Eselsburger Tal Wenn Forscher über die Wiese jagen

Eselsburger Tal / Elena Kretschmer 20.07.2018
Im Eselsburger Tal sollen sich wieder mehr Wildbienen ansiedeln. Am Mittwoch war ein Team vor Ort, um ein Monitoring durchzuführen und zu sehen, wie sich das Vorhaben entwickelt.

Ein behender Schwung und schon sitzt die nächste Biene im Kescher. Vorsichtig nimmt Hans Schwenninger sie in seinen Bestimmungswürfel auf, zückt seine Lupe und schaut sich das Exemplar genau an. „Hier haben wir eine Glockenblumen-Sägehornbiene – melitta haemorrhoidalis“, erkennt er sofort. Dann lässt der Experte sie wieder fliegen, während seine Kollegin Hannah Burger sich noch Notizen macht. Beide sind Forscher der Universität Ulm.

Am Mittwoch waren sie im Eselsburger Tal unterwegs, um neue Erkenntnisse für ihr Forschungsprojekt zu erlangen. Ziel ist es, die biologische Vielfalt der Wildbienen wiederherzustellen.

Bereits im Mai 2017 hat das Projekt begonnen, das auf sechs Jahre angelegt ist. Im Frühjahr legte Landwirt Hans Bosch von der Biotal-Hofgemeinschaft einen Nisthügel an, die Forscher säten eine spezielle, regionale Blühmischung aus. Und seit diese blüht, kommt alle drei bis vier Wochen ein Team von Wissenschaftlern vorbei, um ein Monitoring vorzuführen. „Wir erfassen das Vorkommen von Wildbienen und kontrollieren die Bestände – eine Überwachung in Sachen Artenvielfalt sozusagen“, erklärt der 65-jährige Projektkoordinator Schwenninger. Bereits seit 35 Jahren hat er sich den Wildbienen verschrieben.

Hummeln sind auch Wildbienen

Das immense Wissen, das er sich in dieser Zeit angeeignet hat, ist für das Monitoring extrem hilfreich. Dadurch, dass Schwenninger von nahezu jeder Pflanze und jeder Biene oder Hummel – die übrigens auch zu den Wildbienen zählen – sowohl den wissenschaftlichen als auch den deutschen Namen kennt, kann die Überwachung bestandschonend durchgeführt werden. „Das bedeutet, wir fangen die Tiere, erfassen sie und lassen sie wieder frei.“ Und sollte er eine mal nicht auf Anhieb erkennen, hat das Team Fanggläschen im Gepäck.

Für die Erfassung trägt Burger ein Klemmbrett mit einem sogenannten Feldprotokoll mit sich herum. „Hier mache ich meine Aufschriebe, welche Pflanzen- und Bienenarten uns wo begegnen“, erklärt die 37-Jährige. Denn es sind nicht nur die drei Felder Blühmischung, die die beiden Experten untersuchen. „Außerdem haben wir noch drei Flächen naturnahen Bereich und die Kleinstruktur, wie wir sagen. Das sind quasi Kontrollflächen am Wegrand“, so Burger.

Baden-Württemberg als Forschungsschwerpunkt

An allen 20 Projekt-Standorten in Deutschland – von ihnen befinden sich acht in Baden-Württemberg – wurden die Flächen vorher festgelegt, um möglichst viele verschiedene Strukturen stichprobenartig untersuchen zu können. „Je größer der Querschnitt, desto mehr potenzielle Faktoren, die das Insektensterben erklären könnten.“ Jede Fläche wird 25 Minuten lang inspiziert, einmal vormittags und einmal nachmittags. Dabei wird auch notiert, ob die Wildbiene nur Nektar – von Schwenninger „Flugbenzin“ genannt – oder Pollen – mit wichtigen Eiweißen für die Larvenaufzucht – sammelt.

„Jetzt geht es schon in Richtung Spätsommer, da ist vieles schon verblüht und man sieht mehr Hummeln“, so Schwenninger. „Aber allgemein finden wir von den 585 bekannten Wildbienenarten etwa 80 bis 100 hier im Eselsburger Tal, darunter auch sehr seltene Arten wie die Ziest-Schlürfbiene, die eben nur an diese Pflanze, den Ziest geht.“ Am zweiten Standort im Landkreis Heidenheim, im Hirschtal, kommt sie auch vor.

Von Rotärschle bis Natternkopf

Besonders häufig begegnete Schwenninger und Burger gestern das „Rotärschle“, wie Hummelarten mit einem rötlichen Hinterleib gern liebevoll genannt werden, bei den Pflanzen waren es der Gewöhnliche Natternkopf und die Rundblättrige Glockenblume. Denn an bestimmten Pflanzen finden sich nur bestimmte Wildbienen – und genau diese Co-Evolution ist es, die Schwenninger so fasziniert: „Die Vernetzung, die zwischen Tier und Pflanze besteht, ist so eng.“ Stirbt eines aus, dann auf lange Sicht auch das andere.

Bienen-Villa in Premiumlage

Doch diesem Sterben sollen die Forschungen entgegenwirken und so werden alle am Forschungstag notierten Erkenntnisse in eine Datenbank eingepflegt und ausgewertet. „Das meiste machen wir zum Ende der Feldsaison, wenn es Richtung Winter geht“, so Burger.

Ob der eigens bei Eselsburg angelegte Nisthügel ein Erfolg ist, konnten beide gestern nicht sagen, da der zuständige Kollege krankheitsbedingt ausgefallen war. „Grundsätzlich ist das eine Villengegend für Bienen, sozusagen in Premiumlage“, sagt Schwenninger schmunzelnd.

Eine Checkliste für Wildbienenarten

Alle 585 bisher bekannten Wildbienenarten sind sorgfältig in einer Checkliste hinterlegt. Erstellt haben sie Hans Schwenninger und sein Kollege Erwin Scheuchl vom Wildbienen-Kataster.

Die Checkliste führt sowohl den wissenschaftlichen als auch den deutschen Namen der Wildbienen und Hummeln auf, außerdem Informationen zu Vorkommen und Verbreitung. Die Checkliste soll dazu beitragen, dass neben der Honigbiene auch die übrigen Bienenarten in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden, aber auch Fachleuten als Übersicht dienen. Die Liste wird ständig aktualisiert und kann unter www.wildbienen-kataster.de als PDF-Datei abgerufen werden.

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