Sonnenuhr Wird schon so gewesen sein . . .

Ihre Zeitanzeige gibt gelegentlich zum Rätseln Anlass: Sonnenuhr am Langen Haus in Königsbronn. Ja, wie spät es denn nun wirklich?
Ihre Zeitanzeige gibt gelegentlich zum Rätseln Anlass: Sonnenuhr am Langen Haus in Königsbronn. Ja, wie spät es denn nun wirklich?
Königsbonn / Gerhard Konold 27.02.2014
Was die alte Sonnenuhr am Langen Haus mit unpünktlichen Handwerkern und einer speziellen Modeerscheinung zu tun hat, kann nur ein belesener Heimatforscher nachvollziehbar erklären. Augenzwinkernd versteht sich.

Hinter der Königsbronner Tankstelle erstreckt sich das „Lange Haus“, ein Gebäude aus dem 16. Jahrhundert. Auf der anderen Seite dieses Hauses, an der Bahnlinie, wurde 1573 eine Sonnenuhr angebracht. Weil sie in die Jahre gekommen ist, soll sie im Zuge der Renovierung des Langen Hauses eine Kosmetik-Kur bekommen. Bald soll es so weit sein.

Kann Königsbronn auf diese Uhr stolz sein? Zweifel kommen auf, sobald Sonnenschein den Zeiger dieser Uhr (den Schatten eines Stabs) ganz modern mit Solarantrieb über das Zifferblatt laufen lässt. Denn jetzt beginnt das Problem. Es wäre nicht schlimm, ginge die Uhr vor oder nach. So nah am Bahnhof rechnet man ohnehin ständig mit Unpünktlichkeit.

Ein Problem anderer Art

Nein, das Problem ist anderer Art: Je nachdem, wo man die Uhr abliest (oben, in der Mitte oder unten), kommt man auf das Ergebnis: etwa halb elf bis etwa halb ein Uhr. Was jetzt? Mit dieser Unsicherheit hat man am Brenzursprung nun schon seit Urzeiten (über 400 Jahre) leben müssen! Interessant ist, welche Folgen dies noch in jüngster Zeit nach sich zieht.

Die schlechte Ablesbarkeit der Sonnenuhr erklärt so manches Gebaren. Anscheinend haben die Handwerksbetriebe im Umkreis von Königsbronn diese Uhr zur Handwerks-Standard-Richtuhr bestimmt. Wenn ein Handwerker wie der Installateur beispielsweise dem Kunden gesagt hat, er käme um 2 Uhr, dann kommt er um 2 Uhr, so bald er meint, er kann diese Zeit auf der Sonnenuhr erkennen.

Und wenn grad die Sonne – Fluch der Solarkraft! – nicht scheint oder durch irgendwelche Schatten nichts abzulesen ist, dann kommt er halt nicht. Man will ja nicht zur Unzeit anrücken! Die Gemeinde hat unlängst gegenüber der Sonnenuhr – neben dem Museum – einen großen Parkplatz eingerichtet. Dort können die Handwerker mit bestem Blick auf die Sonnenuhr den richtigen Zeitpunkt abwarten, um zum Kunden loszubrausen. Wird schon so sein.

Früher ging's nicht anders

Vor langer Zeit begann die Arbeitszeit im Eisenwerk und in der Hammerschmiede bei Tagesanbruch, wenn einem die Hähne mit ihrem Krähen auf den Wecker gegangen waren. Wer nicht dort arbeitete, richtete sich nach der Sonnenuhr. Es ist schon genügend gesagt worden, wie wenig zuverlässig sie die Zeit anzeigte.

Deshalb wusste man nie so recht, wann es Zeit war, das Nachthemd auszuziehen und sich für den Tag anzuziehen. Das blieb den Bewohnern umliegender Dörfer nicht verborgen. Sie ersannen sogar einen Spottvers:? En Itzelberg ond Königsbronn schprengad d'Leit em Hemmad rom

Die Frauen und Mädchen spürten schon, dass es unten und auch oben etwas frisch wurde. Sie zogen deshalb oben ein Jäckchen drüber und unten eine lange elegante Hose drunter. Was die Männerwelt zunächst verwundert und befremdet erblickte, fand wie so oft außerhalb sofort Interesse, Zustimmung und Bewunderung. Besonders der Modeschöpfer Noon Guggemal konnte mit diesem neuen Look die Damen überzeugen und punkten. Heute hat sich dieser Kleiderstil, der also an der Brenzquelle seinen Ursprung hat, schon weit über Europa ausgebreitet.

Ob jetzt Königsbronn, Itzelberg, Berlin oder London – hier in Königsbronn wurde Modegeschichte geschrieben! Wird schon so gewesen sein.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel