Kreis Heidenheim / Michael Brendel Wie funktioniert das Zeitungsmachen? Wie arbeitet die HZ-Redaktion? Was erleben die Redakteure in ihrem Alltag? Einmal in der Woche bietet „Zwischen den Zeilen“ einen Blick hinter die Kulissen.

Die Zeiten ändern sich. Unablässig. Manchmal gegenläufig. Beispiel: die Berichterstattung über die Opfer von Verbrechen und Unfällen. Der Blick in eine vor 60 Jahren erschienene Ausgabe der Heidenheimer Zeitung offenbart Bemerkenswertes. Ohne dass jemand aufbegehrt hätte, ist dort nachzulesen, dass der 43-jährige Malergeselle Wilhelm Häberle aus Mergelstetten auf dem Rückweg von seinem Stammtisch im „Goldenen Hirsch“ mit dem Moped von der Straße abgekommen und aufgrund eines Schädelbruchs verstorben ist. Außerdem hat sich der 62 Jahre alte Postbote Hans Bächle aus Heidenheim erhängt, weil er die Trennung von seiner Frau nicht verkraftete.

So weit, so schlecht. Denn jeder vernünftige Mensch wird zustimmen, dass derartige Details die Allgemeinheit nichts angehen. Und selbstverständlich wurden die Originalnamen für diesen Artikel verändert.

Man hätte durchaus anderes erwarten können. Schließlich ist es in Zeiten des Internets und der sozialen Medien nicht nur ein Leichtes, sondern auch weit verbreitete Selbstverständlichkeit, unter dem Deckmantel der Anonymität intimste Details aus dem Leben beliebiger Menschen in die Gegend zu blasen. Damit einher geht immer wieder die unverblümte Aufforderung auch an uns, klipp und klar zu sagen, wer sein Auto betrunken gegen einen Baum gelenkt hat. Begründung: Längst machten doch Gerüchte die Runde.

Und das ist der entscheidende Punkt. Es ist zwar Aufgabe der Presse, über Straftaten, Ermittlungs- und Gerichtsverfahren zu berichten. Allerdings hat sie auch die Pflicht, zwischen dem Informationsinteresse der Öffentlichkeit und den schutzwürdigen Interessen der Betroffenen abzuwägen. Als Richtschnur gelten die Publizistischen Grundsätze des Presserats.

Demnach ist für das Verständnis eines Unfallgeschehens, Unglücks- oder Tathergangs die Identität des Opfers in der Regel unerheblich. Name und Foto können veröffentlicht werden, falls die Person bzw. ihre Angehörigen zugestimmt haben. Oder sofern es sich um eine Person des öffentlichen Lebens handelt und ein Zusammenhang zwischen Amt, Mandat oder gesellschaftlicher Rolle sowie dem Geschehen besteht.

Ganz besonders eng ist der Spielraum bei einer Selbsttötung. Das Frankfurter Netzwerk Suizidprävention bittet um eine angemessene Zurückhaltung, um die Persönlichkeitsrechte der Toten und ihrer Hinterbliebenen zu wahren. Und um Nachahmungstaten keinen Vorschub zu leisten. Wir sehen das genauso. Deshalb muss bisweilen eine aus Sicht mancher Leser dürftige Berichterstattung zumindest so lange genügen, bis die fundierte Aussage einer verlässlichen Quelle wie der Polizei vorliegt.