Wie wird man vom Kampftrinker zum Spitzensportler?

Am Montag liest Johann Lendner in der Hammerschmiede aus seinem Buch „Die Promilleverlagerung – Mein Marathon zurück ins Leben“.
Am Montag liest Johann Lendner in der Hammerschmiede aus seinem Buch „Die Promilleverlagerung – Mein Marathon zurück ins Leben“.
Christine Weinschenk 04.05.2012
Was Johann Lendner macht, das macht er richtig. Das gilt für seine Laufkarriere ebenso wie für seine 20-jährige Karriere als exzessiver Trinker. Am Montag liest er in Königsbronn aus seinem Buch.

42 Kilometer weit zu laufen, sie zu rennen, dazu gehört schon was. Und 42 Kilometer in zwei Stunden und 42 Minuten zu schaffen, ist eine enorme Leistung. Dabei hat Johann Lendner einen Behinderungsgrad von 70 Prozent. Dennoch läuft er Zeiten, die für die meisten nicht gehandicapten Sportler unerreichbar sind. Begonnen hat er mit dem Lauftraining vor zwölf Jahren, nachdem er sich zwei Jahrzehnte lang fast um den Verstand getrunken hatte. Erst als er lernte zu laufen, lernte er auch wieder zu leben, sagt Lendner, der seine Geschichte schonungslos und selbstkritisch im Buch „Die Promilleverlagerung“ festgehalten hat.

Johann Lendner ist im Bayerischen Wald aufgewachsen. Anfang der 80er – Lendner ist 20 – zieht er nach München, um zu studieren. Er hat viele Talente, ist Vollblutstürmer, schreibt Songtexte. Schnell verliebt sich der Romantiker in Helen, eine Studentin aus England. Es ist für beide die große Liebe. Doch das Drama zeichnet sich ab: Helen gerät unter den Einfluss der Sekte Scientology und verschwindet spurlos. „Aus Schmerz und Angst hab' ich mich dann nur noch zugeschüttet“, sagt der heute 53-Jährige. Er betrinkt sich täglich bis zur Besinnungslosigkeit, lässt das Studium schleifen, ist drei Jahre im Dauer-Delirium.

Dann erreicht ihn die Nachricht von Helens Tod. Er gibt sich noch mehr dem Alkohol hin, ist kaum noch nüchtern und raucht 100 Zigaretten am Tag. „Ich hatte keinen Todeswunsch, aber ich wusste einfach nicht, wie ich leben sollte“, sagt Lendner.

Irgendwann gibt es Lichtblicke: ein Job als Texter in einer Werbeagentur und eine neue Liebe. Er reduziert seinen Alkoholkonsum, fängt wieder an, etwas Sport zu treiben und nimmt das Studium wieder auf. Was dann passiert, ist Lebenszynismus. In einer Nacht im Februar 1989 ist Lendner nachts auf dem Heimweg. Er ist nüchtern und zu Fuß unterwegs zu einem Taxi-Stand, als zwei Scheinwerfer auf ihn zu kommen. Außer Kontrolle rast ein Auto mit fast 100 Kilometern pro Stunde auf den Gehweg und erfasst ihn. 30 Meter wird er durch die Luft geschleudert. Die Ärzte im Klinikum rechts der Isar kämpfen drei Tage lang um sein Leben. Mit angenähtem Arm, dem Bein im Fixateur, genagelter Schulter, unzähligen Frakturen und schwerem Schädel-Hirn-Trauma kommt er wieder zu sich. „Einen Arm hat es mir bei dem Unfall fast weggerissen“, sagt Lendner. „Die Nerven wurden zerfetzt. Das ist irreparabel.“

Sein Kampfgeist ist zunächst dennoch geweckt. Doch die Genesung geht ihm nicht schnell genug. Besonders das Lesen fällt ihm schwer, Lendner kann Texte kaum erfassen und leidet an Konzentrationsschwierigkeiten. „Ich konnte wieder gehen, aber der Kopf hat nicht funktioniert. Dann bin ich wieder abgedriftet.“ Lendner wird depressiv. Wieder greift er zur Flasche und versäuft zig tausend Euro Schmerzensgeld.

In den Jahren danach macht er einige halbherzige Versuche, von seiner Alkoholsucht loszukommen. Ein Teufelskreis aus Entgiftung, Therapie und Rückfall. Lendner denkt darüber nach, sich das Leben zu nehmen. „Ich wollte mich der Welt einfach nicht mehr antun“, sagt er. „Ich hab' mich als Verlierer gefühlt und mich für mich selbst geschämt.“ Mittlerweile hat er Entzugserscheinungen, wenn der Alkohol in seinem Blut auf unter drei Promille fällt. Er säuft sogar Wundalkohol, um den Entzug zu mildern.

Im Laufe des Jahres 1999 reift der Wille zum Leben in ihm. Seine Familie und eine neue Frau an seiner Seite – das sind die großen Stützen. Zum Millennium soll alles anders werden. „Entweder totsaufen oder eine Generalsanierung, das waren meine Optionen“, sagt Lendner. Er will den Dämon rausschwitzen. Glaubt an die heilende Wirkung des Laufens. Die Idee Marathonläufer zu werden, etwas auf das seine Familie und er selbst stolz sein können, bestimmt mehr und mehr sein Denken. „Marathon, das hat Klang. Das ist ein Symbol und eine richtig große Herausforderung. Da klingt die Geschichte von 2500 Jahren mit. Ich wollte damit ein Zeichen setzen und mir meinen Selbstwert zurückholen“, sagt Lendner.

Er entscheidet sich, sich voll und ganz auf eine Therapie einzulassen. „Die Einsicht, dass ich mir helfen lassen muss, war wichtig“, sagt Lendner. „Wie viele Trinker dachte ich immer, dass ich es allein schaffen kann. Aber das ist ein Trugschluss.“

Zusätzlich zur ambulanten Therapie beginnt Lendner mit dem Training. „Nach ein paar hundert Metern war ich schon kaputt“, sagt er. „Es war eine Qual.“ Dennoch hat er sich durchgebissen. Am 20. Januar 2000 trinkt er seinen letzten Schluck Bier. Neun Monate später geht er bei seinem ersten Marathon an den Start. Mittlerweile ist Lendner einer der schnellsten Langstreckenläufer im Behindertensport und mehrfacher deutscher Meister. Auch sein Trainingspensum ist gewaltig: Gut 150 Kilometer pro Woche läuft er. Und er hat ein großes Ziel vor Augen: die Paralympics im August 2012 in London.

Info Der Eintritt zur Lesung am Montag, 7. Mai, ab 19.30 Uhr in der Hammerschmiede ist frei. Spenden gehen an den „Uganda-Kreis“ von Helene Dingler.
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