Bietigheim-Bissingen / Frank Ruppert

Nach dem Kongress zum Thema Kindesmissbrauch im Vatikan hat sich der Bischof der Diözese Rottenburg-Stuttgart, Gebhard Fürst, zu Wort gemeldet. Unter anderem sollen in der Kommission sexueller Missbrauch der Diözese nur noch Ehrenamtliche stimmberechtigt sein. Fürst regt auch einen unabhängigen Gerichtshof aller Diözesen sowie eine „überdiözesane unabhängige Verwaltungsgerichtsbarkeit“ an.

Darüber hinaus sollen in den nächsten Jahren mehr als 15 000 Beschäftigte und viele tausend Ehrenamtliche zum Thema Missbrauch sensibilisiert werden. In der Akademie der Diözese in Hohenheim ist für Juli das erste Präventionsforum geplant.

Wie sieht die Basis den Vatikan-Kongress und die Pläne des Bischofs? Die BZ hat Johannes Schockenhof, Zweiter Vorsitzender des Kirchengemeinderats der katholischen Kirchengemeinde Sankt Laurentius in Bietigheim gefragt.

Herr Schockenhoff, wie fällt ihr Fazit zum Kongress des Vatikan aus?

Johannes Schockenhoff: Positiv ist, dass das Thema Missbrauch jetzt auch in Rom so breit und öffentlich diskutiert wird. Bei vielen Bischöfen und Kardinälen, auch in Deutschland, fehlt aber noch der unbedingte Wille zur Aufklärung und zur Wiedergutmachung den Opfern gegenüber. Auch wurde noch nicht eindeutig der Zusammenhang zwischen den Missbrauchsfällen und den kirchlichen Strukturen eingestanden, die Missbrauch zumindest begünstigt haben.

Was sagen Sie zum Vorstoß des Bischofs?

Dieser ist positiv zu bewerten, Bischof Fürst geht hier tatsächlich seinen Bischofskollegen deutlich voraus. Er akzeptiert beispielsweise, dass eine Aufarbeitung nur über unabhängige Kommissionen erfolgen kann, und setzt das in seiner Diözese auch um. Er ist übrigens schon seit vielen Jahren hier Vorreiter in der Deutschen Bischofskonferenz, und hat die Reflexion der persönlichen Sexualität verpflichtend in die Priesterausbildung aufgenommen.

Haben Sie die Hoffnung, dass sich etwas ändert in der katholischen Kirche?

Ja, die habe ich. Immer mehr Bischöfe werden weitergehende Veränderungen fordern und umsetzen und diejenigen, die sich lieber durchlavieren wollen, geraten zunehmend in die Defensive. Die jetzigen Entscheidungen werden Zwischenergebnisse bleiben.

Können Sie die Enttäuschung der Opfer-Vertreter über die Papst-Aussagen nachvollziehen?

Natürlich kann ich diese nachvollziehen, denn die Opfer können sich nicht mit den aktuellen Aussagen und Ergebnissen zufrieden geben. Dafür war und ist das erfahrene Leid zu groß. Daher sehen die Opfer eher das, was bislang noch nicht erreicht ist.