Neresheim-Ohmenheim / hz 221 Buchkästchen aus Holz stehen im Wohnzimmer von Karlheinz und Marion Miarka. Die beiden sammeln Bücher, die aus verschiedenen Baumarten gefertigt sind.

Wird aus einem Leberwurstbaum, einem Taschentuchbaum oder einem Kuchenbaum ein Buch, stecken bestimmt Marion und Karlheinz Miarka dahinter. Die beiden sind nämlich unentwegt auf der Suche nach neuen Hölzern, mit denen sie ihre Xylothek im heimischen Wohnzimmer in Neresheim-Ohmenheim erweitern können. Nein, eine Xylothek hat rein gar nichts mit Xylophonen zu tun. „Das hören wir so oft“, erzählt Marion Miarka. Aber da sie den Ausdruck anfangs selbst nicht kannte, kann sie die Annahme nachvollziehen. Die 53-Jährige definiert ihre Sammlung so: „Es ist ein kompletter Baum in Buchform. Das Buch ist wie ein Schmuckkästchen, das man öffnen kann. Es ist aus dem Holz einer Baumart gemacht und von der Knospe bis zur Blüte ist alles drin – alles von einem Baum.“

Begonnen hatte alles mit einer Zeitschrift, aus der Marion Miarka im Juni 2007 erfuhr, was eine Xylothek überhaupt ist. Die Beschreibung weckte ihr Interesse: „Es hat mich fasziniert, dass man einen Baum in ein Buch packen kann.“ Außerdem hatte die Erzieherin herausgefunden, dass sich im Kloster Neresheim eine Sammlung von Pater Candid Huber befindet, woraufhin sie mit Hilfe einer Kollegin einen Termin vereinbarte, um sich die Kloster-Xylothek anzusehen. „Das hat aber dann doch nicht geklappt. Damals war die Sammlung noch nicht öffentlich zugänglich.“ Und weil seine Frau gar so enttäuscht zurückkam, brachte Karlheinz Miarka schließlich alles ins Rollen: Da er als Forstwirt mit Holzarbeiten vertraut ist, schlug er seiner Frau kurzerhand vor, ihr eine eigene Xylothek zu bauen.

„Die ersten Bücher habe ich aus Brennholz gemacht“, erzählt der 56-Jährige. Heute zieren 221 Buchkästchen das Wohnzimmer der Miarkas. Jedes Buch ist beschriftet und hat eine Nummer. Dazu gibt es eine fein säuberlich angelegte Liste. „In einem Buch stecken etwa acht bis zehn Arbeitsstunden, aber bis es wirklich fertig ist, kann es manchmal auch ein Jahr dauern.“

Um ein Buch herstellen zu können, braucht Miarka ein Stück Holz, das mindestens acht Zentimeter Durchmesser hat und 120 Zentimeter lang ist. „Wenn es krumm ist, dann brauche ich so viel wie möglich“, witzelt er. Das Holz sägt er in Bretter und lässt diese trocknen. „Das dauert unterschiedlich lange, je nach dem, wie lange es schon liegt. Man rechnet pro Zentimeter ein Jahr.“ Und da er das Holz auf einen Zentimeter Dicke sägt, trocknet es eben ein Jahr lang.

Wenn alle Leisten verleimt sind, misst das Buchkästchen am Ende 24 Zentimeter in der Länge, 17 in der Breite und etwa sechs in der Tiefe. „Sie sind alle gleich groߓ, erklärt Karlheinz Miarka. Auf ein Buch musste seine Frau sogar dreieinhalb Jahre lang warten. „Das Holz hat sich immer wieder gewellt, und ich musste von vorne anfangen. Jetzt ist es zwar fertig, aber es arbeitet immer noch.“ Er schätzt ein Buch vom Materialwert und von der Arbeitszeit her auf rund 100 Euro. „Aber der ideelle Wert ist viel größer.“ Das steckt Herzblut drin. Das Holz für die einzelnen Bücher sammelt das Ehepaar meist selbst. „Wenn wir etwas entdecken, fragen wir sofort nach, ob es noch gebraucht wird oder ob wir es mitnehmen dürfen.“ Selbst im Urlaub hält das Paar immer die Augen auf und hat ein Musterexemplar dabei. Denn wenn die Verständigung mit Worten nicht klappt, wird einfach gezeigt, worum es geht. „Man geht irgendwie bewusster durch die Welt“, bemerkt Marion Miarka.

Für ihren Beruf ist die Xylothek ebenfalls interessant. Die 53-Jährige ist nämlich nicht nur Erzieherin, sondern auch Waldpädagogin. Immer wieder nimmt sie Bücher mit zur Arbeit und zeigt den Kindern, welche Knospen und Früchte etwa der Erdbeerbaum oder der Tulpenbaum haben. Auch der Geruchs- und Tastsinn werden geschult: „Die Zeder ist zwar hart und sticht, hat aber den tollsten Geruch.“ Der Wollige Schneeball riecht tatsächlich nach alten Socken, und der chinesische Gemüsebaum nach Maggi. Bei der Amur-Blasenspiere hingegen bekommt Marion Miarka Lust auf Süßes: Die Rinde sieht aus wie zart blätternde Bitterschokolade. Ihrem Mann hingegen gefällt die Borke des Szechuan-Pfeffers, weil sie aussieht wie eine Mischung aus Krokodil und Warzenschwein. Und was fehlt noch in der Sammlung? Über eine Moorbirke würde sich Karlheinz Miarka freuen – passend zur Mooreiche, dem ältesten Exemplar ihrer Sammlung. Sie stammt etwa aus dem 14. Jahrhundert. Ansonsten freue er sich schlichtweg, wenn er das Holz beim Bearbeiten rieche. Und damit beginnt er bald wieder: „Manchmal schaffe ich über den Winter zehn bis 15 neue Bücher.“

Die Sammlung wächst und gedeiht, die Leidenschaft hat die Miarkas wirklich gepackt. Doch als Marion Miarka eines der Buchkästchen aufschlägt, fällt ihr ein winziges Löchlein auf. Mit Sorgenfalten auf der Stirn sagt sie: „Hoffentlich ist das kein Holzwurm.“