Kreis Heidenheim Was war zu „Nabuccos“ Zeiten eigentlich in Heidenheim los?

Kreis Heidenheim / Manfred F. Kubiak 27.06.2018
Am Freitag hat Giuseppe Verdis „Nabucco“ Premiere. Was war, als die Babylonier Jerusalem angriffen, eigentlich in „Heidenheim“ los?

Zumindest in dieser Hinsicht macht es uns „Nabucco“ einfach, denn wir wissen sogar das Jahr der Handlung: 587 v. Chr. Librettist Temistocle Solera hat für die Geschichte der Oper die von ihm mit wildromantischen Zutaten versetzten Kapitel 24 und 25 des alttestamentarischen Zweiten Buchs der Könige als Grundlage genommen. Historischer Hintergrund ist die zweite Eroberung Jerusalems durch den babylonischen König Nebukadnezar II.

Nun könnte man darüber diskutieren, wie viel belegbare Wahrheit über die Jerusalem-Feldzüge des Nebukadnezar und das mit ihnen einhergehende babylonische Exil der Judäer im christlichen Alten Testament beziehungsweise im jüdischen Tanach zu finden sind. Oder auch darüber, von wie viel falschen Bildern wir infolge von Fehlinterpretationen oder religiös motivierter Mythologisierung der Ereignisse ausgehen dürfen.

Aus hiesiger Sicht womöglich noch interessanter aber könnte der Versuch eines Blicks zurück sein auf das, was sich wohl zu der Zeit, da Nebukadnezar vor den Toren Jerusalems anlangte, in unserer Gegend ereignet haben könnte.

Nichts Vergleichbares, so viel gleich vorweg. Und wenn doch, so hätten wir keine Kunde davon, da sich das Babylon von 587 v. Chr. und auf der anderen Seite das als solches noch gar nicht existierende Heidenheim nicht zuletzt dadurch unterschieden, dass die Babylonier bereits eine Schrift kannten, während die „Heidenheimer“ in völlig schriftloser Zeit ihrem Tagesgeschäft nachgingen und demzufolge, aus heutiger Einschätzung, kein Fall für den Historiker, sondern einer für den Archäologen waren.

Und diese wiederum fanden die Spuren jener „Heidenheimer“ bei Ausgrabungen von Grabhügelfeldern in den Seewiesen, bei Klein- und Großkuchen, Schnaitheim, Mergelstetten, Küpfendorf und Nattheim. Auch diverse Namen für die Zeit, die uns beschäftigt, haben die Archäologen parat: Ältere Eisenzeit, mittlere/späte Hallstattzeit, frühe Keltenzeit.

Bleiben wir in den Seewiesen: Dort wurden 1925 und 1926, von 1974 bis 1977, 1979, 1982 und 1983 64 Grabhügel und weitere umliegende Flachgräber freigelegt und untersucht, in denen auch sehr charakteristische Kegelhalsgefäße gefunden wurden, Keramikarbeiten, die man wohl um das Jahr 600 v. Chr. anfertigte, also ungefähr zu jener Zeit, als der später durch Verdi auch zum Opernheld aufsteigende Nebukadnezar erstmals Jerusalem eroberte.

Als Grabbeigaben in den Seewiesen wurden vor allen Dingen Geschirrsätze jedweder Größe, Schmuck- und Trachtenbestandteile wie Nadeln und Fibeln, aber auch Dinge des täglichen kosmetischen Lebens wie Pinzetten und Rasiermesser sowie wohl eher für die Jagd als für den Krieg gefertigte Pfeil- und Speerspitzen gefunden. Dies wertet, bei allem notwendigen Vorbehalt, Gereon Balle, der Leiter des städtischen Geschäftsbereichs für Historische Museen und Archiv, als Indiz dafür, dass sich, während weit im Osten Jerusalem belagert wurde, an der Brenz eher keine Kriegerkaste, sondern eine bäuerliche Dorfgemeinschaft tummelte, die Land-, Wald- und Weidewirtschaft betrieb.

Vielleicht sogar ein wenig Eisenverhüttung, denn an Bohnerz war die Gegend reich – und im Umfeld des Ipfs bei Bopfingen, dem Sitz eines keltischen Fürsten, dessen Arm sicherlich bis zur Brenz reichte, konnten Archäologen die Eisenverhüttung eindeutig nachweisen. Ebenso wie Handelsbeziehungen über die Alpen hinweg bis in den Mittelmeerraum, was die Vermutung nahelegt, dass auch die frühen keltischen „Heidenheimer“ wussten, dass es hinter den Bergen weitergeht.

Wie viel man wusste? „Wir interpretieren da“, sagt Gereon Balle. Und Ulrike Stich, die die Sammlung der Historischen Museen betreut, ergänzt: „Nehmen wir die 90 untersuchten Bestattungen in den Seewiesen. Wir können daraus nur bedingt darauf schließen, wie groß die dort lebenden Gemeinschaften waren, denn die archäologisch auswertbaren Überreste stellen immer nur einen Ausschnitt der damaligen Realität dar.“

Letztendlich also ist uns mehr Handfestes über das Babylon und das Jerusalem des Jahres 587 v. Chr. als über das „Heidenheim“ jener Zeit bekannt. Trotzdem nennt Gereon Balle das, was wir wissen, nicht nur lückenhaft, sondern auch „spannend“. Weil die Gesellschaft offenbar einer deutlich stärkeren Hierarchisierung als bis dahin üblich unterworfen war. „Gerade um diese Zeit herum muss etwas im Sozialgefüge der Menschen hier passiert sein, weil sich das Leben plötzlich mehr auf Zentralorte, die Fürstensitze konzentriert.“

Von denen es wiederum gar nicht so viele gab. Man weiß vom Ipf, dem für unsere Gegend maßgeblichen Fürstensitz, vom Würzburger Marienberg, vom Breisacher Münsterhügel, vom Hohenasperg bei Ludwigsburg oder von der Heuneburg bei Sigmaringen. Dort wiederum ereignete sich mehr oder weniger zeitgleich zum „Nabucco“-Abenteuer etwas, dem man dank dendrochronologischer Untersuchungen ein Datum geben kann. Denn im Jahr 583 v. Chr., also gerade mal vier Jahre nach den in der Oper kolportierten Vorgängen, starb auf der Heuneburg eine Zeitgenossin Nebukadnezars, eine Keltenfürstin, deren reich ausgestattetes Grab Ende 2010 von Archäologen entdeckt wurde.

Hallstattzeit oder Hallstattkultur wird die ältere vorrömische Eisenzeit in weiten Teilen Europas ab etwa dem Jahr 800 v. Chr. bis 450 v. Chr. genannt. Der Name, ein Vorschlag des schwedischen Prähistorikers Hans Hildebrand, resultiert daher, dass 1846 am Salzberg bei Hallstatt im österreichischen Salzkammergut ein ausgedehntes Gräberfeld entdeckt worden war. Die Ausstattung jedes einzelnen Grabes wurde durch vorzügliche Zeichnungen dokumentiert, eine Seltenheit in der Frühzeit der Archäologie.

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