Kreis „Armut hat vor allem ein weibliches Gesicht“

Der Diakonieladen in Bietigheim-Bissingen ist für Viele nicht nur eine gute Gelegenheit, sich günstig einzukleiden, er fungiert mit seinem Café und in Nachbarschaft zum Tafelladen auch als Treffpunkt.
Der Diakonieladen in Bietigheim-Bissingen ist für Viele nicht nur eine gute Gelegenheit, sich günstig einzukleiden, er fungiert mit seinem Café und in Nachbarschaft zum Tafelladen auch als Treffpunkt. © Foto: Martin Kalb
Landkreis Ludwigsburg / Frank Ruppert 02.11.2018

Vollbeschäftigung, die Wirtschaft brummt - in der Region geht es vielen Menschen gut, aber eben nicht allen. Armut ist auch im wohlhabenden Landkreis Ludwigsburg und der schuldenfreien Stadt Bietigheim-Bissingen ein großes Thema, auch wenn sich das Problem schwer in Zahlen ausdrücken lässt. Aber die existzenssichernde Beratungen der Caritas im Landkreis sind etwa in knapp zehn Jahren von 2500 pro Jahr auf mehr als 7000 gestiegen.

„Es gibt viele verschiedene Formen von Armut. Neben der rein materiellen gibt es da etwa auch die soziale“, sagt Nadine Bernecker vom Kreisdiakonieverband. Häufig hingen diese verschiedenen Formen aber zusammen. „Wer wenig Geld hat, dem fehlt oft die Möglichkeit am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen, einfach weil man es sich nicht leisten kann, sich in einem Café mit jemandem zu treffen“, erklärt Bernecker. Deshalb gibt es in Bietigheim-Bissingen etwa neben dem Tafelladen, wo Menschen sich günstig Lebensmittel kaufen können, auch einen Diakonieladen für Kleidung und andere Gegenstände. Zum Diakonieladen gehört auch ein Café in dem man für wenig Geld einen Kaffee trinken kann. „Die Funktion als Treffpunkt ist hier sehr wichtig“, sagt Georg Voigtländer, der Leiter der Diakonischen Bezirksstelle Bietigheim-Bissingen.

Steigende Mieten als Problem

„Klar gibt es auch in reichen Gegenden Armut“, sagt Voigtländer. Wo viele Reiche seien gebe es auch Arme. Manchmal bedinge das Eine das Andere auch. Wenn die Wirtschaft floriere, dann zum Teil auch wegen billiger Arbeit und solche prekären Jobs führten immer öfter dazu, dass Menschen nicht von ihrem Einkommen leben können. „Die Entwicklung, dass es immer mehr Aufstocker, also Menschen, die trotz Rente oder Vollzeitjob Sozialleistungen beziehen müssen, um über die Runden zu kommen gibt, können wir auch in der Region beobachten“, sagt Bernecker. In Verbindung mit den steigenden Mieten und der angespannten Lage auf dem Wohnungsmarkt seien niedrige Löhne existenzgefährdend.

„Die Not der Menschen spitzt sich immer mehr zu“, sagt auch Natalie Vivaldi von der Caritas Ludwigsburg-Waiblingen-Enz. Das hänge zum etwa mit den viel zu knapp kalkulierten Existenzminimum und den steigenden Lebenshaltungskosten zusammen.

„Armut hat vor allem ein weibliches Gesicht“, erklärt Bernecker. Frauen seien häufiger von Armut betroffen oder armutgefährdet. „Ob das die Seniorin ist, die nur eine kleine Rente bekommt, weil sie sich um die Kinder gekümmert hat oder einfach als Frau weniger Geld verdient hat, oder die Alleinerziehende Mutter, die Kindererziehung und Arbeit alleine stemmen muss“, führt Bernecker aus.

Armut könne außerdem jeden treffen. Schon eine Krankheit oder ein Unglücksfall seien oft existenzgefährdend. Daher seien auch die Menschen, die ihre Hilfen wie die Beratungen und die Läden annähmen sehr unterschiedlich. „Wenn etwa eine ältere Frau zu uns kommt, deren Rente nicht mehr ausreicht, weil Miete und Medikamentenzuzahlung zu teuer sind, dann informieren wir, dass man mit einem Antrag die Zuzahlung bei der Kasse streichen lassen kann, wenn man zu wenig Einkommen hat“, sagt Voigtländer. Wenn jemanden hohe Schulden drücken werde etwa bei einer Schuldnerberatung genau nach den Ausgaben geguckt. „Ich schätze, dass in gut 90 Prozent der Armutsfälle, die Menschen nicht schuldhaft in die Lage geraten sind“, erklärt Voigtländer. Was Voigtländer und Bernecker selbst am liebsten sofort ändern würden: Die große Bürokratie, die Ärmeren aufgeladen werde. Wer eine Leistung beantrage, werde wie ein Bittsteller behandelt und müsse sich durch eine Wust an Papieren kämpfen. „Das ist schon schwer genug, wenn man die Sprache beherrscht, wer auch damit Probleme hat, kommt alleine gar nicht zurecht“, sagt Voigtländer. Zu den positiven Seiten ihrer Arbeit gehören für beide vor allem die vielen Ehrenamtlichen.

Überschrift Infokasten einzeilig

Anlauf steht hier Text für einen dreispaltigen Infokasten. bz

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel