälle von Gewalt gegen Rettungskräfte gegeben. Zu den Opfern zählen elf Rettungskräfte und ein Feuerwehrangehöriger. 2014 waren es zwölf Vorfälle, bei denen insgesamt 14 Rettungskräfte von ihrer Arbeit abgehalten wurden.

2015 gingen die Vorkommnisse auf vier zurück. Dementsprechend waren auch weniger Rettungskräfte von Gewalt betroffen, nämlich sechs. 2016 spricht die Polizei von fünf Fällen. Die Zahl der Opfer stieg auf sieben. Im Jahr 2017 verdoppelten sich die Attacken, und elf Retter wurden bedrängt. Im laufenden Jahr sind bisher zwei Gewalttaten registriert worden.

Nach Angaben der Polizei geht die Gewalt von alkoholisierten Personen aus sowie von psychisch Auffälligen, aber auch von Menschen, die unter dem Druck des aktuellen Geschehens stehen und deswegen überreagieren. ifi

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